Die Donau als Zeugin — und ihre Ankläger schweigen
Bukarest, August 2026. Die Donau führt so wenig Wasser wie seit Jahrzehnten nicht, und Cernavoda, das einzige Kernkraftwerk Rumäniens, ist bereits still. Beide Reaktoren sind abgeschaltet. Romeo Urjan, der Direktor der Anlage, sprach von mindestens zehn Tagen ohne Wiederinbetriebnahme. Man hat einen Felsen gesprengt, vier mit Steinen beladene Barken versenkt, mehr als zwei Millionen Euro bewegt — und am Ende doch verloren. Was hier als Wettlauf mit der Natur inszeniert wird, ist bei genauerer Betrachtung ein Wettlauf mit der Wahrheit.
Denn die offizielle Lesart ist so glatt, wie es die Donau nicht mehr ist: Hitzewelle, Dürre, Klimawandel, alternde Infrastruktur. Alles richtig, alles unvollständig. Was in den Meldungen der Ministerien, in den Erklärungen von Nuclearelectrica fehlt, ist die ebenso banale wie unbequeme Frage: Wer profitiert davon, dass diese Anlage, die ein Fünftel der rumänischen Stromerzeugung liefert, unter den gegebenen Bedingungen überhaupt noch betrieben wird? Und warum wird diese Frage nicht gestellt?
Zwei Millionen Euro, so liest man, wurden ausgegeben, um den Fluss umzuleiten — Felssprengungen, versenkte Barken, improvisierte Wasserbauanarchie. Das ist keine Notfallplanung. Das ist Verzweiflung, die sich als Aktionismus verkleidet. In derselben Woche, in der die Regierung zu "verantwortungsvollem Konsum" aufruft, kündigen Dacia und Ford Produktionspausen bis zum 19. August an. Wer zahlt diesen Preis? Nicht die Energiekonzerne, nicht die Ministerien, die seit Jahren die Anlage als nationales Projekt verkaufen. Die Zeche zahlen die Werktätigen in den Fabrikhallen, die Konsumenten, die ohnehin mit der Inflation ringen.
Und während man in Bukarest Felsen sprengt, geht Budapest einen kaum weniger verzweifelten Weg. Ungarn kündigt den Bau eines untergetauchten Walls an, um die Wasserstände am Kraftwerk Paks zu halten. Zwei 80-Meter-Barken sollen versenkt werden, um den Fluss zu heben. Paks, sowjetische Bautradition, vier Reaktoren, normalerweise ein Drittel der ungarischen Stromversorgung — läuft seit Ende Juli Berichten zufolge nur noch mit etwa zehn Prozent seiner 2.000 Megawatt Kapazität. Premier Péter Magyar gibt den Krisenmanager. Man fragt sich: Krisenmanager wovon? Einer Dürre, die niemand vorhergesehen haben will? Einer Energiepolitik, die alles auf eine Karte setzt?
Dass die Donau, mit ihren 2.850 Kilometern von Deutschland bis zum Schwarzen Meer, in fast zwei Dritteln ihres Verlaufs die niedrigsten Juli-Werte seit 34 Jahren aufweist, wie die Europäische Klimabeobachtungsstelle Copernicus am 10. August festhielt, ist noch das am wenigsten Verblüffende. Verblüffend ist, dass man so tut, als sei dies ein Ereignis und nicht eine Ankündigung. Die letzte Abschaltung Cernavodas, so erfährt man beiläufig, datiert aus dem Jahr 2003 — ebenfalls wegen Dürre. Wer zwischen 2003 und 2026 die Möglichkeit hatte, die Anlage klimaresilient zu machen, hat sie nicht genutzt. Die Rechnung wird nun präsentiert.
Bei dieser Rechnung wird nicht offen mitgerechnet. Was kostet die "verantwortungsvolle Verbrauchsappelle" die Industrie? Was kosten die importierten Strommengen, die nun die Lücke füllen sollen? Wer profitiert von den Importverträgen? Welche Verträge wurden in den letzten Monaten unterzeichnet, und nach welchen Kriterien? Nuclearelectrica spricht von einer "kontrollierten Abschaltung". Das ist die Sprache der Techniker. Die Sprache der Buchhalter, der Aktionäre, der politisch Verantwortlichen — die hört man nicht.
Unklar bleibt, wer die Verträge unterzeichnet hat, die nun als alternativlose Notwendigkeit verkauft werden. Unklar bleibt, wer in den Aufsichtsgremien von Nuclearelectrica sitzt und welche Verbindungen dort in die Politik, in die Bauwirtschaft bestehen. Unklar bleibt, warum die Europäische Kommission, die sonst bei jeder Wasserrahmenrichtlinie mit Vertragsverletzungsverfahren nicht geizt, in diesem Fall bisher schweigt. Die Donau, könnte man sagen, ist nicht nur ein Fluss. Sie ist ein Aktenschrank. Und der Aktendeckel ist nur einen Spalt geöffnet.
Wir berichten hier nicht über ein Naturereignis. Wir berichten über eine Entscheidungskette. Über eine Energiepolitik, die ihre Verwundbarkeit seit zwei Jahrzehnten kennt und nichts dagegen unternommen hat. Über zwei Regierungen, die nun dasselbe tun — Flussbetten manipulieren, Barken versenken, Narrative stricken — als wäre dies nicht die Vorhersehbarkeit selbst gewesen. Cernavoda und Paks, zwei Namen, die jetzt wie Monumente einer vergangenen Sicherheitsrhetorik dastehen. Was an ihre Stelle treten wird, ist die Frage, die in den nächsten Wochen wirklich zählt. Und sie wird nicht in Pressekonferenzen beantwortet werden. Sondern, wenn überhaupt, in den Akten, die irgendjemand noch öffnen muss.
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