Ferrexpo zwischen den Stühlen: Wer schweigt, wer schiebt, wer zahlt
Es gibt Sätze, die wie Handschuhe getragen werden — weich, höflich, kaum sichtbar. Der Satz, den Lucio Genovese, der Vorsitzende von Ferrexpo, dieser Tage ausspricht, gehört in diese Kategorie. "Ferrexpo is caught up in a dispute that has nothing to do with us", sagt er, und der Mantel, in den er diese Worte hüllt, ist aus britischem Tuch, genäht für jene Pensionäre und Kleinsparer, die ihr Geld nie in ein Bergwerk in der ukrainischen Zentralukraine träumen würden — und die doch genau dort investiert sind, über einen Londoner Börsengang, der das Unternehmen zu dem gemacht hat, was es heute ist: ein Miner mit Sitz in Zentralukraine, drei Eisenerzgruben und einer Pelletieranlage, gelistet in London, gefangen zwischen einer Hauptstadt, die sich im Anti-Oligarchen-Rausch befindet, und einem Mann, dessen Name in keiner offiziellen Mitteilung fällt, der aber überall zwischen den Zeilen steht.
Dies ist die Geschichte einer Dreiecksbeziehung, in der jede Seite behauptet, das Opfer zu sein. Und in der City of London niemand so recht hinschauen will.
Beginnen wir mit dem, was dokumentiert ist. Die ukrainische Regierung hat die Steuerrückerstattungen für Ferrexpo ausgesetzt. Das Ergebnis ist ein massiver Einbruch der Eisenerzproduktion — Fakten, die in Marktzahlen stehen wie Grabsteine. Im Jahr 2023, so ist weiter dokumentiert, hat die ukrainische Regierung versucht, den Anteil eines Oligarchen — der Name bleibt in der Berichterstattung erstaunlich blass, fast schon höflich ausgespart — an der Poltava-Mine gerichtlich zu enteignen. Das Vorhaben scheiterte. Es scheiterte vor Gericht. Was immer das über die ukrainische Justiz sagt, und was immer es über die Macht der Gegenseite sagt: Die Mine gehört weiterhin dem, dem sie vorher gehörte.
Doch dann wendet sich das Blatt. Die ukrainische Regierung versucht es nicht mehr auf dem Rechtsweg — sie versucht es über die Steuerschiene. Die Steuerrückerstattungen, jene liquiden Mittel, die ein exportorientiertes Bergwerk zum Atmen braucht, werden eingefroren. Die Produktion bricht ein. Das Geld, das fehlt, fehlt an der einzigen Stelle, an der ein Unternehmen wie Ferrexpo es nicht entbehren kann: in der Kasse.
Und hier kommt der dritte Akt. Ferrexpo, mittlerweile aus dem FTSE 250 verschwunden, klammert sich an einen Rettungsanker in Höhe von 100 Millionen Dollar. Das Geld kommt von bestehenden Investoren. Es kommt, so darf man aus der Formulierung schließen — mehr lässt die Berichterstattung nicht zu, und mehr darf an dieser Stelle nicht behauptet werden — von einem ukrainischen Oligarchen. Demselben, dessen Anteil an der Poltava-Mine bereits einmal gerichtlich angefochten wurde. Demselben, dessen Stimme in dem ganzen Drama nirgendwo auftaucht, obwohl seine Brieftasche in jedem Absatz mitschwingt.
Was hier passiert, ist eine Übung in moderner Geopolitik. Die ukrainische Regierung führt eine Anti-Oligarchen-Kampagne. Sie ist dazu legitimiert — der Kampf gegen die alten Strukturen, gegen die Herrschaft der Milliardäre, die in der Ära vor dem großen Krieg das Land nach Belieben umgepflügt haben, ist eine nationale Aufgabe. Doch in diesem konkreten Fall greift die Kampagne ein Unternehmen an, das in London gelistet ist, dessen Pensionäre britische und amerikanische Bürger sind, und das — so Genovese — riskiere, "British and American ordinary citizens whose pensions are invested in Ferrexpo" zu bestrafen.
Es ist eine elegante Verteidigungslinie. Sie verschiebt das Thema von der ukrainischen Innenpolitik auf die internationale Finanzbühne. Sie macht aus einem innenpolitischen Konflikt einen Angriff auf westliche Kleinsparer. Sie ist so geschickt konstruiert, dass jede Kritik an Ferrexpo wie eine Kritik an britischen Rentnerinnen wirken muss.
Doch bleiben wir bei den Fragen, die offen sind — und die offen bleiben müssen, solange nur eine Quelle das Wort führt. Was genau sind die Bedingungen des Streits zwischen Kiew und dem Oligarchen? Welche Klauseln stehen in den Verträgen, die angeblich nie eingehalten wurden? Welche Positionen werden tatsächlich verhandelt, wenn die "bestehenden Investoren" ihre 100 Millionen Dollar bereitstellen? Handelt es sich um eine Rettung, oder um eine Übernahme in Zeitlupe, getarnt als finanzielle Hilfe? Ist die Aussetzung der Steuerrückerstattungen ein gezieltes wirtschaftliches Druckmittel, um den Oligarchen aus seinem Anteil zu drängen, nachdem die juristische Ebene bereits gescheitert ist? Und vor allem: Wer profitiert, wenn das Bergwerk in London um Hilfe ruft?
Die Antworten, so viel lässt sich sagen, liegen nicht in den Pressemitteilungen. Sie liegen in den Protokollen — in jenen Räumen, in denen Männer lächeln, während sie verhandeln. Sie liegen in den Bedingungen des 100-Millionen-Deals, der bislang nur in seiner Existenz, nicht in seinen Klauseln bekannt ist. Und sie liegen in der schweigenden Mitte dieses Dreiecks, in der sich London, Kiew und die Poltava-Mine gegenüberstehen wie drei Spieler, die alle behaupten, das Spiel nur zu spielen, während die Karten neu gemischt werden.
Dies ist kein simpler Steuerstreit. Dies ist eine Übung in Macht, bei der ein Bergwerk zur Bühne wird, und die Eisenpellets zur Sprache, in der alle Akteure sprechen, ohne je ihren eigentlichen Satz zu sagen.
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