Börse 1937
Terminal Tribune

21. August 2026

Dossier ·

Hundert Schatten über dem Reich

21. August 2026 — Morrison, over and out.

Es riecht nach Kordit und Schweigen. Nach dem Geräusch von Rotoren, die kein Mensch hören will. Nach Weihnachtsliedern, die plötzlich unter Drohnensummen verstummen.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Am Abend des 11. Dezember 2025 sitzen Bundeswehrsoldaten der Immelmann-Kaserne im niedersächsischen Celle bei ihrer Weihnachtsfeier. Stille Nacht, helles Licht, Alkohol in Thermobechern. Dann blickt einer hoch. Über dem Bundeswehr-Flugplatz zieht ein Schwarm großer Drohnen seine Bahn. In Formation. Immer wieder. Am Folgetag zwei weitere Sichtungen. Vier Tage darauf dasselbe Spiel über dem benachbarten Fliegerhorst Faßberg. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet. Der Fall wandert als „herausragender Sachverhalt" in einen vertraulichen BKA-Bericht zu Sabotage- und Ausspäh-Verdachtsfällen. Vertraulich. Natürlich.

Wer fliegt da nachts über deutsche Kasernen? Ein Bundeswehroberst spricht aus, was viele denken: Russland. Die Polizei schließt es nicht aus. Sie ermittelt wegen Ausspähung – und wegen des Verdachts der „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken" nach Paragraph 87 StGB. Einer von vier Paragrafen, die Sabotagehandlungen durch einen fremden Staat adressieren, meist durch dessen Geheimdienste. Die Sprache ist juristisch trocken. Die Realität ist feucht und dunkel.

Hier beginnt die Geschichte, die kein Staatsanwalt erzählen will. Denn sie hat eine Zahl. Eine Zahl, die zum ersten Mal das Ausmaß sichtbar macht, das bislang im Nebel der „kann sein", „wird geprüft", „im Verantwortungsbereich" verschwand.

CORRECTIV hat bei allen 16 Landeskriminalämtern nachgefragt. Das Ergebnis: Im Jahr 2025 wurden mindestens 104 Delikte unter dem Verdacht der Agententätigkeit zu Sabotagezwecken an den Kriminalpolizeilichen Meldedienst für Politisch motivierte Kriminalität gemeldet. Hundertvier. Eine Zahl, die kein Beitrag in einer Talkshow ist. Eine Zahl, die ein System beschreibt.

Und hier beginnt mein Misstraen.

Denn die Zahl sagt zweierlei. Erstens: Es passiert etwas. Zweitens: Wir wissen nicht wirklich, was. Die Abfrage zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern bei den Kriterien für diesen Strafrechtsparagrafen. Heißt: Was in Niedersachsen als §87-Verdacht in die Statistik eingeht, ist in Bayern vielleicht eine bloße Drohnen-Sichtung ohne staatsschutzrechtliche Qualifikation. Heißt: Die Dunkelziffer ist kein Phantasma, sondern ein Strukturproblem. Wir messen nicht. Wir zählen verschieden. Und solange jeder Landesapparat seine eigene Definition von „verdächtig" pflegt, hat der Kreml ein Einfallstor, das mit keiner Drohnenstaffel zu vergleichen ist.

Wer profitiert? Wer immer hinter dem Paragraphen 87 steht, profitiert vom Flickenteppich. Wer immer die Sichtungen über Ramstein, über Faßberg, über der Bahn-Infrastruktur beobachtet, profitiert von der Tatsache, dass deutsche Behörden sich nicht einmal auf ein gemeinsames Meldewesen einigen können. Transparenz ist die erste Verteidigungslinie. Hier ist sie kaputt.

Die Vorfälle häufen sich. Drohnen-Überflüge über Militäreinrichtungen und kritischer Infrastruktur. Sabotageakte gegen die Bahn. Das Bundeskriminalamt erfasste 2025 insgesamt mehr als tausend verdächtige Drohnenflüge – eine Zahl, die das Ausmaß jenseits des §87-Paragrafen zeigt. US-Basen wie Ramstein waren im vergangenen Jahr mehrfach betroffen. Ein BKA-Bericht, der seinen Weg in die Öffentlichkeit fand, sprach Bände: Der Luftwaffenstützpunkt wurde zum wiederholten Ziel. Immer. Immer wieder.

