Wenn das Öl den Besitzer wechselt, wechselt auch das Wort
Es gibt Sätze, die wie aus der Parteischule der Heuchelei stammen — und es gibt Sätze, die genau dies auch sein wollen. Wenn der Kreml das Vorgehen europäischer Häfen gegen Schiffe der russischen Schattenflotte als „Piraterie und Banditentum" brandmarkt, dann sollte man nicht zuerst fragen, ob das Vorgehen rechtmäßig ist. Man sollte fragen, warum ausgerechnet dieses Wort gewählt wurde.
Die neue EU-Regelung, die es den Mitgliedstaaten seit dem vergangenen Monat erlaubt, beschlagnahmtes Öl und andere Ladungen solcher Schiffe zu verkaufen, ist, wenn man so will, der erste ernsthafte Versuch, eine seit Jahren geduldete Infrastruktur finanziell zu filetieren. Die Schattenflotte — dieses schwimmende Nirgendwo aus alten Tankern, undurchsichtigen Registrierungen und Versicherungen, die an keinem Tresen dieser Welt Bestand hätten — war kein Betriebsunfall der Sanktionsarchitektur. Sie war die Architektur. Ohne sie hätte Moskau den Krieg gegen die Ukraine in dem Tempo nicht weiterführen können, in dem er weitergeführt wird. Jeder Liter, der durch den Ärmelkanal und weiter ostwärts geschleust wird, ist Buchhaltung. Nicht unsere. Des Kremls.
Nun also will Brüssel das Öl nicht mehr nur beschlagnahmen, sondern verkaufen. Das ist, in der Sprache der Ökonomen, ein Übergang von der Symbolpolitik zur Bilanzpolitik. Putin reagiert, wie der Kreml-Kenner Wenediktow in der WELT formulierte, mit einer „eisernen Logik, gegen die man nicht ankommt". Gemeint ist: Drohung. Gemeint ist: Vergeltung. Gemeint ist vor allem — die Erinnerung daran, dass Russland über Instrumentarien verfügt, die jenseits der Kanzleisprache liegen. Pipeline. Enklave. Grenzland. Die übliche Geografie der Erpressung.
Aber hier beginnt der Teil, der mich interessiert. Denn Putins Vokabular verrät mehr als seine Absichten. „Piraterie und Banditentum" — das ist nicht die Sprache eines Staates, der seine Souveränität gegen einen Übergriff verteidigt. Das ist die Sprache eines Staates, der eine Konkurrenz entdeckt. Jahrelang war es ein lukratives, leises Geschäft. Nun wird es lärmig. Nun wird es, schlimmer: profitabel für die andere Seite. Versicherer, Reeder, Anwälte, Register — die ganze Kette stiller Mittäterschaft, die von der Schattenflotte lebte, verliert mit der neuen EU-Regel nicht nur ein Schlupfloch. Sie verliert die Illusion, dass dieses Geschäft überhaupt eine rechtliche Kategorie hatte. Es hatte nie eine. Es hatte eine Gewohnheit.
Es ist eine Ironie von historischer Eleganz, dass ebenjene Wortwahl, die der Kreml nun gegen Europa schleudert, vor wenigen Wochen noch aus seinem eigenen Mund kam — als Moskau den Vereinigten Staaten „Piraterie" vorwarf, wegen Venezuela. Die USA, so der Vorwurf, griffen in die inneren Angelegenheiten eines Landes ein, dessen Infrastruktur Trump seinerseits mit Angriffen bedroht hatte. Wer mitzählt, merkt: das Vokabular „Piraterie" ist im Kreml keine doktrinäre Kategorie, sondern eine operative. Es wird eingesetzt, wann immer ein Geschäft ge- und wann immer eines gestört wird. Die Konstante ist nicht das Recht. Die Konstante ist die Reibung.
Wer also profitiert? Auf der ersten, der sichtbaren Seite: die europäischen Staaten, die nun erstmals die Früchte der Beschlagnahme in ihre Haushalte ummünzen können. Auf der zweiten, der weniger sichtbaren: die stillen Profiteure des alten Systems, die mit der Schattenflotte nicht mehr rechnen können und ihr Kapital umparken müssen. Wohin — das ist die Frage, die in keinem Kommuniqué auftaucht und in jedem künftigen Quartalsbericht stehen wird. Auf der dritten, der fast unsichtbaren Seite: jene Kräfte im Kreml-Apparat, die ein Interesse daran haben, dass „Piraterie" so fett auf der Seite steht, dass die schlichte Frage nach der Herkunft des Öls untergeht. Denn wer über Vokabeln streitet, streitet nicht über Bilanzen.
Was mich, mit Verlaub, an dieser „eisernen Logik" am meisten stört, ist nicht die Logik. Es ist die Behauptung, dass man gegen sie nicht ankommt. Man kommt gegen jede Logik an, sobald man sie zu Ende denkt. Wer sagt, dass die Schattenflotte ein legitimes Geschäft sei, sagt implizit, dass der Krieg, den sie finanziert, ebenfalls legitim sei. Wer sagt, ihre Behinderung sei Piraterie, sagt, dass die Souveränität eines Staates an der Ladefläche eines Tankers beginne. Das ist eine erstaunliche Doktrin für ein Land, das die Souveränität seiner Nachbarn seit Jahren buchstäblich mit Füßen tritt.
Die eigentliche Frage, verehrte Leser, ist nicht, ob Putin Vergeltung üben wird. Die eigentliche Frage ist, warum ausgerechnet die Mechanik der Schattenflotte — die in jedem Sanktionsbericht der letzten Jahre nüchtern dokumentiert ist — plötzlich in der Sprache der Kaperfahrer adressiert werden muss. Was verschleiert diese Sprache? Wen schützt sie? Vor wem?
Wir werden, wie so oft, die Antworten in den Bilanzen finden. Die sind ehrlicher als alle Kommuniqués. Die tragen keine Handschuhe.
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