Acht Jahre Staub, sechs Jahre Schweigen — Milwaukees Picasso-Affäre
Es beginnt, wie solche Geschichten in dieser Stadt immer beginnen: mit einem Anruf, den niemand erwartet, und einer Geschichte, die niemand glaubt.
Bill DeLind, Inhaber der DeLind Fine Art Appraisals in Milwaukee, erhielt vergangene Woche einen solchen Anruf. Acht Jahre nachdem ein signierter Picasso-Druck — der „Torero", eine von weltweit dreißig existierenden, vom Künstler eigenhändig signierten Radierungen — aus seiner Galerie verschwand, meldete sich die Polizei und bat ihn, ein in einem leerstehenden Apartment gefundenes Kunstwerk in Augenschein zu nehmen. Er erkannte es sofort. Der Aufkleber seiner Galerie klebte noch auf der Rückseite des Rahmens, dort, wo er ihn 2018 angebracht hatte. „It came back full circle", sagte er, und man hörte, wie ihm das Pathos beinahe im Halse steckenblieb.
So weit die offizielle Lesart. Und schon sie ist, bei näherer Betrachtung, ein Rätsel.
Denn betrachten wir, was tatsächlich geschah: Ein Werk von, je nach damaliger Schätzung, fünfunddreißig- bis fünfzigtausend Dollar verschwindet 2018 aus einer Galerie, deren Name Appetit macht auf Diskretion, und taucht, mit Staub bedeckt, an einem „seltsamen Platz" an der Wand eines geräumten Apartments wieder auf. Der Vermieter Tim Dertz zeigt das Werk einem Antiquitätenhändler seines Vertrauens; dieser erkennt es als Picasso und ordnet es dem Fall von 2018 zu. Dertz übergibt es der Polizei. Die Polizei ruft DeLind an. Der Fall ist, sechs Jahre nach der Tat, verjährt — die Milwaukeeer Polizei teilt dies in einer E-Mail mit, sachlich, fast beiläufig —, aber die Untersuchung dauere an. Die FBI-Sprecherin Caroline Clancy in Milwaukee gibt keinen Kommentar ab.
Es ist die Architektur dieses Zufalls, die misstrauisch machen muss.
Dass ein signierter Picasso acht Jahre lang in einer Wohnung an der Wand hängt, ohne dass Mieter, Vermieter, Nachbarn oder Hausverwaltung ihn bemerken — und ihn dann ausgerechnet jemand findet, der zufällig einen befreundeten Antiquitätenhändler hat —, ist keine Geschichte über vergessene Kunst. Es ist eine Geschichte über die Löcher, durch die hindurch in Milwaukee Wertgegenstände verschwinden können, ohne dass jemand nachsieht. Wer ein Werk von diesem Kaliber so lange so sorglos verwahrt, hat entweder keine Ahnung, was er besitzt — was bei einem signierten Picasso schlechterdings unmöglich ist —, oder er weiß es sehr genau und wartet. Worauf, das ist die Frage, die keine offizielle Stelle zu stellen gedenkt.
Das Schweigen des FBI ist in diesem Konzert die lauteste Stimme. Caroline Clancy lehnt einen Kommentar ab. In Milwaukee, einer Stadt, deren Kunstmarkt von einer überschaubaren Zahl an Akteuren getragen wird, ist dieses Schweigen kein Zufall, sondern eine Sprache. Die Sprache lautet: Dies ist nicht mein Fall, und ich möchte nicht erklären müssen, warum nicht.
Ebenso aufschlussreich ist die Bemerkung der Milwaukeeer Polizei zur Verjährungsfrist. Sechs Jahre, so heißt es. Die Tat liegt acht Jahre zurück. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Untersuchung noch so akribisch geführt würde — strafrechtlich ist das Fenster, in dem jemand hätte belangt werden können, längst geschlossen. Wer immer das Werk an die Wand des geräumten Apartments gehängt hat, wird, sofern die Behörden ihrer Linie treu bleiben, nie zur Rechenschaft gezogen. Das ist keine Justiz. Das ist eine Einladung.
Und dann ist da der Aufkleber. Der Aufkleber von DeLinds Galerie, unbeschädigt, an Ort und Stelle. In einer Branche, in der Provenienz Geld ist, in der die Herkunft eines Werkes über Wert und Verkäuflichkeit entscheidet, ist ein solcher Aufkleber kein Zufallsfund — er ist ein Schutz. Ein Werk ohne ihn wäre auf dem Markt ein Risiko. Ein Werk mit ihm ist, trotz allem, identifizierbar. Wer das Werk an jene Wand hängte, wusste das. Oder er wusste es nicht, und dann stellt sich die Frage, wie jemand ohne jedes Gespür für den Wert eines Bildes überhaupt in den Besitz eines Picasso gelangt.
Man darf, an dieser Stelle, eine unbequeme Rechnung aufmachen. Der Picasso wurde 2018 gestohlen. Es gab eine Versicherung. Es gab einen Geschäftspartner, der im Februar verstarb — ein Mann, der den Verlust jedes Jahr am Jahrestag bei der Polizei anzeigte und um neue Publizität bat. Er hat die Wiederauffindung nicht mehr erlebt. Man mag das für eine menschliche Geste halten; man darf aber auch fragen, wessen Geschäft dieser Mann führte und wessen Geschäft nun, nach seinem Tod, fortgeführt wird. Der Klient, der das Werk seinerzeit zur Vermittlung in der Galerie eingebracht hatte, handelt es derzeit mit seiner Versicherung aus — ein Vorgang, der in der Sprache der Versicherer „loss adjustment" heißt und in der Sprache der Eingeweihten „settlement". Was dabei herauskommt, erfährt die Öffentlichkeit nicht.
Milwaukee ist eine Stadt, die sich gern als Hüterin ihrer kulturellen Schätze versteht. Die Milwaukee Art Museum, der Lakefront, die soliden Bürgerstiftungen — das ist die eine Fassade. Die andere ist jene, die wir in dieser Affäre sehen: eine Galerie, deren Sicherheitsvorkehrungen so porös waren, dass ein signierter Druck unbemerkt verschwinden konnte; eine Polizei, die den Fall acht Jahre lang mit derartiger Diskretion behandelte, dass selbst der Diebstahl kaum Wellen schlug; eine Bundesbehörde, die heute schweigt, als wäre Schweigen eine Form der Amtshilfe; und ein Kunstmarkt, dessen Apparat zwischen Galerist, Versicherer, Klient und Behörden jene undurchdringliche Sphäre bildet, in der niemand haftet und alle verdienen.
Dass der Picasso wieder aufgetaucht ist, ist eine Erleichterung für Bill DeLind. Es ist keine Antwort. Die Antwort wäre der Name dessen, der das Werk an jene Wand hängte. Die Antwort wäre die Aufklärung der Frage, warum ein Vermieter acht Jahre lang nicht wusste, was in seinem Apartment hing. Die Antwort wäre die Erklärung des FBI, warum es schweigt. Die Antwort wäre die Einsicht, dass Milwaukees Kunstszene, so klein sie sein mag, genau jene geschlossene Gesellschaft ist, in der Vertrauen die härteste Währung ist — und in der sein Fehlen am lautesten spricht, wenn alle höflich schweigen.
Acht Jahre Staub. Sechs Jahre Schweigen. Eine Stadt, die wegsieht. Ein Bild, das zurückkam — und mit ihm alle Fragen, die niemand stellen wollte.
Unklar bleibt, wie viele ähnliche Bilder in dieser Stadt an Wänden hängen, die niemandem auffallen.
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