Börse 1937
Terminal Tribune

19. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Wasser wird zur Börse: Ofwat erlaubt den Preissprung in der Dürre

19. August 2026 — — E. Wolff

Sie sagen uns, es gehe ums Sparen. Sie sagen uns, der Preis schwanke mit der Knappheit, der Markt werde es richten, das Klima verlange seinen Tribut. Sie sagen es in der Sprache der Banken — die Sprache, die auf der Straße niemand spricht — und erwarten, dass wir nicken.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ofwat, die Wasseraufsicht für England und Wales, erwägt, den Konzernen künftig „Surge Pricing" zu erlauben. Wer bei Dürre mehr verbraucht, soll mehr zahlen. Wasserknappheit, Jahreszeit, Nutzung: das sind die Schrauben, an denen künftig gedreht werden darf. Es klingt nach Taxi-App. Es riecht nach Uber. Aber es ist Wasser. Wasser, das niemand als optional bezeichnen kann, der bei klarem Verstand ist.

Wer profitiert? Beginnen wir dort, wo jede vernünftige Ermittlung beginnt — bei den Büchern, die nicht ausgeglichen sind und nie ausgeglichen waren. Die Wasserkonzerne auf der Insel schreiben seit Jahren Renditen, während ihre Infrastruktur verfault. Leitungen lecken. Kläranlagen versagen. Die Rechnung wurde bisher an die Aktionäre geschickt — und an jene Verbraucher, die ohnehin schon zahlen. Jetzt soll sie noch ein Stück weiter nach oben wandern, verpackt in das sanfte Vokabular von Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Konsum. Die Männer in den Nadelstreifen nicken dazu, weil ihre Boni nicht von der Wetterlage abhängen.

Man stelle sich die Mechanik vor: weniger Wasser im Boden, höherer Preis an der Pumpe. Das ist die Logik der New Yorker Börse 1929, nur ohne die Möglichkeit, das Papier zurückzugeben. Niemand hat erklärt, warum ein Monopol — denn nichts anderes ist die Wasserleitung in deiner Wand — ausgerechnet dann den Preis anheben darf, wenn der Kunde am wenigsten Wahl hat. Die Aufsicht sagt: das reguliere sich. Die Aufsicht hat sich noch nie selbst reguliert.

Man nehme eine Familie, die im Sommer den Garten bewässert, weil das Gemüse sonst verdorrt. Man nehme eine alte Frau, die im Hochsommer ihre Pillen mit Wasser schluckt. Man nehme ein Spital, das ohnehin schon jedes Quartal um seine Hilfskosten kämpft. Ihnen allen wird man sagen: Der Preis ist gestiegen, weil das Wetter so war. Niemand wird ihnen sagen, was die Aktionäre in derselben Saison ausgeschüttet haben.

Die Sprache der Aufsicht klingt weich: „Knappheitsfaktor", „verbrauchsbasierte Signale", „verantwortungsvolle Preisgestaltung". Die Sprache der Straße klingt hart: Du zahlst mehr, wenn du weniger hast. Das ist keine Mechanik. Das ist ein Schnitt in alte Haut. Und der Schnitt trifft jene, die ihn am wenigsten verdienen.

Die Gegenargumente liegen auf dem Tisch, auch wenn man sie selten laut ausspricht. Kritische Infrastruktur ist kein Konsumgut. In Krisenzeiten gehört sie nicht dem Spiel der Preise, sondern dem Schutz des Staates — wie Brot im Krieg, wie Strom im Frost, wie Wasser in der Dürre. Wer Wasser als elastisches Gut behandelt, behandelt Menschen als elastische Größen. Eine Preisdeckelung ist das Mindeste. Eine Gewinnabschöpfung über die Dürre hinaus wäre mehr als das Mindeste — sie wäre die Aussage, wofür ein Gemeinwesen Monopole überhaupt duldet.

Was bleibt offen, und was die Aufsicht uns schuldig bleibt: Welche Modelle den Schwellenwert setzen, ab dem „Knappheit" überhaupt beginnt. Ob die Mehreinnahmen in Leitungen fließen oder in Dividenden. Welche Biographien in den Aufsichtsräten sitzen und in welche Konzernzentralen sie am Abend führen. Wer in welcher Trockenheit am Ende des Schlauches gestanden hat — das ist die Frage, die niemand stellt, weil die Antwort unbequem wäre.

Ich habe 1929 gewusst, was kommt. Ich habe es nicht laut genug gesagt. Heute sage ich es lauter. Ich rauche meine Pfeife langsam, weil die Wahrheit langsam kommt. Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Sie waren es nie. Und wenn Wasser das nächste Papier wird, das die Börse an die Wand klebt, dann zahlt wieder der, der nichts besitzt außer dem Durst.

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