Börse 1937
Terminal Tribune

24. August 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Gegenoffensive — was die Belegschaft dem Vorstand entgegensetzt

24. August 2026 — — Kastner

In Wolfsburg beginnt am Dienstag eine Inszenierung, deren wahre Bühne erst am 4. September betreten wird. Der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume zieht von Betriebsversammlung zu Betriebsversammlung, als führe er eine Trauerfeier an, deren Trauergäste er selbst ausgewählt hat. Was er in den Hallen vortragen will, ist nicht Trost. Es ist die Begründung für eine Operation, die vier Werke und mindestens fünfzigtausend Arbeitsplätze kosten könnte. Emden, Hannover, Neckarsulm, Zwickau — Namen, die in der Sprache der Bilanz bald nur noch als Posten vorkommen werden.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Hinter dem Vorhang, wo die Strippen gezogen werden, hat sich inzwischen eine Gegenmacht formiert. Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat hat, wie CORRECTIV aus drei mit den Vorgängen vertrauten Quellen erfuhr, einen alternativen Vorschlag eingereicht. Er verzichtet auf Werksschließungen — auf jenes Instrument, mit dem der Vorstand seine eigene Logik bisher zugespitzt hatte. Am 4. September werden die Mitglieder des Gremiums nicht mehr über einen, sondern über mindestens zwei Entwürfe abstimmen. Das ist die Nachricht, die aus Wolfsburg nach außen dringt. Die tiefere Nachricht liegt in der Frage, wer in diesem Konzern noch mitzählt, wenn das Messer bereits auf dem Tisch liegt.

Im Juli hatte das Gremium die Sparpläne des Vorstands bereits durchfallen lassen — mit den Stimmen der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen, das als zweitgrößter Aktionär eine eigene Achse bildet. Man hätte erwarten können, dass ein Vorstand nach einer solchen Niederlage innehält. Stattdessen reichte Blume die Pläne erneut ein, „weiterentwickelt". Er sprach im Intranet von Konkretisierungen, Vertiefungen, zusätzlichen Maßnahmen. Es ist die Sprache des Mannes, der das Wort „Vertagung" meidet, weil Vertagung Schwäche wäre. Die Versammlung am Dienstag im Stammwerk ist die Ouvertüre einer neuen Runde.

Die Diagnose, an der niemand rüttelt, lautet: Volkswagen steckt in einer Krise, weil die Nachfrage in China eingebrochen ist, weil die Modellpalette zu langsam elektrifiziert und digitalisiert wurde, und weil die Zölle auf Autoimporte in den Vereinigten Staaten das Ergebnis um einen Milliardenbetrag schmälern. Eine interne Analyse, die CORRECTIV vorliegt, kommt zu dem Schluss, dass der Konzern ohne Einschnitte ab dem Jahr 2030 in die Verlustzone rutschen könnte. Wer diese Zahl nennt, gewinnt die Deutungshoheit über die Zukunft.

Doch der Konflikt ist nicht in erster Linie ein Konflikt um Zahlen. Er ist ein Konflikt darum, wer den Hebel der Umstrukturierung in der Hand hält — der Vorstand, der mit Werkschließungen eine Säuberung der eigenen Bilanz betreiben will, oder die Arbeitnehmerseite, die mit einem Gegenentwurf beweist, dass es auch ohne diese Radikalität geht. Die gleichzeitig betriebene Abspaltung der Marke VW lehnen Betriebsrat und Land Niedersachsen strikt ab. Man ahnt, dass hinter dieser Abspaltung nicht nur eine marktwirtschaftliche Logik steht, sondern ein Hebel zur Entflechtung von Mitsprache. IG-Metall-Chefin Christiane Benner hat es ungeschminkt formuliert: „Werksschließungen gehen mit uns nicht." Es ist die Stimme einer Frau, die weiß, was sie sagt, und die weiß, dass es heute gesagt werden muss.

Denn Werksschließungen sind in der deutschen Industriegeschichte keine betriebswirtschaftliche Größe. Sie sind eine politische. Sie verändern Machtverhältnisse — zwischen Vorstand und Belegschaft, zwischen Land und Hauptaktionär, zwischen denen, die einen Vertrag unterschreiben, und denen, die ihn am Ende einzulösen haben. Ich habe in Genf Dokumente gesehen, die genau so begonnen haben — mit dem Versprechen einer Modernisierung, die sich als Umbau der Macht herausstellte.

Die Mechanik der Machtprobe ist von bestechender Klarheit. Blume braucht eine Mehrheit. Er hatte sie im Juli nicht. Er versucht es erneut, mit demselben Entwurf in besserer Verpackung. Die Arbeitnehmerseite hat einen Gegenvorschlag auf den Tisch gelegt, der ihre Position nicht nur verteidigt, sondern erweitert — sie verhandelt nicht mehr über die Form der Einschnitte, sondern über deren Vorzeichen. In der Sprache der Macht ist das ein Gegenangriff.

Was am 4. September geschehen wird, hängt an Stimmen, die noch nicht gezählt sind. Was danach geschieht, hängt an einer Frage, die offen bleibt: Wer wird gewinnen, wenn Volkswagen am Abgrund steht — der Vorstand, der mit dem Horizont des Jahres 2030 argumentiert, oder die Arbeitnehmerseite, die mit den fünfzigtausend Arbeitsplätzen von morgen argumentiert? Es ist, in der Manier großer Krisen, ein Duell zwischen zwei Versionen der Zukunft. Eine davon wird überleben. Welche, das wird sich zeigen, wenn die Türen des Aufsichtsrats sich schließen und die Handschuhe ablegen, wer immer sie trägt.

Man wird in Wolfsburg in den kommenden Wochen viel hören. Von Wettbewerbsfähigkeit, von Transformation, von Verantwortung. Es lohnt sich, genau hinzuhören. Und noch genauer hinzusehen, wessen Stimme am Ende fehlt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Es findet eine Machtprobe im VW-Aufsichtsrat statt

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZITAT Die Arbeitnehmer haben einen Alternativplan vorgelegt

    „Vertreter der Arbeitnehmerseite hätten einen alternativen Vorschlag eingereicht, der einen Umbau von VW ohne radikale Einschnitte vorsehe, wie zwei Beteiligte berichten.“ — wörtlich im Quelltext belegt

1 Quelle · 1 davon belegt · 0 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort