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17. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Bildmacher: Wie die Identitären Siegmunds Wahlkampf inszenieren

17. August 2026 — — Kastner

Manchmal beginnt die Wahrheit mit einem Bild. Nicht mit einer Rede, nicht mit einem Programm, nicht mit einer Zahl in einer Umfrage — sondern mit der sorgfältig geschnittenen Aufnahme eines Mannes vor einem Hintergrund, dessen Tiefe keine zweidimensionale Fotografie jemals hätte erzeugen können. Wer in den letzten Wochen die Auftritte des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, betrachtet hat, sieht einen Mann, der nicht nur Wahlkampf macht: er wird gemacht. Und wer ihn macht, sind nicht die Wähler, nicht die Parteistruktur, nicht die Bürgergesellschaft des Landes. Es sind die, die das Bild herstellen, das am Frühstückstisch gesehen wird.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Die Identitärbewegung produziert Bilder für Siegmunds Wahlkampf.

Dieser Satz klingt einfach. Er ist es nicht. Er beschreibt eine Verschiebung der politischen Mechanik, die in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte ihresgleichen sucht: die Auslagerung der Bildproduktion — des eigentlichen Kapitals moderner Wahlkämpfe — an eine Bewegung, deren programmatischer Kern nicht Siegmunds Landesvorsitz ist, sondern ein europaweites Projekt identitärer Selbstbehauptung. Was hier geschieht, ist keine klassische Wahlkampfberatung. Es ist eine Fusion von Infrastruktur und Ästhetik, bei der die AfD die Bühne liefert und die Identitären die Kulissen, das Licht — und vor allem den Schnitt.

Man muss verstehen, was Bildproduktion in einer modernen Wahl bedeutet. Sie ist nicht Dekoration. Sie ist die Ware selbst. Ein Wahlkampf wird nicht mehr über Inhalte gewonnen, die in Programmen stehen, sondern über Bilder, die innerhalb von drei Sekunden eine Zuordnung herstellen: Wer ist dieser Mann? Gehört er zu mir? Würde ich neben ihm stehen wollen, wenn die Kamera klickt? Die Antwort auf diese Fragen wird nicht mehr auf dem Podium gegeben. Sie wird im Schneideraum entschieden.

Und genau hier beginnt die Frage, die niemand öffentlich stellen mag: Wer sitzt in diesem Schneideraum?

Siegmunds Kampagne weist eine sorgfältig komponierte Serie von Szenen auf, die nicht mehr dem Zufall überlassen sind. Da ist die Fahrt auf den Brocken, den höchsten Berg des Landes, im Gefolge von Parteimitgliedern und Unterstützern — ein Bild, das weniger von Politik erzählt als von Naturverbundenheit und männlicher Schicksalsgemeinschaft. Da ist die Aufnahme mit Feuerwehrleuten aus Egeln, die nach einem Einsatz den AfD-Stand besuchen — ein Schnappschuss, der Bürgernähe beweisen soll, und der den Bürgermeister der Gemeinde, Michael Stöhr, zu der Bemerkung brachte, dies gehe zu weit. Da ist die Aussage zum Holocaust, die als inszenierter Pseudo-Skandal beschrieben wurde — eine Aussage, deren Skandalwert kalkuliert war, deren Verbreitung geplant, deren mediale Verwertung vorbereitet. Und da ist, am sichtbarsten, die T-Shirt-Affäre um den Namen Simson, den Siegmund trotz deutlicher Kritik der jüdischen Familie weiter auf seinen Wahlkampfmaterialien verwendete — eine Geste, die nur als Statement lesbar ist, als ein Bild, das bewusst provoziert, um eine Gegenreaktion zu erzeugen.

Was diese Episoden verbindet, ist nicht ihre Politik. Es ist ihre Dramaturgie. Jede einzelne ist so angelegt, dass sie ein Bild erzeugt, das eine Bildproduktion einfangen kann, die dieses Vokabular beherrscht: der Handschlag des Mannes, der das Feuerwehrauto streift; der Blick vom Brockengipfel; das Logo, das schockiert; die Worte, die zünden. Es sind Szenen, die auf eine Apparatur warten, die sie versteht.

Und genau hier liegt das Verdikt: Die Identitären sind nicht Begleiter dieser Kampagne. Sie sind ihre Apparatur. Sie liefern das, was keine Pressestelle einer Landespartei je in dieser Qualität liefern könnte: eine durchkomponierte Bildsprache, die sich an den Codes der europäischen Rechtsaußen-Ästhetik orientiert, die Symbole kennt, die Schnittgeschwindigkeit beherrscht, die weiß, wie ein Mann auf einem Berggipfel zu stehen hat, wenn die Sonne hinter ihm untergeht.

Wer profitiert? Die Identitären erhalten, was ihnen seit Jahren fehlt: die Aura der Relevanz, die Nähe zur Macht, die Normalisierung durch einen Mann, der Ministerpräsident werden könnte. Siegmund erhält eine Bildproduktion, die seine Auftritte professionalisiert, ohne dass auf der Rechnung einer parteiinternen Buchführung jemals der Name der Bewegung erscheinen muss. Die Wähler erhalten ein Produkt, das nicht mehr nach Siegmund aussieht — sondern nach Siegmund, wie ihn die Identitären wollen.

Was am Ende dieses Kreislaufs steht, ist die Frage, die diese Kolumne gemeinsam mit correctiv an die Staatsanwaltschaft weiterreicht: Wer bezahlt diese Bildproduktion? Wer hat die Infrastruktur aufgebaut, die ein Dutzend Auftritte in wenigen Wochen mit einheitlicher Bildsprache versieht? Und welche Handschuhe tragen die Männer, die im Schneideraum sitzen und entscheiden, was die Republik zu sehen bekommt?

Die Antworten sind, wie so oft in dieser Republik, nicht in den Reden zu suchen. Sie sind in den Bildern versteckt — und in den Händen, die sie falten.

❖ Ende des Artikels ❖

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