Die Kammern und das eine Prozent
Man muss den Männern, die heute Morgen wieder die Arbeiterschaft beschworen haben, nicht übelnehmen, dass sie lügen. Sie tun es aus Berufsgründen, und sie tun es gut. Wer das eine Prozent benennt, das in den Hallen der Macht tatsächlich fehlt, muss gar nicht erfinden — er muss nur schweigen. Genau das wird getan.
Eine Zahl zuerst. In den Vereinigten Staaten stellen Menschen aus Arbeitsberufen — Maurer, Kellner, Bauarbeiter, Büroboten — rund ein Prozent der gesetzgebenden Kammern. Im Durchschnitt demokratischer Staaten sind es zwei Prozent. Das ist die Quote, mit der die arbeitende Bevölkerung in jenen Sälen vertreten ist, die über ihre Löhne, ihre Sicherheitsnetze, ihre Gewerkschaften und ihre Renten entscheiden.
Die Quote ist nicht das Ergebnis einer Naturkatastrophe. Sie ist das Ergebnis eines Filters, der in mehreren Etappen arbeitet, mit der Präzision eines gut geölten Mechanismus: erst die Schule, dann das Examen, dann der Beruf, dann die Aufnahme in jene Klasse, die wählt und sich wählen lässt. Wer diesen Filter durchläuft, spricht bald anders, kleidet sich anders, und — das ist die entscheidende Wendung — erinnert sich an seine Herkunft nur noch als Anekdote für die Sonntagsrede.
Es ist das alte Lied der Aufstiegsgeschichte. In den Vereinigten Staaten wird sie bewundert; in den Demokratien überhaupt wird sie bewundert. Der Aufgestiegene wird gelobt, der Aufgestiegene wird gewählt, und sobald er gewählt ist, identifiziert er sich — wie die Forschung von Noam Lupu und Nicholas Carnes zeigt — mit seiner neuen, seiner verbesserten Position. Die Verbindung zu den Wurzeln, das ist die offene Frage, die bleibt, wird zur Verzierung, nicht zur Substanz.
Die Parteien wissen das. Beide großen Parteien der Vereinigten Staaten — die Demokraten wie die Republikaner — führen das Wort »Arbeiterklasse« im Munde wie einen Rosenkranz, den man küsst, ohne ihn zu glauben. Beide nominieren selten Kandidaten, die substanzielle Zeit in Arbeitsberufen verbracht haben. Das ist nicht Zufall, das ist Selektion. Hier liegt der Hebel.
Was die Kammern hervorbringen, wenn ein Prozent ihrer Mitglieder aus Arbeitsberufen kommt, ist vorhersehbar: Sicherheitsnetze fallen magerer aus, als sie ausfallen würden, wenn die Betroffenen selbst im Saal säßen; die Regulierung der Wirtschaft wird durchlässiger; der Schutz der Arbeitenden wird dünner. Das ist nicht Polemik, das ist Befund. Lupu und Carnes dokumentieren es für die Vereinigten Staaten, sie dokumentieren es für andere Demokratien, und ihre Schlussfolgerung ist klar: Wo Arbeitsberufe seltener ins Parlament gelangen, werden die Interessen der Arbeitenden seltener zum Gesetz.
Man darf bei alledem nicht vergessen, wie die Statistik überhaupt zustande kommt. Die Forscher definieren Arbeitsberufe als manuelle Tätigkeit, als Dienstleistung, als Büroarbeit — und sie schließen damit Gewerkschaftsmitglieder aus, die in stabiler Anstellung arbeiten, Busfahrer, Müllwerker, Pflegekräfte, Labortechniker. Hier ist die offene Frage, die bleibt: Was geschieht mit dem Bild, wenn man diese Berufe einbezieht? Vermutlich steigt die Zahl — vielleicht auf zwei, vielleicht auf drei Prozent, vielleicht auf fünf. Selbst dann wäre das Bild kaum tröstlich. Es wäre nur weniger kalt.
Denn der Filter sitzt tiefer als die Statistik. Es gibt Hinweise — und sie sind nicht anekdotisch, sondern mechanisch —, dass die Sprache selbst zum Einlass wird. Wer mit dem falschen Akzent, dem falschen Wortschatz, der falschen Kleidung in den Vorhof der Macht tritt, wird höflich, aber wirksam zurückgewiesen. Man bringt ihm bei, wie man klingen muss, bevor man ihn einlässt; oder man bringt ihm nichts bei und lässt ihn draußen. Das Ergebnis ist dasselbe.
Das ist die Architektur der Abwesenheit. Sie wird nicht in einer einzigen Sitzung gebaut, nicht in einer einzigen Wahl, nicht durch eine einzige böswillige Entscheidung. Sie wird gebaut, indem man die Aufstiegsgeschichte erzählt, bis sie niemand mehr bezweifelt. Sie wird gebaut, indem man die Universität als einzigen Eingang zur Kandidatur behandelt. Sie wird gebaut, indem man Arbeitsberufe in der offiziellen Statistik knapp definiert, damit das Ergebnis knapp ausfällt und sich gut verkaufen lässt.
Dass die Regierungen dann über die arbeitende Bevölkerung sprechen — über ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Zukunft —, ist der letzte, der vollendete Zug im Spiel. Sie sprechen über sie. Sie sprechen für sie. Sie sprechen nie mit ihnen. Und wenn eine Handvoll es doch tut, wie es einzelne Abgeordnete versuchen, dann gilt das sofort als Besonderheit, als Abweichung, als kuriose Ausnahme — nicht als das, was es sein sollte: Normalität.
Die Kammern kennen ihre Handwerker nicht. Das ist die Anklage. Sie kennen ihre Kellner nicht, sie kennen ihre Pfleger nicht, sie kennen ihre Busfahrer nicht. Sie kennen die Gesetze, die über sie geschrieben werden, besser als die Menschen, über die geschrieben wird. Und solange dieses Gefälle besteht, werden die Sicherheitsnetze mager bleiben, die Regulierung durchlässig, der Schutz dünn. Es ist, mit Verlaub, ein sehr altes Spiel. Aber es wird mit sehr neuen Zahlen gespielt. Und diesmal, so darf man hoffen, schauen mehr als ein Prozent hin.
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