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Terminal Tribune

22. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Minus 1,9 und die Risse im schwarzen Spiegel

22. August 2026 — — Kastner

Man muss die Architektur ansehen, nicht die Inschrift über der Tür. Die Inschrift sagt: Koalition. Sie sagt: Stabilität. Sie sagt, in dieser Reihenfolge, dass Friedrich Merz ein Kanzler sei, der die Geschicke des Landes lenke, gestützt auf eine schwarz-rote Mehrheit, die sich selbst als Bollwerk gegen das Chaos versteht. Minus 1,9. Das ist die Zahl, die das ZDF-»Politbarometer« für August ausgewiesen hat — ein persönlicher Negativrekord für den Mann, der einst als Retter der Union antrat. 75 Prozent der Befragten sagen, sie seien unzufrieden mit seiner Arbeit. Nur zwanzig Prozent sind zufrieden. Zahlen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss wie ein bitteres Konfekt aus einer Zeit, die sich einst sicher wähnte.

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Aber Zahlen lügen nicht. Sie wiederholen nur, was die Architektur längst verraten hat. 80 Prozent der Befragten glauben, dass die CDU nicht voll hinter ihrem Vorsitzenden steht — und hier liegt der Splitter im Fleisch: 67 Prozent der Unionsanhänger selbst teilen diese Einschätzung. Es sind nicht die Gegner, die Merz fallen lassen. Es sind die eigenen Leute, die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen, ohne dass ein einziger Aufschrei die Stille durchbricht. Schweigen ist eine Waffe. Man hört sie nicht fallen.

Die Sozialdemokraten stehen nicht besser da. Lars Klingbeil, der Vizekanzler, schmort bei minus 0,6 — unverändert im Negativen. 53 Prozent der Befragten bezweifeln, dass die SPD hinter ihm steht. Bärbel Bas schneidet kaum besser ab: 52 Prozent Skepsis, nur 22 Prozent trauen ihr die uneingeschränkte Unterstützung der Partei zu. Verteidigungsminister Boris Pistorius führt die Sympathieliste mit plus 1,3 an — eine Insel der Vernunft in einem Meer der Unzufriedenheit, dessen Wasser steigt.

Die Rente mit 63 soll abgeschafft werden, so empfiehlt es die Rentenkommission. 75 Prozent der Bevölkerung sind dagegen. Nur zwanzig Prozent finden es richtig. Das ist keine Reform, die von unten getragen wird. Das ist eine Reform, die gegen das Volk gemacht wird, und wer bei diesem Satz an den alten Mechanismus der Akklamation durch Stille denkt, hat das Spiel verstanden: Wer das Volk fragt, bekommt die falsche Antwort — also fragt man nicht, sondern dekretiert.

In der Sonntagsfrage liegt die AfD bei 27 Prozent, die Union bei 22. Beide haben einen Punkt verloren. Die SPD hält sich bei zwölf. Auf dem Brett steht es schwarz auf weiß, und die Stellung ist klar — sie ist unbequem für alle, die sich eine Zeitlang einreden konnten, die Brandmauer sei eine Mauer und keine Gipskartonwand. 64 Prozent der Befragten finden es schlecht, wenn die AfD nach Landtagswahlen im Osten einen Ministerpräsidenten stellen würde. So steht es im selben Politbarometer. Hier also die nächste Diskrepanz, die nächste Fassade, die bröckelt.

Und hier kommt Holm ins Wort. Der AfD-Spitzenkandidat, der um die Frage einer Tolerierung in einem ostdeutschen Landtag ringt, sagt einen Satz, der in die Annalen der politischen Selbstaufklärung gehört: »Das möchte ich mal sehen, dass die CDU-Basis da mitmacht.« Er traut der CDU-Basis nicht zu, dass sie eine Brandmauer hochhält. Er traut ihr zu, dass sie, wenn die Stunde kommt, kneift.

Man halte inne. Ein Spitzenkandidat der AfD versteht die Architektur des Raums besser als jene, die ihn zu verwalten vorgeben. Er sieht, was die Inschrift verbirgt: dass die Mauer, von der alle reden, an der Basis längst nicht mehr existiert, sondern nur noch in Sonntagsreden und Talkshow-Einzeilen. Die offene Frage bleibt, ob die Unionsführung diesen Befund teilt — oder ob sie ihn verwirft, weil er nicht in die Partie passt, die sie auf dem Brett führen will.

Die Zahlen sind das Drehbuch. 27 Prozent gehen zur AfD, 64 Prozent lehnen eine AfD-Regierung ab. Wer profitiert von diesem Spalt? Wer verschweigt, dass beide Sätze in derselben Umfrage stehen? Die Antwort liegt nicht in den Zahlen. Sie liegt in der Frage, wer die Zahlen liest — und wer die Augen schließt, während die Partie längst verloren ist.

Die Architektur zerbröselt. Wer noch hineingeht, sollte den Handschuh tragen.

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