Börse 1937
Terminal Tribune

17. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Persnuffle und die neun Milliarden im Schatten

17. August 2026 — — Kastner

1937. Die Welt spielt Schach, und wer die Züge nicht kennt, wird Bauer. Heute, in einer anderen Stadt, in einer anderen Zeit, sitzt ein Kanzler in der Downing Street Nr. 11 und glaubt, er könne Figuren aufstellen, die das Regelwerk nicht kennt — oder, genauer, das Regelwerk, das eigens ersonnen wurde, um es zu biegen.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

John Healey. Ein Mann, der als Verteidigungssekretär die Geographie der Welt kannte und nun die Geographie der Zahlen kennenlernt. Zwölf Wochen vor seinem ersten Budget sucht er nach Wegen, die öffentliche Investition zu erhöhen, ohne die fiskalischen Regeln zu sprengen. Man beachte die Formulierung: nicht „ohne die Finanzen zu sprengen", nein, „ohne die Regeln zu sprengen". Eine feine, entscheidende Unterscheidung. Die Regeln sind nicht die Finanzen. Die Regeln sind das, was die Finanzen erlauben sollen. Und wer die Regeln schreibt, schreibt die Erlaubnis.

Sein Vorgänger Rachel Reeves — heute demütige Hinterbänklerin, einst Architektin der kühnsten Umdeutung britischer Schulden seit Jahrzehnten — hat ihm ein Erbe hinterlassen, das nach Wohlstand riecht und nach Risiko schmeckt. Vierundzwanzig Milliarden Pfund Spielraum gegen die Regeln, gemessen zum Zeitpunkt der Frühjahrsprognose. Ein Erbe, das — so lesen wir es zwischen den Zeilen — durch den Iran-Krieg und seine wirtschaftlichen Verwerfungen nicht völlig aufgezehrt worden sei. Eine beruhigende Formulierung. Beruhigend wie der Satz eines Bankiers kurz vor dem Sturm.

Nun die Architektur des Verschleiers, das Herzstück dieses Spiels: PSNFL. Public Sector Net Financial Liabilities. Im Treasury-Jargon: „Persnuffle". Eine Definition, weicher als Seide, eine Definition, die zusätzliche Kreditaufnahme nicht gegen die Schuldenregel zählt, sofern die Regierung damit ein Finanzvermögen erwirbt — eine Beteiligung, ein Darlehen, ein Versprechen auf zukünftige Rendite. Klingt harmlos. Ist es nicht. Es ist die buchhalterische Verwandlung von Schulden in Vermögen, vollzogen durch eine Sprachregelung, die nur jene verstehen, die sie erfunden haben.

Die Resolution Foundation, ein Thinktank mit dem Gewicht eines Pfefferkorns und der Klarheit einer Bandsäge, hat in einem Papier ausgerechnet: Die „PuFins" — die Public Financial Institutions, zu denen der National Wealth Fund, die British Business Bank und die National Housing Bank gehören — könnten jährlich bis zu neun Milliarden Pfund zusätzlich aufnehmen, ohne die fiskalischen Regeln zu verletzen. Neun Milliarden. Pro Jahr. Buchstäblich unsichtbar in der offiziellen Schuldenstatistik. Lord Jim O'Neill, einst Chefökonom von Goldman Sachs, nickt dazu. Man stelle sich das vor: Ein Lord, der einst das Geld der Welt verwaltete, applaudiert einem Mechanismus, der das Geld der Welt neu versteckt. Die alte Sprache der Macht — jene, in der Männer lächeln, während sie logen, und die Zahlen den Applaus nicht hören.

Wer profitiert? Die Frage bleibt — bei allem, was die Quellen preisgeben — offen. Klar benannt werden die Akteure auf der Bühne: der Kanzler, der Premier, die Thinktanks, die Lords. Unklar bleibt, welche konkreten Projekte die PuFins finanzieren werden, welche Beteiligungen der National Wealth Fund eingehen wird, welche Stadtteile die National Housing Bank mit Wohnungen versorgen wird — und zu welchem Preis, in welchen Postleitzahlen, jenseits der Versprechen.

Burnham hat als Bürgermeister von Manchester den „Good Growth Fund" erfunden. Nun verspricht er, als Premier, „Wachstum in jeder Postleitzahl". Man beachte die Migration: vom Experiment zur Verheißung. Vom Stadtteil zum Königreich. Eine kühne Ausweitung des Anspruchs. Eine ebenso kühne Ausweitung der Schulden, die dieser Anspruch erfordert.

Die TUC, der britische Gewerkschaftsdachverband, fordert derweil eine „grundlegende Überprüfung" des Office for Budget Responsibility — jenes Instituts, das angeblich durch seine Methodik die Investitionen blockiere. Welch ein eleganter Vorschlag. Nicht die Regeln sind das Problem, sondern jene, die sie messen. Eine alte Melodie. In Genf habe ich sie oft gehört.

Fünf Milliarden fehlen im Verteidigungsinvestitionsplan. Die Lücke rührt aus der Amtszeit von Reeves — jener Frau, deren Rücktritt Healey selbst mitgetragen hat, bevor er selbst Chancellor wurde. Ein Akt der Pietät, der sich nun als Hypothek erweist. Man kann den Buchhalter nicht entlassen, der die Rechnung schrieb.

Burnham will den VAT-Schnitt auf Energierechnungen. Eine Bank-Windfall-Levy steht erneut auf der Agenda. Healey sagt der Times, es gebe „Spielraum für mehr und schnellere Investition". Die Worte klingen wie Musik. Die Zahlen klingen wie nichts.

In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Männer lächelnd, Hände schüttelnd, Worte wie Watte. Die PSNFL-Definition ist solch ein Vertrag — geschrieben in einer Sprache, die nur Eingeweihte verstehen, geschützt durch die Aura technischer Notwendigkeit, entleert durch die Realität seiner Anwendung.

Die britische Finanzgeschichte kennt solche Momente. Nach 1918, als die Konversionen die Bilanzen ordneten und das Vertrauen untergruben. In den dreißiger Jahren, als Währungsexperimente den Beweis lieferten, dass Verschleierung ihren Preis hat. Die Frage ist nicht, ob diese Mechanismen funktionieren. Die Frage ist, wer den Preis zahlt, wenn sie scheitern — und ob das Volk die Rechnung erhält, die der Kanzler heute nicht ausspricht.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Man weiß nie, was an den Fingern hängen bleibt.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 3 abrufbare Quellen

5 Quellen · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort