Die große Schurder-Show — und wem nützt sie wirklich
Man bestellt einen Experten, nennt seinen Namen, gibt ihm ein Datum. Ende März 2027. So funktioniert das in diesem Gewerbe. Man nimmt eine Notlage, wickelt sie in Cellophan, klebt ein Etikett darauf: „unabhängige Überprüfung". Und schon ist die Wut der Wirtsleute für ein Jahr eingefroren.
Jerry Schurder. Unabhängiger Spezialist für Gewerbesteuerbewertung. Sein Name steht seit dieser Woche auf einem Auftrag des britischen Schatzamts. Sein Auftrag: herausfinden, wie die Bewertungen für Pubs und Hotels künftig fairer berechnet werden können. Fairer. Das Wort, mit dem Beamte jede Ungerechtigkeit einwickeln, die sie gerade selbst geschaffen haben.
Denn es gab einen Auslöser. Die Pandemie-Hilfen sind ausgelaufen, neue Bewertungen traten in Kraft, und die Rechnungen kamen mit. Für die Wirte und Hoteliers Großbritanniens bedeutet das nicht „ein paar Prozent mehr". Es bedeutet Margen, die auf Messer scheiden, Pächter, die ihre Schlüssel abgeben, Theken, hinter denen nichts mehr steht als ein Zettel an der Tür. Business Rates heißen diese Abgaben — eine Kommunalsteuer, deren Höhe sich am geschätzten Mietwert eines Gewerbes bemisst. Wer ein Haus besitzt, in dem ausgeschenkt wird, zahlt in London schnell fünfstellige Summen pro Jahr. Tendenz: steigend.
Die Regierung verspricht Abhilfe. Ziemlich genau so wie man einem Ertrinkenden einen Schwimmreifen in Aussicht stellt, der frühestens in neunzehn Monaten ankommen wird.
Schurder soll also prüfen. Er soll Vorschläge machen. Er soll die Bewertungen vor dem nächsten Revalierungsdatum 2029 in den Blick nehmen. Schön. Bloß: die Erhöhungen, die in diesem Jahr bereits zugestellt wurden, sind nicht betroffen. Wer zahlt, zahlt. Wer schließt, schließt. Die Kommission arbeitet, während das Wasser weiter steigt.
Hier beginnt mein Misstrauen.
Wer hat diesen Auftrag formuliert? Wer hat Schurder ausgewählt? Ein unabhängiger Spezialist, heißt es. Unabhängig wovon? Wovon er bezahlt wird? Wovon er berät? Geschäftssteuerexperten leben davon, dass sie Geschäftssteuern erklären. Sie verdienen an Komplexität. Wenn die Bewertungen vereinfacht würden, ginge ein Geschäftsmodell zu Bruch. Das ist keine Unterstellung — das ist die Mechanik jedes beratenden Berufsstands.
Und dann sind da die Eingeladenen. Das Schatzamt ruft Vermieter, Hoteliers und Gewerbetreibende auf, ihre Sicht beizutragen. Klingt demokratisch. Ist es nicht. Wer das Geld hat, Berater zu schicken, wer die Zeit hat, siebenstellige Konsortien aufzufahren, wer Mandanten vertritt, deren Portfolios von Bewertungen abhängen — wer spricht lauter in dieser Konsultation als der Wirt aus Yorkshire mit zwölf Tischen und einer Hypothek?
Ich frage mich, wessen Stimme in diesem Bericht fehlen wird.
Dee Corsi, Chefin von High Streets UK, hat es in dieser Woche klar benannt: Der Haushalt der Schatzkanzlerin habe nichts getan, um die Geschäfte auf den Hauptstraßen zu schützen, von denen die Ministerin sagt, sie wolle sie bewahren. Das ist der Satz einer Frau, die ihre Position kennt — und die trotzdem sagen muss, was sie sagt, damit es überhaupt irgendwo gedruckt wird. Es ist ein Hilferuf, adressiert an ein Publikum, das nicht zuhört.
Nehmen wir die Zahlen, die wir haben, und nichts darüber hinaus.
Die Bewertungen sind gestiegen. Die Hilfen sind weg. Die Rechnungen kommen. Die Pubs — nicht ein abstrakter Sektor, sondern der Tresen, an dem die Zeitung gelesen wird, das Bier, das nachmittags um vier bestellt wird, der Raum, in dem die Stadt sich abends trifft — die Pubs stehen unter Druck. Die Hotels, die nicht zu Ketten gehören, stehen unter demselben Druck. Das ist die Tatsache. Das ist der Lackmustest jedes Versprechens, das jetzt gemacht wird.
Und das Versprechen lautet: ein Bericht bis März 2027. Achtzehn Monate. Während dieser achtzehn Monate fließen keine Erleichterungen zurück. Während dieser achtzehn Monate rechnet jeder Wirt damit, dass sein Briefkasten die nächste Mitteilung bringt. Während dieser achtzehn Monate verschwinden Schilder von Fassaden, leeren sich Räume, in denen vorher jemand zu Hause war.
Wer profitiert von einer Verschiebung? Die Eigentümer großer Immobilienportfolios, deren Bewertungen in der Zwischenzeit steigen dürfen, ohne dass jemand genau hinschaut. Die Beratungsindustrie, die jetzt Anhörungen besucht, Stellungnahmen verfasst, Honorare abrechnet. Die Schatzkanzlei, die in der Zwischenzeit weiter kassiert.
Unklar bleibt, nach welchen Kriterien Schurder ausgewählt wurde. Unklar bleibt, wer in seinem Aufsichtsgremium sitzt. Unklar bleibt, welche Daten die Regierung ihm zur Verfügung stellt — und welche sie zurückhält. Unklar bleibt, ob am Ende eine Anpassung der Multiplikatoren herauskommt, eine Verschiebung des Bewertungsstichtags, oder bloß eine Sammlung von Empfehlungen, die niemand umsetzen muss.
Schurder wird seinen Bericht schreiben. Er wird höflich sein, differenziert, voller Vorbehalte. Er wird niemanden beschuldigen. So arbeiten Experten in einem System, das sich Experten leistet, um nicht entscheiden zu müssen.
Was bleibt? Eine Wirtshauskette in Birmingham, die nächste Woche schließt. Eine Familie in Cardiff, die ihren Hotelvertrag prüft. Eine Schatzkanzlerin, die „fairer" sagt und „später" meint. Und ein Mann namens Jerry Schurder, der zwischen diesen Welten steht und einen Bericht schreiben wird, der die wahre Frage nicht beantworten darf.
Die wahre Frage ist nicht, wie man Bewertungen fairer berechnet.
Die wahre Frage ist, warum man sie überhaupt so berechnet hat.
❖ Ende des Artikels ❖
