Privat gezittert, öffentlich beschwichtigt
Es gibt eine alte Regel in Genf, die niemand aufzuschreiben wagt: Wer einen Vertrag unterschreibt, hat ihn bereits gebrochen — er hat nur noch nicht entschieden, an welcher Stelle. Dr. Anthony Fauci, damals Architekt der amerikanischen Seuchenabwehr, scheint diese Regel verinnerlicht zu haben. Am 25. Januar 2021 schrieb er seinem Kollegen Dr. Vivek Murthy und der CDC-Direktorin Dr. Rochelle Walensky in eine Textnachricht, was er der Öffentlichkeit in derselben Woche nicht sagen würde: Die zweite Dosis des mRNA-Impfstoffs erzeuge bei vielen Empfängern eine sogenannte Zytokinsturm-Symptomatik mit Fieber, und dies "theoretically could be associated with miscarriage in the 1st trimester."
Man lese diesen Satz zweimal. Dreimal. Denn neun Tage später, am 3. Februar 2021, sagte derselbe Mann in einer von der Zeitschrift JAMA live gestreamten Fragestunde, die FDA habe "bisher keine roten Flaggen" für Schwangere gefunden. Das Wort "theoretically" blieb in der Tasche. Das Wort "red flags" wanderte auf die Bühne.
So funktioniert das alte Spiel. Die wahren Sätze werden zwischen Tür und Angel gewechselt, mit gesenkter Stimme und entsperrtem Display; die beruhigenden Sätze werden auf das Podium gehoben, und die Kameras schneiden mit. Die Architektur ist immer dieselbe: oben die Fassade, unten das Fundament, und dazwischen ein Hohlraum, in den niemand hineinschauen darf.
Das Senate Homeland Security Committee, geführt von den Vorsitzenden Ron Johnson und Rand Paul, hat nun einen ersten Blick in diesen Hohlraum gewährt. Faucis dienstliches iPhone wurde übergeben, 34.000 Textnachrichten und 522 Sprachnachrichten. Drei Kontakte sind namentlich benannt. Alle übrigen Rufnummern tragen keinen Namen. Ob Daten gelöscht wurden, schreiben die Senatoren offen, sei "noch zu früh, um es zu bestimmen." Es ist die diplomatische Formulierung für: Wir wissen es nicht, und wir werden es möglicherweise nie erfahren.
Murthy fragte in derselben Konversation am 26. Januar 2021 nach, ob die WHO eine "starke" Empfehlung gegen Moderna für Schwangere ausgesprochen habe — und bezeichnete diese Erklärung als "potenziell sehr schädlich für das öffentliche Vertrauen unter Schwangeren." Es ist ein bemerkenswerter Satz. Nicht die Sorge um die Frauen steht im Vordergrund, sondern die Sorge um das Vertrauen. Die Gesundheit wird zur Währung, die öffentliche Stimmung zur Bilanz. Was als Wissenschaft verkauft wurde, erscheint hier als Marketingabteilung.
Walensky kommentierte Faucis Bedenken mit der Zustimmung, der Punkt sei "definitely a good point, especially after dose two." Eine Einigkeit, die nicht öffentlich wurde. Eine Übereinkunft, die nie auf das Podium wanderte. Fauci fügte intern hinzu, selbst medizinisches Fachpersonal — "even female health care professionals" — zeige "concern about injecting a 'genetic' vaccine very early in pregnancy," und es bestehe ein "misperception" darüber, dass mRNA "get into your genes" könne. Die Angst wird als Missverständnis verbucht. Das Eigeninteresse an ihrer Auflösung bleibt unsichtbar.
Monate später, als die Archive längst angerichtet waren, sprach Fauci weiter. Die Biden-Regierung hörte aus seinem Mund, dass "tens and tens and tens of thousands of women" vom CDC verfolgt worden seien und "keinerlei Hinweis" auf eine Zunahme negativer Schwangerschaftsverläufe bestünde. Schwangere sollten sich impfen lassen. Das war eindeutig. Das war beruhigend. Das war ein Vertrag, den die Unterzeichner möglicherweise selbst nicht ganz gelesen hatten.
Unklar bleibt, welche der 34.000 Nachrichten noch in den Archiven schlummern. Unklar bleibt, welche Namen hinter den anonymen Nummern verschwunden sind. Unklar bleibt, ob das Bild, das sich jetzt abzeichnet, vollständig ist oder nur die dekorative Vorderkante eines größeren Gobelins. Das Repräsentantenhaus hat empfohlen, Fauci wegen Missachtung des Kongresses für schuldig zu erklären — nachdem er 111 Mal von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine präemptive Begnadigung durch den damaligen Präsidenten Joe Biden liegt vor. Der Mann, der einst dem amerikanischen Volk die Wahrheit versprach, hat sie sich juristisch haben absichern lassen, bevor er sie verweigerte.
Es ist die Pose des alten Diplomaten: Die Hände gefaltet, die Stimme sanft, das Versprechen schon vor dem Druck formuliert. Wer hier ermittelt, stößt auf keine verschwörerische Küche, sondern auf die ganz gewöhnliche Architektur der Macht. Sie braucht keine Verschwörung. Sie braucht nur zwei Versionen desselben Satzes — eine für die Akten, eine für die Kameras — und die Gewissheit, dass die meisten Leser sie nie nebeneinanderhalten werden.
Wir halten sie nebeneinander. Das ist, was eine Zeitung hier und jetzt leisten kann: nicht die Anklage, sondern das Arrangement. Die Fakten, kalt geordnet. Die Zitate, gegenübergestellt. Die offenen Fragen, benannt, nicht erfunden. Was Fauci wusste und was er sagte, liegt nun nebeneinander auf dem Tisch. Die Handschuhe brauche ich nicht abzulegen. Es reicht, sie nebeneinander zu legen.
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