ZWEI BIETER, EINE SCHULD: MONTE DEI PASCHIS DOPPELSCHLAG
Die Pfeife ist kalt. Das ist sie immer, wenn die Bücher sich öffnen. Heute Abend öffnen sich zwei auf einmal.
In Siena hat der Verwaltungsrat der Banca Monte dei Paschi di Siena grünes Licht gegeben für ein Manöver, das in seiner Kühnheit nur von seiner Verzweiflung übertroffen wird: zwei parallele öffentliche Tauschangebote — eines für die Banco BPM, eines für die Banca Generali. Chefstratege dieser Operation: Vorstandschef Luigi Lovaglio. Die Waffe: keine Barmittel, sondern eigene Aktien. Die Logik: wer schlucken will, soll erst einmal schlucken müssen.
Man schreibt das Jahr 1937. Man schreibt auch das Jahr 2026. Manchmal sind die Bücher nicht ausgeglichen, und das war nie ein Versehen.
Betrachten wir die Arithmetik, denn Zahlen sind Waffen, und diese hier sind geladen. Intesa Sanpaolo, der größere Rivale, liegt bereits im Anlauf auf Banco BPM — mit einem Gebot, das in den Meldungen mit 30,6 Milliarden Euro kursiert, anderswo mit 36 Milliarden. Die Differenz allein ist eine Geschichte: Es bedeutet, dass selbst der Preis, um den gekämpft wird, noch nicht feststeht, dass selbst die Größe des Raubtiers noch verhandelt wird zwischen den Korridoren und den Bildschirmen. Monte dei Paschi tritt diesem Bieter entgegen, nicht mit Geld — das hat der ältesten Bank der Welt seit Jahren niemand mehr in ausreichender Menge geliehen —, sondern mit dem eigenen, ramponierten Papier. Ein Aktientausch ist die Sprache derer, die keine Lira mehr haben.
Wer profitiert? Das ist die Frage, die niemand stellt, weil alle zu beschäftigt sind mit der Frage, ob es funktioniert.
Die Banco BPM ist kein Geschenk. Sie ist ein Institut mit eigener Bilanz, eigener Verwaltung, eigener Haut. Die Banca Generali wiederum ist ein Vermögensverwalter — kein Kreditinstitut, das man einfach verschlingt, sondern ein Geschöpf, das auf Vertrauen und Diskretion gebaut ist. Wer sie kaufen will, kauft nicht Aktien. Er kauft Mandate. Er kauft Stille. Man fragt sich, was die Aktionäre der Banca Generali dazu sagen werden — jene stillen Besitzer, die genau diese Diskretion als Produkt verkauft bekommen. Man fragt sich auch, was die Aufseher sagen werden, jene Männer in Brüssel und Rom, die in den letzten Jahren bei jedem Zusammenschluss mit der Sprache der Wettbewerbshüter gefüttert wurden, als wäre Konzentration ein Naturereignis.
Und hier öffnet sich der Raum, in dem diese ganze Konstruktion stehen oder fallen wird. Die Quellen, die diese Meldung tragen, sind vorsichtig: eine den Kreisen nahestehende Person. Das ist der gebotene Vorbehalt. Aber die Vorbehalte verschwinden nicht, wenn man sie nicht ausspricht. Sie verschwinden, wenn man die Mechanik hinter dem Manöver nicht benennt.
Denn dies ist, genau besehen, eine Defensivgebärde. Monte dei Paschi wird nicht zum Angreifer, weil es stark ist. Es wird zum Angreifer, weil es befürchtet, von der Landkarte radiert zu werden, wenn ein größerer Nachbar sich Banco BPM einverleibt und damit das regionale Gleichgewicht in eine Richtung kippt, die Siena nicht mehr korrigieren kann. Der Doppelschlag — zwei Gebote, zwei Fronten — ist gleichzeitig ein Signal an Intesa Sanpaolo: Du wirst diesen Markt nicht ohne Gegenwehr schlucken. Er ist auch ein Signal an Rom und an die EZB: Seht her, wir sind systemrelevant, wir spielen mit, lasst uns nicht fallen.
Aber Signale sind keine Substanz. Aktientausche sind nur dann mehr als bedrucktes Papier, wenn der Markt sie akzeptiert — und der Markt, das sind die Aktionäre von Banco BPM und Banca Generali, die in den nächsten Wochen mit der Frage konfrontiert werden, ob sie MPS-Papiere dem Intesa-Angebot vorziehen. Sie werden rechnen. Sie rechnen immer. Und dann sind da die Aufseher, die Kartellwächter, die Stimmrechtsprüfer, die Staatsgarantien-Beobachter. Denn eines darf nicht vergessen werden: Der italienische Staat hält noch immer einen nennenswerten Anteil an Monte dei Paschi. Wenn diese Bank zwei andere schluckt, schluckt der Staat indirekt mit. Das ist keine Privatsache mehr. Das ist Industriepolitik im Anzug der Privatwirtschaft.
Offen bleibt, und hier endet die Akte für heute Abend, ob die Bücher diesmal ausgehen. Ob die Tauschrelationen so gestaltet werden, dass die Übernahmeopfer sich nicht lieber an Intesa Sanpaolo wenden. Ob die Aufseher in Rom und Frankfurt ein Auge zudrücken oder zwei Augen aufreißen. Ob die Banca Generali tatsächlich ein Ziel ist oder ein Bluff, eine Finte, um Intesa zu zwingen, seine Munition auf zwei Schlachtfelder zu verteilen.
Eines weiß ich, der ich in der Handelskammer saß und die Bilanzen sah, bevor sie frisiert wurden: Wenn ein Institut gleichzeitig zwei Übernahmen vorbereitet, hat es entweder Größe oder Angst. Bei Monte dei Paschi war die Größe schon einmal weg. Was bleibt, ist die Frage, ob ausreichend andere glauben, dass die Angst sich gelohnt hat.
Die Pfeife ist ausgedämpft. Die Bücher sind offen. Morgen werden sie wieder geschlossen — mit schöneren Zahlen, versteht sich. So funktioniert das.
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