WhatsApp und der verweigerte Handschlag
Es gibt Sätze, die wie ein Uhrwerk funktionieren. Man muss nur wissen, wer die Zeiger stellt.
Genf, Frühjahr, ich erinnere mich an einen österreichischen Kollegen, der mir erklärte, dass eine Einbestellung nie ein Gespräch sei. Es sei eine Geste, sagte er, und Gesten haben Grammatik. Wer ruft, wer kommt, wer zuerst spricht, wer zuletzt schweigt — das ist die Sprache, die zählt, wenn die Worte längst vergessen sind. Damals, im Frühjahr 1937, als die Welt sich zum Schachspiel setzte und wir alle die Züge kannten, lehrte er mich, dass die Form kein Beiwerk der Macht ist. Sie ist die Macht selbst, unsichtbar gemacht, in Kupfer und Leder gebunden.
Diese Grammatik hat Risse bekommen. Kleine Risse zunächst, kaum sichtbar, dann immer breitere. Heute kommt die Einbestellung per WhatsApp.
Alexander Graf Lambsdorff, bis vor kurzem Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, hat in diesen Tagen Auskunft gegeben. Fünfmal sei er einbestellt worden während seiner Amtszeit. Fünfmal — das ist nicht viel und nicht wenig. Es ist genau die Frequenz, bei der ein Botschafter beginnt, den Wochentag zu fürchten, an dem das Diensthandy leuchtet. Denn das Diensthandy leuchtet. Es klingelt nicht mehr im alten Sinn, nicht mit der Gravität eines Kupferklingels, dem man entnimmt, dass irgendwo auf der Welt ein Staat etwas zu sagen hat. Es vibriert. Es blinkt. Eine Kurznachricht, ein grünes Häkchen, und der gesamte Apparat der Diplomatie, mit all seinen Visitenkarten, Konventionen und Chiffrierungen, faltet sich zusammen zu einem Display.
Man muss sich das vorstellen — und gerade das ist die Schwierigkeit, denn die Vorstellungskraft der Öffentlichkeit hinkt der Wirklichkeit um Jahrzehnte hinterher: Da sitzt in einem der wichtigsten Außenministerien der Welt jemand an einem Schreibtisch, dessen Ledermappe wahrscheinlich noch den Kalten Krieg gesehen hat, und entscheidet, die Einbestellung des Botschafters einer europäischen Großmacht erfolge per Messenger. Per WhatsApp. Per jenem Dienst, mit dem anderntags junge Leute beim Abendessen verschwinden.
Es ist, als würde man eine Kriegserklärung per Telegramm schicken. Es ist schlimmer.
Denn der Inhalt der Botschaft ist das eine — die Liste angeblicher Vergehen, das Verlesen vorbereiteter Texte, die langen konfrontativen Debatten, Vorhaltungen, die der Botschafter selbst als teilweise sachlich falsch einstufte, der Vorwurf eines Verstoßes gegen den Zwei-Plus-Vier-Vertrag wegen eines neuen Bundeswehrstabes in Rostock. All das gehört in die Archive, eines Tages, wenn die Archive offen sind. Aber es ist nicht das, was die Akte im Kern öffnet.
Was die Akte öffnet, ist die Art der Übermittlung.
Denn das diplomatische Protokoll ist nicht mehr als eine Sammlung kleiner Sorgfalt. Dass ein Botschafter nicht einfach per Kurznachricht vorgeladen wird, hat seinen Grund nicht im Snobismus, sondern in der Form. Die Form hält die Distanz, an der das Gespräch sich entzünden kann, ohne dass die Beteiligten sich verbrennen. Wenn diese Form wegbricht, bricht das Gespräch nicht einfach — es wird etwas anderes. Es wird zur Szene, zur Demütigung, zum Tribunal, bei dem die Richter ihre Masken bereits abgenommen haben.
Dass der Grund der Vorladung meist nicht im Voraus genannt werde, wie Lambsdorff berichtet, ist — wenn man die alte Grammatik der Gesten noch kennt — eine bemerkenswerte Aussage. Denn eine Einbestellung ohne genannten Grund ist keine Einbestellung im klassischen Sinn. Sie ist eine Vorladung. Sie ist die Sprache der Staatsanwaltschaft, nicht die der Diplomatie. Und dass sein Team es in allen Fällen schaffte, vorab Hinweise auf das Thema zu erhalten — das ist das Erstaunliche an diesem Apparat: Er ist so gut, dass er sich selbst dann noch ernährt, wenn man ihm das Futter vorenthält. Er nährt sich dann vom Flüsterfutter, von den Kanälen, die keine offiziellen sind, und damit von genau jenen Strukturen, die offiziell nicht existieren.
Was offen bleibt — und hier beginnt die eigentliche Arbeit — ist die Frage, wessen Interessen diese kurze Frequenz dient. Ist es die schiere Bequemlichkeit einer Behörde, die ihre Macht nicht mehr inszenieren muss, weil sie genug davon hat? Ist es die Verachtung des diplomatischen Korps, die in jeder Kurznachricht mitschwingt? Oder ist es Kalkül — die kalkulierte Erniedrigung, die zeigen soll: Wir rufen euch nicht, wir pingen euch an.
Dass Marija Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, sich weigerte, Lambsdorff die Hand zu geben, fügt sich in dieses Bild wie ein Schlussstein in einen Bogen, der längst eingestürzt ist. Es ist die körperliche Übersetzung der Kurznachricht. Die Geste, die nicht stattfindet, die Form, die verweigert wird. Der Handschlag unter Diplomaten ist kein Höflichkeitsritual — er ist die Anerkennung des Gegenübers als Person im Amt. Ihn zu verweigern heißt: Du bist hier, aber du bist nicht willkommen.
Die Frage ist nicht, ob Lambsdorff fünfmal einbestellt wurde. Das ist gezählt. Die Frage ist, was die Frequenz der Einbestellungen über das Verhältnis zweier Staaten verrät, die einander noch nicht den Krieg erklärt haben — und die sich doch bereits in einer Sprache unterhalten, in der Kriege vorbereitet werden.
Die neue Sprache ist kurz. Sie passt auf einen Bildschirm. Sie kommt ohne Handschlag aus. Sie hat keine Handschrift mehr, nur noch eine Schriftgröße. Sie ist, wenn man so will, die diplomatische Form des einundzwanzigsten Jahrhunderts — und sie ist eine Beleidigung für jeden, der je in Genf an einem Verhandlungstisch saß.
Was offen bleibt: Wer in Moskau entscheidet eigentlich, dass eine Einbestellung per WhatsApp erfolgt? Eine einzelne Stimmung in einem Amt, eine Stabsstelle, ein Büro, das sich die Kurzform leistet? Die Akte, die hier offenliegt, ist älter als die Kurznachricht. Sie handelt vom Verschwinden der Form. Und sie handelt davon, dass dort, wo die Form verschwindet, das Misstrauen nicht etwa abnimmt, sondern sich verdichtet.
Vielleicht ist das die Wahrheit hinter der Kurznachricht: Dass die Diplomatie nicht an Inhalten stirbt, sondern an ihrer eigenen Bequemlichkeit. Sie wird schnell, sie wird kurz, sie wird digital — und mit jeder Kurznachricht verliert sie ein Stück von der Gravität, die sie einst ausgezeichnet hat.
Lambsdorff hat das Amt im Juli niedergelegt. Er ist jetzt Botschafter in Israel. Das ist eine andere Geografie, eine andere Geschichte. Aber die Handschuhe, die er in Moskau trug — die wären auch dort nicht fehl am Platz.
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