Bis Asche wird: Wenn 40.000 Hektar Wald zur Bilanz werden
Vierzigtausend Hektar. Das ist keine Wetterstatistik. Das ist eine Bilanzkennzahl. Die Sentinel-2-Aufnahmen, die derzeit über die Bildschirme der Redaktionen wandern, zeigen nicht den Zorn der Natur — sie zeigen das Ergebnis von drei Jahrzehnten unterbewerteter Risikobücher. Zwischen Cap Ferret und Lacanau, dort wo Frankreichs größter maritimer Pinienwald steht, zählt die Forstverwaltung Flächen inzwischen in der Maßeinheit von Versicherungsmathematikern. Vierzigtausend Hektar, etwa die doppelte Fläche des Neuenburgersees. Das klingt nach Landschaft. Das ist Geld.
Wer in den Geschäftsberichten der großen europäischen Rückversicherer der letzten Jahre blätterte, fand eine bemerkenswerte Ruhe. Munich Re, Swiss Re, SCOR — sie alle schrieben in gewohntem Bilanzdeutsch, dass Klimarisiken „modelliert" und „preisgerecht eingepreist" seien. Correctiv hat in mehreren Recherchen nachgefragt. Die Antworten waren Geschäftsbericht-Sätze: „Diversifikation", „Katastrophenbonds", „Risikotransfer". Jetzt brennen die Modelle.
Die Aquitaine ist nicht irgendein Wald. Sie ist die größte zusammenhängende maritime Pinienplantage Europas, Produktionsstandort für Harz, Bauholz und Zellstoff. Was hier verbrennt, geht in die Bücher französischer Forstfonds, in die Lieferketten portugiesischer und skandinavischer Sägewerke, in die Katastrophenreserven von Versicherern, die Policen auf Forst- und Weinbauflächen verkaufen, ohne die Klimakarten neu zeichnen zu wollen. Die Weinbauern zwischen Bordeaux und dem Bassin d'Arcachon — ihre Existenz ist keine Folklore, sondern ein Posten in den Portfolios europäischer Agrarbanken. Südlich des Beckens, nahe Biscarrosse, wo Frankreichs Sommer stattfindet, wütet ein weiterer Brand. Der Ort ist nicht zufällig. Hier stehen Ferienhaussiedlungen, deren Versicherungswerte sich an Quadratmetern Atlantikblick bemessen. Asche kennt keine Meerblick-Aufschläge. Sie kennt nur Deckungssummen.
Spanien zeigt parallel, was Madrid auf der Risikokarte bedeutet. Die Brände westlich der Hauptstadt sind auf den True-Color-Aufnahmen der Sentinel-Satelliten unübersehbar. Die Rauchsäulen verraten die wechselnden Windverhältnisse — sie verraten aber auch die Richtung, in die Versicherungsforderungen und Logistikschäden wehen werden. Madrid ist Infrastrukturknoten, Pendlergürtel, Zuliefererzone für ganz Zentralspanien. Was hier verbrennt, verbrennt nicht nur Eichen und Pinien. Es verbrennt die Annahmen über Grundstückswerte in den Vororten, über Geschäftsunterbrechungsdeckungen kleiner Handwerksbetriebe, über die Klimaresilienz eines Landes, das sich selbst gern als „Mittelmeerraum mit Hotels" verkauft.
Der SWIR-Kanal, der jetzt die Brandnarben kartiert, hat eine Eigenschaft, die in keinem Versicherungsprospekt steht: Er macht unsichtbare Folgeschäden sichtbar. Kurzwellige Infrarotstrahlung wird von kürzlich verbrannten Flächen stark reflektiert. Wissenschaftler können damit kartieren. Aktionäre können damit rechnen. Das Falschfarbenbild — Nahinfrarot, Rot, Grün — zeigt, was vorher grün war: grau oder hellbraun. Wer in Klimarisiken investiert hat, sieht hier sein Portfolio ohne Kommentar.
Die Beruhigungsnummer der Konzerne folgt einem immer gleichen Muster. Erst: „Wir beobachten die Lage." Dann: „Unsere Modelle berücksichtigen Extremereignisse." Dann: „Die Auswirkungen auf das Gesamtjahr sind begrenzt." Diese Sätze gleichen sich wie Münzen aus derselben Prägestätte. Sie sind das Kleingeld der Beruhigung — gemünzt wird, was an Vertrauen noch übrig ist. Denn die Frage ist nicht, ob es brennt. Die Frage ist, wer die Rechnung unterschreibt. Die Versicherer, die in den vergangenen Jahren Policen erneuert haben, ohne ihre Klimakarten neu zu zeichnen. Die Banken, die Forstkredite vergeben haben, als sei der Pinienwald ein sicherer Hafen. Die Asset Manager, die Klimarisiken als „transitorisch" verkauft haben — ein Wort, das in der Bilanzsprache „noch nicht realisiert" bedeutet, auf der Straße bedeutet es: kommt später, kommt teuer, kommt bestimmt.
Vierzigtausend Hektar sind verbrannt. Die Aufnahmen aus dem All — Sentinel-2, ESA, Copernicus — zeigen, was geschmolzen ist: nicht nur Holz, sondern Margen. Was bleibt, ist die Infrastruktur der Verantwortung. Sie brennt langsamer als der Wald. Sie brennt trotzdem.
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