250 Millionen Tonnen außerhalb der Bilanz
Es gibt Bücher, die nicht ausgeglichen sind, weil nie jemand die Rechnung vollständig stellen wollte. Diesmal liegen sie in einem Ministerium, und die Zahlen tragen Öl an den Stiefeln. Mehr als 200 Musikerinnen und Musiker, darunter Massive Attack und Paris Paloma, haben Premierminister Andy Burnham aufgefordert, Rosebank abzulehnen. 211 Namen standen auf dem Brief. Auch Thom Yorke, Romy, Brian Eno und Robert Smith gehörten dazu. Die Prominenz ist nur der Zünder. Die Explosion findet in der Wirtschaft statt.
Der Zünder liegt zwei Beratungen tief. Rosebank, etwa 80 Meilen nordwestlich der Shetlandinseln, gilt als das größte noch unerschlossene Ölfeld Großbritanniens. Hinzu kommt das Gasfeld Jackdaw vor Aberdeen. Für beide Felder sind die Konsultationen beendet. Die Minister entscheiden nun, ob aus Investitionszusagen neue Bohraktivitäten werden. Adura, das Unternehmen hinter beiden Projekten, verspricht insgesamt 10,8 Milliarden Pfund Investitionen. Zur Hochzeit des Baus sollen dadurch 3.500 Arbeitsplätze entstehen, über die gesamte Produktionsdauer 880 Beschäftigte.
Das klingt nach einer soliden Bilanz. Ist es nicht. Die £10,8 Milliarden sind eine Investitionszusage, kein ausgewiesener Gewinn, kein Scheck des Staates und kein Beweis, dass dem Land nach Abzug aller Kosten £10,8 Milliarden bleiben. Die bloße Grobrechnung zeigt bereits, wie widersprüchlich die Zahlen sind: Verteilt auf beide Projekte, entfallen rechnerisch rund £3,1 Millionen zugesagte Investitionen auf jeden der 3.500 Bauarbeitsplätze und rund £12,3 Millionen auf jeden der 880 Produktionsbeschäftigten. Das ist keine Wirtschaftlichkeitsrechnung, aber es ist eine nützliche Warnung. Ein Job ist kein Freipass für jede externe Rechnung.
Genauso verhält es sich mit der Energiesicherheit. Die Befürworter führen sie ins Feld wie einen Regenschirm, den man später zurückgeben kann. Doch ein Bohrturm bleibt. Bohren, fördern, transportieren, stilllegen: Alles muss bezahlt werden. Und der Brief der Künstler argumentiert, Rosebank werde weder die Energiepreise senken noch die Versorgung sichern, weil das meiste Öl wahrscheinlich exportiert wird. Damit bleibt vom nationalen Versprechen wenig mehr als ein Etikett. Energie, die auf einem Weltmarkt verkauft wird, folgt dessen Preis. Sie wird nicht automatisch billiger, nur weil sie unter britischer Flagge aus britischem Boden kam.
Während die Gewinnseite mit £10,8 Milliarden, 3.500 Jobs und dem Wort Sicherheit aufwartet, erscheint auf der anderen Seite eine Zahl, die beinahe zu groß ist für eine Pressemitteilung: Schätzungen von Umweltaktivisten beziffern die Emissionen von Rosebank über die gesamte Laufzeit auf mehr als 250 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Das entspricht rund 70 Prozent der jährlichen Emissionen des Vereinigten Königreichs. Nicht pro Jahr. Über die Lebensdauer des Feldes hinweg.
Eine Währung fehlt. Die vorliegenden Angaben nennen keinen Preis für diese 250 Millionen Tonnen, keinen Betrag für beschädigte Infrastruktur, unterbrochene Arbeitsabläufe, zusätzliche Gesundheitslasten oder künftige wirtschaftliche Verwundbarkeit. Ob Adura diese Kosten in seinen Planungen berücksichtigt, ist aus den verfügbaren Unterlagen nicht erkennbar. Ebenso unklar bleibt, wer genau hinter der Kapitalstruktur des Unternehmens steht, welche Eigentumsanteile bestehen, welche staatlichen Abgaben und Rücklagen anfallen und wer den späteren Verkaufserlös vereinnahmt. Genau hier wird aus einer Investition ein politisches Buch.
Lobbyismus muss nicht immer wie ein Scheck in einer Schublade aussehen. Oft genügt eine sauber geschnittene Pressemitteilung. Adura stellt Investition und Beschäftigung in den Vordergrund; der öffentliche Sektor soll daraus den nationalen Nutzen ableiten. Die Klimafolge bleibt draußen vor der Tür, wie Regen auf dem Teppich. Männer in Nadelstreifen erklären dann, warum der Gürtel enger muss, obwohl sie am Ende des Abends den Kohlenstoff mit nach Hause nehmen.
Darin liegt der eigentliche Konflikt. Kurzfristige fossile Gewinne werden heute verbucht. Langfristige Stabilität wird morgen bestellt. Die grüne Transformation ist deshalb keine moralische Fußnote, sondern eine Bilanzfrage. Sie muss beweisen, dass Investitionen dauerhafte Werte schaffen, Arbeitskräfte langfristig binden und öffentliche Risiken nicht in die Zukunft verschieben. Ob ihre konkreten Projekte das leisten, müssen die Zahlen zeigen. Ebenso, ob sie gegenüber Rosebank wirtschaftlich bestehen können. Ein solcher Vergleich fehlt.
Die Unterstützung durch Massive Attack und Paris Paloma entscheidet diese Rechnung nicht. Künstlerproteste können keine Wirtschaftsanalyse ersetzen. Aber sie zeigen, wo die politischen Scheinwerfer gerichtet werden: auf Namen, Absichtserklärungen und ein paar große Zahlen. Die wichtigere Zahl bleibt dabei im Schatten. Solange £10,8 Milliarden Investition und 250 Millionen Tonnen Kohlendioxid nicht in dieselbe Rechnung gehören, sind die Bücher nicht ausgeglichen. Und wer sie dennoch für geschlossen erklärt, verkauft keine Energie. Der verkauft eine Hypothek.
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