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18. August 2026

Dossier ·

DIE DROHNEN ÜBER CELLE UND DAS SCHWEIGEN DER BEHÖRDEN

18. August 2026 — Morrison, over and out.

Bourbon. Regen. Das Licht aus Evelyns Ecke flackert, während unten auf der Straße ein Streifenwagen ohne Eile vorbeizieht. Es ist der 11. Dezember 2025, irgendwo in Niedersachsen, und die Bundeswehr feiert Weihnachten in der Immelmann-Kaserne. Über ihnen, so berichtet es die Hannoversche Allgemeine, kreist ein Drohnenschwarm. Große Geräte, in Formation, immer wieder über den Flugplatz.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ein Oberst sagt sofort das, was ein Oberst in solchen Nächten sagt: Russland. Die Polizei übernimmt, ermittelt wegen Ausspähung — und, man beachte den Juristen-Trotz, wegen des Verdachts der „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken". Vier Tage lang tauchen Drohnen auf, mal über Celle, mal über dem Fliegerhorst Faßberg. Dann: nichts. Oder besser: nichts Sichtbares. Aktenzeichen werden vergeben. Berichte geschrieben. Und genau hier beginnt mein Misstrauen.

Was wir jetzt haben, ist keine Aufklärung. Was wir haben, ist eine Zahl. CORRECTIV hat bei allen sechzehn Landeskriminalämtern nachgefragt und heraus kam: Im vergangenen Jahr sind mindestens 104 Delikte mit dem Verdacht der Agententätigkeit eines fremden Staates gemäß §87 StGB in den Kriminalpolizeilichen Meldedienst für Politisch motivierte Kriminalität geflossen. 104. Eine runde Zahl, gut für Schlagzeilen, schlecht für Schlaf.

Ramstein war betroffen. Mechernich in NRW, übergeben an die Euskirchener Polizei, die sich zunächst nicht äußert. Geilenkirchen, NATO-Stützpunkt, zeitweise zweithöchste Sicherheitsstufe. Industrieanlagen, Drohnen-Start-Ups, Bahn-Infrastruktur. Alles taucht wieder auf in der Aktenlandschaft. Und Celle wird in einem vertraulichen BKA-Bericht als „herausragender Sachverhalt" geführt. Klingt bedrohlich. Ist am Ende ein Aktenzeichen. Die Behörden zählen Verdachtsmomente wie andere Leute Sonnenstunden zählen. Wer davon profitiert? Die Behörden selbst. Eine Statistik, die beweist, wie wachsam der Apparat ist. Eine Behördennarrative, die sich selbst bestätigt: Wir haben 104 Verdachtsfälle, also sind wir 104 Mal auf der Höhe.

Aber wo sind die Verurteilungen? Wo sind die abgeschlossenen Ermittlungen? Wo ist der Name, der dasteht, damit man weiß, wer da wirklich über dem Kasernenzaun kreiste?

Unklar bleibt, wer hinter den Drohnen steckt. Unklar bleibt, welche der 104 Meldungen am Ende Substanz hatten und welche bloß Akten waren, gefüllt mit der frommen Erwartung, dass irgendwann irgendetwas schon noch komme. CORRECTIV stellt fest: Die Kriterien für den Paragrafen unterscheiden sich erheblich zwischen den Bundesländern. Erheblich. Das heißt: in Bayern zählt ein Drohnenschatten als Verdachtsfall, in Bremen braucht es drei, oder umgekehrt. Niemand sagt es genau, weil — natürlich — die Geheimhaltung. Eine Statistik, die nicht vergleichen kann, was sie vergleichen soll. Das ist keine Aufklärung. Das ist Bürokratie als Beruhigungspille.

Wir sehen das Muster: Drohne gesichtet, Verdacht geäußert, Paragraf gezückt, Meldung gemacht. Ein Mechanismus, der schneller ist als jeder Beweis. Russland als Hintergrundrauschen — der Name fällt fast reflexhaft, seit Jahren, bei jedem Vorfall. Doch wer profitiert, wenn die Republik in ständiger Alarmbereitschaft verharrt? Wer profitiert, wenn die Bürokratie der inneren Sicherheit sich als einzige verlässliche Erzählerin der Geschichte aufschwingt? Was zählt wirklich — die Drohne am Himmel oder die Akte im Schrank?

Fragen über Fragen. Eine Antwort hat bislang niemand geliefert. Auch CORRECTIV nicht. Die haben nur gezählt. Und das Zählen, das ist hier verdächtig genug.

Auf der Schreibmaschine steht noch der Bourbon-Kreis. Evelyn singt unten etwas Trauriges. Und über Celle kreist, vier Tage lang und dann nie wieder offiziell, ein Drohnenschwarm, den niemand zu fassen kriegt. Nicht weil er so schnell war. Sondern weil das Fassen nicht im Interesse aller ist.

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