Die Haltung als Waffe — und wer sie bezahlt
Manche Drohungen werden nicht ausgesprochen. Sie werden eingenommen. Ein Fuß ein wenig zu breit, das Kinn in die Schulter vergraben, die Handgelenke so fest, als wollten sie den Deckel eines Glases aufschrauben. Deborah Garrison, Editorial Director of Poetry bei Knopf und Autorin der Bände A Working Girl Can't Win und The Second Child, hat es in der September-Ausgabe 2026 von The Atlantic in einem Gedicht über einen Neunjährigen festgehalten: „love in the wrists / was part of the stance". Damals, auf einem Baseballfeld, war die Haltung kein Trotz. Sie war ein Versprechen. Sie war die stille Ankündigung dessen, was gleich geschehen würde.
Im August des Jahres 2026 ist dieses Versprechen zur Staatsräson geworden. Die Vereinigten Staaten und die Islamische Republik Iran stehen sich in der Meerenge von Hormuz gegenüber — und beide Seiten haben, um im Bild der Dichterin zu bleiben, die Handgelenke verschraubt.
In Washington sagt Verteidigungsminister Pete Hegseth, die Marine könne die Blockade Irans „unbegrenzt" durchhalten. Vizepräsident J.D. Vance zählt die Ziele auf: stabile Energiepreise für amerikanische Bürger, die Verhinderung der nuklearen Bewaffnung Teherans, eine stärkere Position der Vereinigten Staaten. CENTCOM-Chef Brad Cooper ist in Israel gewesen und drängt, so berichtet es die Hindustan Times unter Berufung auf den Sender Channel 13 sowie den — in den Worten von Naked Capitalism — „anti-iranisch vorgefassten" Twitter-Account Iran International, auf Eskalation. General Dan Caine, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, weist nach Informationen des Bloggers Robert Barnes intern auf die Grenzen des militärisch Tragbaren hin. Barnes sieht ihn gleichzeitig an den Rand gedrängt. Der Skandal um die Zustände an Bord der USS Abraham Lincoln und ihre überfällige Ablösung habe Hegseth möglicherweise geschwächt. „Möglicherweise" — eine zierliche Vokabel in einem Ozean aus Gewissheit.
Auf der anderen Seite des Wassers spricht Brigadegeneral Yadollah Javani, politischer Leiter der Islamischen Revolutionsgarden, im iranischen Staatsfernsehen von „strategischen Überraschungen", nachdem das im Juni unterzeichnete Memorandum of Understanding am Montag offiziell ausläuft. Revolutionswächter-Sprecher Hossein Mohebbi hat in der Vorwoche Energieinfrastruktur, Kraftwerke und internetverbundene Systeme der USA und regionaler Verbündeter als mögliche Ziele benannt — für den Fall, dass Washington iranische Zivilinfrastruktur trifft. Hardliner in Teheran diskutieren, wie Al Jazeera berichtet, eine Bodenoffensive gegen US-Interessen in Bahrain und Kuwait. Ein Berater des Obersten Führers Mojtaba Khamenei lässt über PressTV verlauten, Irans Wechsel zur Offensive werde „zweifellos die Gleichungen der Macht in der Welt verändern". Khamenei hat Generalmajor Ahmad Vahidi zum Oberbefehlshaber der IRGC erhoben, mit der Aufgabe „maximaler Abschreckung" und der „Bereitschaft zu mächtigen Offensivoperationen gegen den Feind". Vahidi seinerseits: Die iranischen Streitkräfte hätten „die am schwersten bewaffnete Armee der Weltgeschichte in die Knie gezwungen".
Zwei Körper, einander zugewandt. Beide haben die Haltung des anderen eingenommen.
Hier wird keine Außenpolitik gemacht. Hier wird choreographiert. Die Haltung selbst ist die Waffe — und sie funktioniert nur, solange die Kameras laufen. Hinter dem Vorhang werden Verhandlungskanäle freigehalten, werden rote Linien so gezogen, dass sie sich verschieben lassen, werden Sätze auf Pressekonferenzen hin zugeschnitten, die sich gut drucken lassen. Auf der Bühne steht der Körper. Wir starren auf die Handgelenke.
Nun die Frage, die in solchen Stunden selten gestellt wird. Wer finanziert die Beleuchtung?
Al Jazeera, das die Erklärungen der iranischen Seite in unsere Wohnzimmer trägt, ist ein in Katar gegründetes Netzwerk — Katar, Mitglied des Golfkooperationsrats und in diesem Konflikt mitnichten neutral, sondern, man muss es so nennen, mitbeteiligt. PressTV bedarf keiner Erläuterung. Die Hindustan Times, durch die die Eskalations-Lesart nach Washington wanderte, ist eine indische Zeitung mit eigenem Gravitationsfeld. The Atlantic, in dessen September-Ausgabe das Eingangsgedicht steht, ist das Flaggschiff des amerikanischen liberalen Establishments. Iran International sendet von London aus und gilt, wie die genannte Quelle selbst einräumt, als finanziell aus der saudischen Sphäre gestützt. Naked Capitalism, das den Knoten für uns aufdröselt, ist ein Blog, geführt von einer Handvoll Finanzmarkt-Skeptiker mit ausgewiesener Weltsicht: gegen die Wall Street, gegen die Fed, mitunter mit einer Sympathie für Positionen, die anderswo als abseitig gelten.
Keine dieser Quellen ist unabhängig. Keine war es jemals. Aber alle zusammen ergeben sie das, was wir „die Nachrichtenlage" nennen — und die Nachrichtenlage ist, mit Verlaub, der Krieg der anderen Art. Wir sehen die Haltungen. Wir sehen die Hände. Wir sehen nicht, wer an den Seilen zieht. Und nicht zu vergessen, wessen Bilanzen in solchen Stunden wachsen: die der Verteidigungsindustrie, die in keiner Pressekonferenz namentlich fällt; die der Hardliner in Teheran, die jede Krise als Bestätigung ihrer These brauchen, dass die Außenwelt nur Feind sein kann; die der Think-Tanks in Washington, deren Stipendien und Gehälter sich an Spannung bemessen.
Was bleibt, ehrlich benannt: Unklar bleibt, in welchem Moment das Memorandum, das im Juni zu einer Waffenruhe führte, endgültig zerbrach — die eine Quelle spricht von „vergangenem Monat", die andere davon, dass es am Montag „offiziell ausläuft". Unklar bleibt, ob Hegseths „unbegrenzt" eine Tatsache oder eine Vokabel ist, die er in seinem Amt noch sagen darf. Unklar bleibt, ob die internen Mahnungen Caines ein Gegengewicht sind oder, schlimmer, ein Alibi. Und vollends unklar bleibt — das ist die Frage, die wir mit nach Hause nehmen sollten —, ob die Haltungen, die wir hier sehen, Haltungen sind oder Stellproben für etwas, das nie stattfinden wird.
In Genf, wo ich diese Dinge gelernt habe, trug man Handschuhe zum Tee. Sie schützten nicht vor der Kälte, sondern vor der Berührung mit dem, was man ohnehin schon wusste. Wir nannten es die produktive Drohung. Man nimmt die Haltung ein. Man hält sie. Man lässt sie photographieren. Am Ende geht man nach Hause, die Handgelenke ein wenig müde, und es ist niemandem etwas geschehen. Manchmal. Nicht immer.
Wer in diesem Theater die Hauptrolle spielt, lässt sich aus den Pressemitteilungen nicht ablesen. Es lässt sich nur aus den Eigentumsverhältnissen ablesen.
Und da, meine Damen und Herren, fangen die Haltungen an, sich zu ähneln.
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