Fünfhundert Milliarden für eine Wette ohne Zeitplan
Eine halbe Billion Dollar. So schreibt man das. Auf dem Papier, in der Pressemitteilung, in den Köpfen jener Männer, die seit drei Jahren erklären, warum jeder, der keine Chips besitzt, bald nichts mehr besitzen wird. Nvidia, der größte Lieferant jener Silizium-Herzen, mit denen die neuen Maschinen zu denken vorgeben, hat sich mit Goldman Sachs, Apollo, Blackrock und KKR zusammengetan. Ihr gemeinsames Ziel: mindestens fünfhundert Milliarden Dollar – umgerechnet 433 Milliarden Euro – in Fonds einzusammeln, mit denen Rechenzentren gebaut werden sollen. Rechenzentren, gefüllt mit Chips von Nvidia.
Ich rauche meine Pfeife langsamer, wenn Zahlen dieser Größe über den Tisch wandern.
Was hier entsteht, ist kein Investitionsprogramm. Es ist ein Beschaffungsmarathon. Eine Industrie, die noch keinen einzigen Dollar Profit ausgewiesen hat, der ihre Bewertung rechtfertigt, wird mit Kapital geflutet, das an Größenordnungen erinnert, die man sonst aus Kriegsrechnungen kennt. Larry Fink, der Chef von Blackrock, rechnet vor: Die USA bräuchten Rechenzentren mit einer Leistung von mehr als siebzig Gigawatt. Jensen Huang, der Nvidia-Chef, ergänzt: Pro Gigawatt koste der Aufbau fünfzig bis sechzig Milliarden Dollar. Siebzig mal sechzig ergibt viertausendzweihundert Milliarden. Eine halbe Billion ist da erst der Anfang – oder, je nachdem, wem man zuhört, der Anfang vom Anfang.
Wann das Geld zusammenkommen soll? Unbekannt. In welchem Zeitraum sich diese Zahl realistisch darstellen lässt? Auch das bleibt im Nebel. Die Partner schweigen sich aus. Das Schweigen ist laut.
Wer profitiert, ist hingegen präzise benannt: Nvidia. Das Unternehmen sitzt auf der einzigen ernsthaften Pipeline jener Hochleistungschips, die für das Training und den Betrieb von KI-Modellen als unverzichtbar gelten. Amazon, Google, Microsoft und Meta – vier Namen, die zusammen das Rückgrat des kommerziellen Internets tragen – pumpen bereits Hunderte Milliarden Dollar in den Ausbau eigener Kapazitäten. Der neue Fonds soll nun zusätzlich KI-Labore und Start-ups versorgen, sagt Huang. Es klingt nach einer frommen Stiftung. Es ist ein Lieferkettenabkommen.
Und hier beginnt der Teil, den die Börsenaufsicht nicht gerne hört.
Nvidia hat sich in den vergangenen Monaten an KI-Firmen beteiligt – und diese Firmen haben einen Teil des Geldes, das sie durch Nvidias Einstieg erhielten, sofort wieder in Hardware des Chipkonzerns investiert. Kreislauf-Deals nennt der Markt das, und ein Teil des Marktes betrachtet sie mit Sorge. Zu Recht. Es ist der alte Trick: Man verkauft dem Kunden eine Maschine, kassiert das Geld, gibt einen Teil davon zurück als Beteiligung – und beide Seiten dürfen in ihren Bilanzen Vermögen ausweisen, das nur deshalb existiert, weil man sich gegenseitig bezahlt hat. Solche Konstruktionen sind legal. Solange die Musik spielt, sind sie sogar einträglich.
David Solomon, der Chef von Goldman Sachs, gibt zu, was jeder in der Branche weiß: Es werde Gewinner und Verlierer geben. Das ist die höfliche Formulierung für: Die meisten werden verlieren. Die Wall Street sagt das so, wie ein Arzt sagt, dass eine Operation riskant sei – mit derselben Stimme, mit der er die Rechnung stellt.
Doch die Partner sind überzeugt. Rechenkapazität, so glauben sie, werde sich als eigene Anlageklasse etablieren. So nennt man Dinge, wenn man das Geld der Pensionsfonds, der Universitätsstiftungen, der Lebensversicherten hineinlocken will. Eine Anlageklasse ist ein Versprechen, das erst dann geprüft wird, wenn die Sparer ihr Geld nicht wiedererkennen.
Man darf sich das Bild merken: Eine halbe Billion Dollar Kapital, das in eine einzige Industrie fließt – gesteuert von einem Unternehmen, das gleichzeitig Lieferant, Investor und Käufer der eigenen Kunden ist. Eine Pyramide, deren Spitze Nvidia heißt und deren Fundament aus Annahmen besteht. Annahmen über Strompreise, über Kühlsysteme, über die Dauer eines Booms, in dem jeder Investor das Gefühl hat, der letzte zu sein, der noch einsteigt.
Ich habe 1929 in den Bilanzen gelesen, bevor sie frisiert wurden. Damals sagten die Bankiers, es sei diesmal anders. Sie sagten, die Fundamentaldaten seien solide. Sie sagten, dies sei eine neue Ära. Die Fundamentaldaten waren solide – bis sie es nicht mehr waren.
Heute sagen sie: Rechenkapazität sei die neue Infrastruktur. Sie sagen, KI werde jede Branche umkrempeln. Sie sagen, wer jetzt nicht investiere, werde den Anschluss verlieren. Es sind dieselben Sätze. Es ist dieselbe Musik. Sie spielt lauter. Und sie wird bezahlt vom Geld anderer Leute.
Unklar bleibt, wer am Ende dieses Konstrukt wirklich kontrolliert – ob es die Investoren sind, die Nvidia das Geld bringen, oder Nvidia selbst, das den Investoren die Ware liefert. Offen ist auch, was geschieht, wenn eine der Stützen bricht: ein Strompreis, der nicht mehr wirtschaftet, ein Modell, das nicht liefert, ein Fonds, der keine Käufer mehr findet.
Meine Pfeife ist kalt geworden. Draußen in New York arbeiten die Buchhalter bereits an den Quartalsberichten, in denen diese Transaktionen als diversifiziert und zukunftssicher verbucht werden müssen. Es ist ihr Beruf. Sie werden ihn gut machen. Sie haben ihn immer gut gemacht.
Bis die Musik aufhört.
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