HTX und die Sanktionen: Hunderte neue Adressen
Die Europäische Union hat die Kryptobörse HTX sanktioniert. Transaktionen mit der Börse sind durch die EU untersagt. HTX steht in einem Verzeichnis von 18 Firmen, die dem russischen Krypto-Ökosystem zugerechnet werden und es Russland ermöglichen sollen, westliche Sanktionen zu umgehen. Diese Sanktionen sollen Russland unter Druck setzen, seinen Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Die Maßnahme kam rund zwei Monate, nachdem das Vereinigte Königreich HTX sanktioniert hatte. Dort hieß es, HTX habe Russlands „dunkle Netzwerke und Schattenfinanzsysteme“ unterstützt.
Es geht deshalb nicht nur um einen Eintrag auf einer Verbotsliste. Es geht um die Frage, wie eine sanktionierte Börse ihre technische Spur verändert. Die frühere Huobi ist eng mit dem Kryptomilliardär Justin Sun verbunden. Er hatte das digitale Währungsgeschäft der Trump-Familie lange als einer seiner wichtigsten Fürsprecher unterstützt, bevor sich die Beziehung kürzlich verschlechterte. Daraus folgt keine Beweiskraft gegen HTX. Es zeigt aber, wie dicht der politische Nebel um eine Firma ist, die behauptet, sich an die Regeln zu halten.
Die investigative Recherche „Coin Laundry“ des International Consortium of Investigative Journalists fand bei HTX Konten, die mit beschuldigten russischen Geldwäschern und mit einer Organisation in Verbindung standen, die für die Finanzierung russischer Militäreinrichtungen bekannt ist. Das ist kein Schuldspruch gegen die gesamte Börse. Es ist der Ausgangspunkt für eine viel unangenehmere Frage: Welche Instrumente stehen einer Plattform zur Verfügung, wenn ihre Konten und Geldflüsse sichtbar werden?
Die Antwort liegt in der Infrastruktur. Große Kryptobörsen bündeln Kundengelder, Einzahlungen und Auszahlungen in zentralen Wallets mit hohem Volumen. Diese Adressen sind für Analysten mehr als technische Fußnoten. Sie sind Wegweiser. Sie zeigen, wo Gelder zusammenlaufen, wo sie abfließen und welche Bewegungen zusammengehören könnten. Doch die Adressen bleiben funktional anonym, solange ihre Zugehörigkeit nicht eindeutig feststeht.
Nach Darstellung mehrerer Experten, die mit ICIJ sprachen, reagierte HTX auf die britischen Sanktionen mit komplexen Manövern, um deren Wirkung abzuschwächen. Das bislang konkreteste Manöver: HTX soll in rascher Folge Hunderte neuer zentraler Konten geschaffen und seine Aktivität von Wallets, die der Börse bereits zugerechnet wurden, auf neuere, unbekannte Adressen verlagert haben. Damit wird es für Ermittler und Compliance-Behörden schwieriger, die Geldflüsse der Börse und ihrer Kunden zu verfolgen. Gen diese Nachverfolgung könnte nun die Durchsetzung der EU-Sanktionen erschweren.
Das ist keine Behauptung, dass jedes neue Konto kriminell ist oder dass Gelder im großen Stil verschoben wurden. In dem vorliegenden Bericht werden weder die konkreten Adressen noch die Beträge, Transaktionen oder Eigentümer der neuen Konten offengelegt. Auch bleibt offen, ob die Konten tatsächlich von HTX kontrolliert werden, ob sie nur vorübergehend genutzt wurden und ob russische Gelder darüber liefen. Der Befund ist präziser und zugleich begrenzter: Eine zuvor erkennbare Struktur soll durch Hunderte neuer zentraler Adressen ersetzt worden sein.
Genau darin liegt die Lücke, die HTX nach Einschätzung der Experten ausnutzen könnte. Eine Blockchain kann Bewegungen zeigen. Sie liefert nicht automatisch den Namen des wirtschaftlich Berechtigten. Eine Sanktion gegen eine Firma trifft deshalb nicht jede Adresse mit derselben Wucht. Zuerst muss überhaupt bewiesen werden, wer hinter ihr steht. Ob das eine formale Gesetzeslücke oder vor allem ein Problem der technischen Zuordnung ist, lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht entscheiden. Eine konkrete Rechtsvorschrift, die HTX hier nachweislich umgeht, wird nicht genannt.
Auf den ersten Blick profitiert die Börse von der Unübersichtlichkeit: Bekannte Ankerpunkte verlieren an Aussagekraft, neue Konten werden zu beweglichen Zielen, und die Beweislast wandert zu den Behörden. Doch die Absicht ist damit nicht bewiesen. Ebenso wenig ist bewiesen, dass die Kontenrotation einen vollständigen Plan zur Sanktionsumgehung darstellt. Sie könnte auch eine andere organisatorische oder technische Ursache haben. Diese Möglichkeit muss geprüft werden, nicht vorausgesetzt.
HTX hat auf wiederholte Anfragen von ICIJ nicht reagiert. Gegenüber Bloomberg erklärte die Börse, regulatorische Compliance sei „unsere absolute oberste Priorität“. Das ist eine Aussage, keine Prüfung. Wer so etwas behauptet, muss erklären, wem die neuen Konten gehören, wer sie finanziert, welche Transaktionen darüber abgewickelt wurden und weshalb die Aktivität ausgerechnet nach den Sanktionen auf unbekannte Adressen verlagert wurde.
Bis diese Fragen beantwortet sind, bleibt die Lage eindeutig genug und offen genug zugleich. Die EU hat HTX nicht nur politisch markiert, sondern Transaktionen mit der Börse verboten. Gleichzeitig berichten Experten von einer Infrastruktur, die ihre Finanzflüsse schwerer erkennbar macht. Die Sanktion ist nur so stark wie die letzte Adresse, die noch eindeutig zugeordnet werden kann. Männer in Nadelstreifen erklären der Straße, der Gürtel müsse enger werden. In den Blockketen wird unterdessen weitergezogen.
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