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17. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Das Verbrechen, ein Indigener zu sein

17. August 2026 — — Kastner

Manche Akten lesen sich wie Verträge, die im Voraus niemand unterzeichnen wollte. Sie entstehen in der Stille von Kanzleien, im Geräusch von Druckerschwärze und in der Geduld von Männern, die wissen, dass sie Zeit haben. Die Zeit, sagt man, arbeitet für sie. Auch in dieser Sache.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Was sich seit dem Einmarsch in die Ukraine in Russland gegen die indigenen Völker des Nordens zusammenbraut, ist kein Rauschen, kein vereinzeltes Krachen. Es ist ein System. Eine Architektur der Repression, deren Fundamente älter sind als der aktuelle Krieg, deren Stockwerke aber in atemberaubender Geschwindigkeit hochgezogen werden — von Architekten, die sich als Hüter der Stabilität gerieren.

Im Dezember 2025 sitzen Menschen in russischer Haft, deren Vergehen in keinem Gesetzbuch steht, das auf Papier gedruckt wäre. Ihr Vergehen ist die Herkunft. Ihre Schuld ist die Weigerung, das Gedächtnis ihrer Völker abzulegen wie einen Mantel, der nicht mehr in die Saison passt. Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat diesen Zustand benannt, wie man einen Befund benennt, den niemand hören will: Russland, sagt er, geht gegen indigene Menschenrechtsaktivisten mit Repressalien vor. Das Wort Repressalie ist höflich. Es verschleiert die Geometrie dessen, was hier geschieht.

Yana Tannagasheva vom ICIPR steht für eine Gemeinschaft, die zwischen Vergessen und Verhören zerrieben wird. Sie ist nicht die Einzige. Sie ist nur jene, deren Name in den Dokumenten westlicher Nichtregierungsorganisationen auftaucht, weil Stimmen, die in Russland selbst erklingen, in jenen Räumen längst nicht mehr gehört werden. Sie spricht für ein Netz, das von Kamtschatka bis zur Hauptstadt reicht — und in Moskau wie auf der fernen Halbinsel haben Gerichte in den vergangenen Monaten Untersuchungshaft verlängert. Verlängert. Ein Wort aus der Bürokratie, das bedeutet: noch nicht fertig. Noch nicht mit ihnen fertig.

Die schweizerische Plattform Voices dokumentiert eine neue Verfolgungswelle gegen indigene Gemeinschaften in Russland. Der Bericht trägt einen Titel, der wie eine Anklageschrift klingt und doch nur eine Zustandsbeschreibung ist: The crime of being Indigenous. Das Verbrechen, indigen zu sein. Wer solch einen Titel wählt, hat begriffen, dass die Anklage nicht von den Betroffenen ausgeht, sondern gegen sie. Es ist der Staat, der mit tatsachenwidrigem Vorgehen die Grundlage schafft, um noch brutaler gegen die Verteidigerinnen und Verteidiger von Indigenen- und Menschenrechten vorzugehen. Wer das liest und nicht erschrickt, hat verlernt, zwischen Behauptung und Beweis zu unterscheiden.

Denn das ist die Mechanik, die sich wiederholt: erst das Konstrukt, dann die Verfolgung. Erst die Tatsache, die nie eine war, dann das Urteil. Der Hohe Kommissar nennt es beim Namen. Die NGOs dokumentieren es. Die Gerichte setzen es in Akten um. Und die kleinen Völker des russischen Nordens, deren Zahl klein ist und deren Land riesig, geraten zwischen die Mühlsteine einer Maschinerie, die sich selbst als Fortschritt versteht. Nicht einmal an der Uno, heißt es in einem Bericht der Zeitschrift Voices, sind Indigene vor Russland sicher.

Wer profitiert? Das ist die Frage, die ein Ermittler zuerst stellt. Wer hat ein Interesse daran, Stimmen, die ohnehin kaum gehört werden, endgültig zum Schweigen zu bringen? Es sind nicht die Menschen im hohen Norden, die von einer Verlängerung der Untersuchungshaft in Kamtschatka profitieren. Es sind jene, deren Karten ohne die Betroffenen klarer werden, deren Lizenzen leichter zu vergeben sind, deren Pipelines ohne Widerrede verlaufen. Die Repression gegen Indigene ist nie nur Repression. Sie ist immer auch ein Beben, das neue Eigentumsverhältnisse an die Oberfläche spült. Genau das macht das Muster so lesbar, wenn man es denn lesen will.

Seit dem Ukrainekrieg, so formuliert es die Zeitschrift Voices in ihrer Ausgabe 3/2022, ist Menschenrechtsarbeit in Russland lebensgefährlich. Nicht ungefährlich. Lebensgefährlich. Das ist keine Metapher, das ist eine Messgröße. Es ist die Übersetzung dessen, was zuvor Einschüchterung war, in etwas Endgültiges. Was vorher Drohung war, wird Exempel. Was vorher Ausnahme war, wird Methode.

Was offen bleibt: Wer genau in den Korridoren der Macht die Feder führt, wenn über die Verlängerung von Haft für Aktivistinnen entschieden wird? Welche Abteilung welche Empfehlung erstellt? Welche Richter in Moskau und Kamtschatka ihre Unterschrift unter Beschlüsse setzen, die nach außen Routine sind und nach innen Teil einer politischen Logik? Wir wissen es nicht. Wir ahnen es. In Architekturen der Repression muss man die Architekten nicht beim Namen nennen, um zu sehen, wie das Gebäude steht.

Die kleinen Völker des russischen Nordens haben ein Recht auf ihre Sprache, auf ihr Land, auf ihre Art, das Eis zu lesen. Der russische Staat, der sich gern als Vielvölkerstaat inszenieren lässt, behandelt sie wie ein Archiv, das aus Platzgründen ausgesondert werden muss. Was ausgesondert wird, fällt nicht ins Nichts. Es fällt in jene Akten, die irgendwann, in einer anderen Stunde, von jemandem geöffnet werden, der Handschuhe trägt und versteht, was er liest.

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