Hunderttausend Dollar, neun Häuser und die unsichtbaren Gläubiger
New York hat eine neue Zentralbank. Sie steht nicht in der Wall Street. Sie steht in den Kellern von Manhattan, zwischen abgelaufenen Weinen und unbezahlten Mietverträgen. Sie heißt Fireman Hospitality Group und sie hat in diesem Monat Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Die Nachricht schmeckt nach nichts, wenn man sie so liest. Aber die Zahlen, die dabei auf den Tisch kommen, erzählen eine andere Geschichte. Eine, die nicht von einem alten Mann und seinen Bronzeskulpturen handelt, sondern von einem System, das seine Rechnungen schreibt, bevor die Gäste bestellen.
Lassen Sie uns über Zahlen reden. Das tun Banker gern, wenn sie gewinnen. Wenn sie verlieren, reden sie über Cash Flow.
Fireman Hospitality betreibt neun Restaurants. Trattoria Dell'Arte, jenes Haus mit der berühmten Wand der Nasen. Cafe Fiorello, mehr als fünfzig Jahre alt und Stammgast der Lincoln-Center-Nachbarschaft. Bond 45 mit seinen Bronzen, die älter sind als manches Mietrecht in Manhattan. Paris Bar im Le Méridien. Cafe Paradiso. Le Jardin Rooftop. Zwei Brooklyn Diner. Eine Dependance in Washington. Zusammen mehr als zweitausend Sitzplätze, achthundert Beschäftigte. Ein Erbe, das mit Shelly Fireman im Oktober starb, dreiundneunzig Jahre alt, Gründer, Künstler, vermutlich der einzige Mann, der gleichzeitig eine Speisekarte und einen Insolvenzantrag führen konnte.
Was bleibt, sind gesicherte Forderungen in Höhe von annähernd zehn Millionen Dollar. Sechs Millionen davon sind Miete. Drei Millionen sind Umsatzsteuern. Das sind keine Phantasiezahlen. Das sind die Schulden, die ein Unternehmen anmeldet, wenn es seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann und trotzdem noch Tische deckt.
Auf der anderen Seite des Tresens: weniger als hunderttausend Dollar Barmittel. Das ist die Summe, die zwischen dem Konkurs und dem Weiterverkauf steht. Das ist das, was einem Neun-Restaurant-Imperium noch blieb, bevor Kreditkartenabwickler, ausgerechnet American Express und andere, auf Geheiß einiger Gläubiger die Zahlungen einbehielten.
Hier beginnt die Archäologie. Die Fireman-Gruppe hat, beginnend im Jahr 2024, sogenannte Merchant Cash Advances in Anspruch genommen. Das sind keine Kredite. Das sind Vorschüsse auf künftige Umsätze, oft zu Konditionen, die in jeder anständigen Stadtbibliothek als Wucher beschrieben wären. Die Gruppe nennt sie in den Gerichtsunterlagen jetzt selbst das, was sie sind: kriminell wucherisch und unvollstreckbar. Das sagt ein Schuldner nicht leichtfertig. Das sagt er, wenn die Posten so grotesk geworden sind, dass die Sprache der Höflichkeit nicht mehr reicht.
Die COVID-Pandemie hat das alles nicht erfunden. Sie hat es verschärft. Fireman Hospitality hatte bereits vorher ein Problem mit dem Cash Flow, das geht aus dem Antrag klar hervor. Die Lockdowns 2020 haben die ohnehin engen Margen der großen Häuser zerrieben. PPP-Kredite, also die staatlichen Pandemie-Hilfen, wurden aufgenommen, um Personal zu halten. Sie haben den Patienten nicht geheilt. Sie haben die Beatmung verlängert. Im Juli, nach dreißig Jahren, schloss die Redeye Grill. Ein Vorgeschmack.
Was als Nächstes kommt, ist die Frage. Chapter 11 bedeutet Umstrukturierung. Ohne sie kippt der Antrag in Chapter 7, wie die Unterlagen ungeschminkt festhalten. Zu diesem Zeitpunkt würden die Geschäftstätigkeiten der Schuldner eingestellt und die Vermögenswerte liquidiert. Neun Häuser, zweitausend Sitzplätze, achthundert Beschäftigte. Aus. Verkauft. Aus.
Restrukturierungsoffizier Jordan Meyers von Sierra Constellation Partners gibt sich öffentlich zuversichtlich. Alle bestehenden Restaurants seien geöffnet, sagt er. Man freue sich auf kulinarische Erlebnisse. Das ist die Sprache der Hoffnung. Die Sprache der Gläubiger heißt: Mietzession, Verwertungsplan, Forderungspriorität.
Und jetzt, sehr geehrte Leserinnen und Leser, zur Pointe.
Während ein New Yorker Restaurant-Imperium mit zweitausend Sitzen und achthundert Beschäftigten um die letzten hunderttausend Dollar kämpft, gibt die HSBC achtundsechzig Millionen Dollar aus, um sich von leitenden Bankern zu trennen. Das ist der Kontrast, der nicht erklärt, sondern nur benannt zu werden braucht. Das eine ist ein Haus, das Personal nicht mehr bezahlen kann. Das andere ist ein Haus, das Personal entsorgt, das zu teuer geworden ist. Beides gehört zur selben Stadt. Beides gehört zur selben Dekade. Es ist die größte Restaurantkrise dieser Stadt seit 2020. Nur das eine riecht nach Knoblauch, das andere nach Teppichboden.
Was hier offen bleibt, und das muss offen bleiben, weil die Belege fehlen, ist die Frage, wer hinter den MCA-Gläubigern steht. Welche Fondsstrukturen finanzieren die Firmen, die kleinen Restaurants das Geld vorstrecken, das sie nicht haben? Welche Rolle spielen die Banken, die zugleich Kredite geben und Kreditkarten abwickeln, und die damit an beiden Enden derselben Rechnung sitzen? Es ist die größte Restaurantkrise dieser Stadt seit 2020. Sie ist nur nicht die einzige, die gerade ignoriert wird.
Das ist, was diese Stadt seit 1929 nicht gelernt hat. Dass die Bücher deshalb nicht ausgeglichen sind, weil manche Bücher gar nicht für die Öffentlichkeit geschrieben werden.
Die Wand der Nasen in der Trattoria Dell'Arte ist noch da. Das Bargeld ist es nicht.
❖ Ende des Artikels ❖
