Die Architektur der Erschöpfung
Eine Woche im August. In Berlin wird der Schwarzen Community der Zutritt zum Volksbad an der Volksbühne verwehrt, aus „Sicherheitsbedenken". In derselben Ausgabe der taz notiert Paula Irmschler, dass 77 Prozent der jungen Erwachsenen inzwischen erwerbstätig sind, und sie registriert den medialen Rummel um eine Frau, die ihre Eizellen einfriert und das öffentlich dokumentiert. Drei Meldungen. Ein Sommer. Ein System.
Beginnen wir mit dem Schwimmbad. Vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hängt an einem temporären Bad ein Transparent mit der Aufschrift „Fickt euch!". Die Schwarze Community wird ausgeschlossen. Man sagt: Sicherheit. Aber wessen Sicherheit? Nicht die der Ausgeschlossenen. Die derer, die ausschließen. Wer ein „Wir" definieren will, braucht ein „Nicht-Wir". Das ist, und ich sage das aus Erfahrung, die älteste Vertragsklausel der Welt. Sie steht unausgesprochen in jeder Hausordnung, die ich je gesehen habe: Wer drinnen ist, hat recht. Wer draußen ist, hat die Sicherheit der Drinnen zu respektieren. Die Logik ist unanfechtbar, weil sie tautologisch ist.
Nun zur Arbeit. Siebenundsiebzig Prozent. Irmschler beschreibt den Kanzler in einer Lynch'schen Szene — ein Raum, ein Tisch, symmetrisch, schiefe Geigen im Hintergrund, Uhren ticken, ein Stift tippelt, die Luft wird magnetisch vom Rand weggezogen, man meint, man müsse los, irgendwas erledigen, aber es ist nicht klar, was. „Junge Leute sehe ich eigentlich gar nicht." Dieser Satz, meine Damen und Herren, ist der Satz des Systems. Der Kanzler sieht die jungen Leute nicht, weil er ihre Erwerbsquote sieht. Er sieht sie als Zahl. Und wer als Zahl gesehen wird, wird verbraucht.
Die Gen Z arbeitet mehr als alle Generationen vor ihr, unter Bedingungen, die ich nicht erfinden muss: Inflation, Mietkrise, eine politische Klasse, die jede Verhandlung über Arbeitszeitverkürzung als Schwäche deutet. Wer so arbeitet, hat keine Zeit. Wer keine Zeit hat, verschiebt. Die Verschiebung der Biologie nennen wir dann „Social Freezing" — und die deutsche Presse berichtet darüber, als handle es sich um eine freie Entscheidung.
Die freie Entscheidung, schreibt Irmschler, ist eine Entscheidung, deren Kosten die Frauen selbst tragen: „Meine Versicherung übernimmt keinen Cent davon, ich muss alles selbst bezahlen." Das ist der Satz einer Frau, die dem System sagt, was es kostet, eine Frau zu sein. Der Körper ist eine Rechnung. Die Reproduktion ist verschoben, weil die Erwerbsarbeit nicht verschoben werden kann. Und die Algorithmen, so Irmschler, „belohnen sehr doll, was Frauen über ihre Körper teilen, weil man das verkaufen kann". Befreiung wird zur Ware. Intimität zu Reichweite. Die Klinik verdient. Die Versicherung verdient nicht, weshalb sie auch nichts zahlt.
Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist: dieselbe Mechanik, die Frauen die Reproduktion erschwert, ist auch die Mechanik, die am Beckenrand entscheidet, wer rein darf. Ein System der Ausschließung. Es schließt Frauen aus der ungebrochenen Fortpflanzung aus, indem es die Bedingungen unerträglich macht. Es schließt Schwarze Menschen aus dem öffentlichen Raum aus, indem es „Sicherheitsbedenken" erfindet. Es schließt Junge aus der Muße aus, indem es sie in die Quote einschreibt. Drei Linien, die sich in einem einzigen Knoten treffen: der Menschenfeindlichkeit. Nicht als Meinung. Als Architektur.
Wer profitiert? Die Arbeitgeber, die eine erschöpfte Generation bekommen, die keine Forderungen mehr stellt. Die Kliniken, die das Einfrieren monetarisieren. Die Versicherungen, die nicht zahlen und dennoch an späteren Behandlungen verdienen. Die Plattformen, die aus Intimität Klicks machen. Die Politik, die eine Erwerbsquote vorzeigen kann, ohne über die Qualität der Arbeit zu sprechen. Die Sicherheitsbehauptenden, die ihren Ausschluss als Schutz tarnen.
Wer schweigt? correctiv müsste diese Frage stellen, denn die deutsche Öffentlichkeit stellt sie nicht. Wer genau am Volksbad entschieden hat, die Schwarze Community auszuschließen, ist nicht benannt. Welche Sicherheitsbehauptung getragen wurde, ist nicht belegt. Ob die 77 Prozent Erwerbstätigkeit ein Freiheitsgewinn oder eine Notwendigkeit sind, sagt uns keine Statistik — sie zählt nur. Wir wissen, dass eine Quote steigen kann, während die Lebensqualität sinkt; das ist keine Erfindung, das ist die Geschichte jeder Industrialisierung.
Unklar bleibt, und das ist die offene Frage, die sich durch alle drei Meldungen zieht: Wer hat eigentlich noch die Zeit, sich zu fragen, warum diese Nachrichten zusammengehören? Nicht die Gen Z, die arbeitet. Nicht die Frauen, die spritzen. Nicht die Schwarzen, die ausgesperrt werden. Die einzigen, die Muße haben, sind die, die vom System profitieren — und die schweigen, weil Schweigen ihr Geschäftsmodell ist.
Man trägt Handschuhe beim Schreiben. Auch wenn die Tinte warm ist und das Wasser kalt.
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