Doch die entscheidende Frage ist nicht, wie oft eine Drohne summt. Die entscheidende Frage ist: Wer hat den Auftrag gegeben, und welche Struktur trägt das?

Hier versagt das Material. Hier beginnt der Nebel. CORRECTIV liefert Zahlen, Daten, Fakten. Was fehlt, ist der Name hinter der Logistik. Wer koordiniert? Wer fliegt die Schwärme in Formation? Wer setzt die Sprengstoffdrohnen ein – ja, die gab es, bei Leipzig, Profis, wie die Bundesanwaltschaft andeutet? Welche Geheimdienststruktur verknüpft die Luftbilder mit den Cyberangriffen, mit den Lobby-Netzwerken, mit den politischen Akteuren, die in keinem Bundeswehrbericht stehen?

Unklar bleibt, welche Beweise den Verdacht tragen. Unklar bleibt, warum die Bundesanwaltschaft in manchen Fällen übernimmt und in anderen nicht. Unklar bleibt, welche Rolle die Nachrichtendienste – BND, Verfassungsschutz – in diesem Mosaik spielen, jenseits der Pressekonferenz-Versicherungen. Unklar bleibt, warum der Verfassungsschutz Drohnen-Start-Ups in Deutschland als Ziel russischer Operationen benennt, aber die Öffentlichkeit erst über fragmentarische Berichte davon erfährt.

Das ist die Struktur, die mich beunruhigt. Nicht die Drohne. Die Institution.

Die Bundeswehr trainiert teilweise noch mit Drohnen chinesischer Herkunft – ein Risiko, das der Generalinspekteur kennt und das im politischen Berlin niemand offen benennen will. Gleichzeitig ermittelt dieselbe Bundeswehr gegen Drohnenüberflüge mutmaßlich russischer Herkunft. Man trainiert mit dem Werkzeug des einen, während man die Werkzeuge des anderen abwehrt. Das ist keine Strategie. Das ist ein Symptom.

Die Immelmann-Kaserne bei Celle. Ein Oberst, der seinen Verdacht äußert. Eine Polizei, die nicht ausschließt. Ein BKA-Bericht, der „vertraulich" bleibt. Sechzehn Landesämter, die unterschiedlich zählen. Hundertvier Meldungen, die erste belastbare Zahl seit Jahren – und eine Debatte, die noch nicht einmal begonnen hat.

Was hat der Leser davon? Einen Krimi ohne Auflösung. Einen Staat, der seine Feinde besser kennt als seine eigenen Meldewege. Ein Bündnispartner USA, dessen Stützpunkte zum Übungsziel werden, ohne dass Berlin eine gemeinsame Antwort formuliert. Und eine Quelle – CORRECTIV –, die das Schweigen bricht und damit den einzigen Anker wirft, den wir haben: Recherche.

Die Frage ist nicht, ob ein fremder Staat hinter den Vorfällen steckt. Die Frage ist, warum dieser Staat im Schutz unserer eigenen Intransparenz operieren kann. Wer schweigt hier? Wer profitiert vom Schweigen? Und wer entscheidet, dass hundertvier Verdachtsfälle nicht einmal eine Pressekonferenz wert sind?

Fragen Sie Ihren General. Fragen Sie Ihren Innenminister. Fragen Sie das Kanzleramt. Und wenn die Antwort wieder ein „wird geprüft" ist, dann wissen Sie, warum die Drohnen kommen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 1 Behauptung belegt
  1. ZAHL In mehr als 100 Fällen verdächtigen Behörden einen fremden Staat als Drahtzieher bei Drohnen-Überflügen und Sabotage.

    „Wegen des Verdachts fremder Agententätigkeit gemäß §87 StGB haben deutsche Polizeibehörden im vergangenen Jahr 2025 mindestens 104 Delikte an den Kriminalpolizeilichen Meldedienst für Politisch motivierte Kriminalität (KPMD-PMK) gemeldet.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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