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Terminal Tribune

22. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

Kashagan und die zehn Milliarden, die niemand prüfen will

22. August 2026 — — E. Wolff

Die Pfeife ist kalt. Sie war es schon, bevor ich die Akte aufschlug. Aber alte Gewohnheit stirbt langsam — und langsamer als die meisten Bilanzen, die ich in diesem Leben gesehen habe.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Kasachstan erhebt Vorwürfe. Das allein ist noch keine Nachricht; wer dort regiert, erhebt oft Vorwürfe, und meistens dann, wenn es opportun ist. Doch diesmal liegt die Beschwerde dort, wo sie hingehört: im Permanent Court of Arbitration in Den Haag. Die Zahl, die dort verhandelt wird, ist keine Schätzung, keine Verhandlungsbasis, keine rhetorische Figur. Sie lautet 10,7 Milliarden Dollar — ausgeschrieben, nicht aufgerundet, nicht weichgespült. Sie betrifft Aufträge, die am Kashagan-Feld vergeben wurden. Dem Feld im Kaspischen Meer, das einst als der größte Ölfund nach Prudhoe Bay gefeiert wurde. Dem Feld, das ursprünglich Mitte der 2000er in Produktion gehen sollte. Dem Feld, das seine volle Förderung erst 2016 aufnahm.

Ich habe mir angewöhnt, bei solchen Daten zuerst die Männer zu zählen, die sie unterschreiben.

Sechs Namen stehen auf der anderen Seite des Tisches. Shell. ExxonMobil. Eni. TotalEnergies. CNPC. Inpex. Zusammen bilden sie das North Caspian Operating Consortium — NCOC — und sie betreiben Kashagan. Die Klage richtet sich gegen rund ein Dutzend Verträge, die dieses Konsortium an eine Handvoll internationaler Bau- und Ingenieursfirmen vergeben hat. Selbstbereicherung. Ungerechtfertigte Kostensteigerungen. Bestechung. Diese drei Begriffe stehen in den Akten. Kein Anwalt der Welt kann sie weicher reden, indem er sie mit „im Einklang mit geltenden Verträgen, Gesetzen und bewährten Praktiken" beantwortet. Was das NCOC per E-Mail genau so getan hat.

Lassen wir diesen Satz einen Moment stehen. Er steht für sich.

Die Korruptionsvorwürfe sind Teil eines Schiedsverfahrens über 160 Milliarden Dollar. Nicht 160 Millionen. Nicht 16 Milliarden. 160 Milliarden. Diese Zahl umfasst entgangene Gewinne, Umweltschäden und nun eben jene Auftragsvergaben. Wer 160 Milliarden einklagt, hat entweder Öl im Blut oder einen sehr langen Atem. Kasachstan hat beides. Das Verfahren ist vertraulich. Das Tribunal hat noch nicht entschieden. Die Antwort der Konzerne ist ein Standardsatz.

Und jetzt beginnt die Rechnung, die jeder nachvollziehen kann, der lesen kann.

Kashagan ist ein geologisch schwieriges Feld. Hoher Druck. Tiefe Lagerstätten. Schwefel in Konzentrationen, die jeden Chemiker zusammenzucken lassen. Meereis im Winter. All das ist wahr. All das wurde gewusst, als die ersten Verträge unterschrieben wurden. Wer unter solchen Bedingungen baut, baut langsam, vorsichtig, teuer. Eine Verzögerung um ein Jahrzehnt ließe sich erklären — wenn nicht gleichzeitig jene 10,7 Milliarden in der Schwebe wären, die laut Anklage durch Selbstbereicherung, aufgeblähte Aufschläge oder schlichte Bestechung zustande kamen.

Hier liegt der Haken. Hier beginnt die Frage, die nicht verschwinden wird, bis jemand sie beantwortet.

Wer profitiert, wenn ein Projekt, das 2005 hätte fließen sollen, erst 2016 fließt?

Die Gewinnbeteiligungsphase — die lukrativste für den kasachischen Staat — beginnt erst, wenn die Firmen ihre Entwicklungskosten zurückhaben. Diese Kosten werden auf rund 60 Milliarden Dollar geschätzt. Sechzig. Sechs Jahre Verzögerung, in denen jedes Fass Öl, das an der Oberfläche ankommt, nicht in die Staatskasse fließt, sondern in die Bücher der Konzerne. Wer in dieser Phase Aufträge vergibt, vergibt sie nicht im Vakuum. Er vergibt sie im Schatten eines Cashflows, der nur eine Richtung kennt: nach oben, in die Bilanzen der Partner. Die Frage ist nicht, ob Korruption stattgefunden hat — die Akte sagt, dass sie es zumindest zu prüfen gibt, sonst wäre die Klage nie erhoben. Die Frage ist, wer in jenen Konferenzräumen saß, als die Verträge formuliert wurden. Wer die Lieferantenlisten las. Wer den Lieferanten zunickte.

Ich sage nicht, dass die Manager dieser Konzerne bestochen haben. Ich sage, dass die Anklage es behauptet, und dass die Antwort bislang aus einem Absageschreiben besteht. Ich sage nicht, dass die kasachische Regierung ein unbeschriebenes Blatt ist. Aber wenn beide Seiten schmutzige Hände haben, erklärt das noch nicht, warum die Bücher der Konzerne nicht ausgeglichen sind. Dann erklärt es nur, warum die Bücher überhaupt existieren.

Was bleibt, ist die Architektur.

Ein Dutzend Verträge. Eine Handvoll Firmen. Sechs Konzerne. Ein Staat, der vor einem Tribunal steht, das Milliarden bewegt. Ein Verfahren, das vertraulich ist, weil die Beteiligten es so wollen. Und am Ende eine Verzögerung, die niemand bestreitet, deren offizielle Ursache aber weiter „geologische Komplexität" heißt — während die Beschwerde längst einen anderen Namen trägt.

Unklar bleibt, welche Namen auf den Lieferantenlisten jener zwölf Verträge stehen. Unklar bleibt, wer genau wann unterschrieb. Unklar bleibt, welche Berater im Hintergrund die Fäden zogen. Genau deshalb sitzen die Akten in Den Haag, verschlossen wie ein Tresor in einer Bank, deren Direktoren gerade aussagen.

Wir bleiben dran.

❖ Ende des Artikels ❖

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