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25. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Die Universität, der Algorithmus und das Schweigen der Professoren

25. August 2026 — — Prof. Kessler

Cambridge, Massachusetts. In einem Gebäude, dessen Architektur mehr vom Geld seiner Stifter erzählt als von den Ideen seiner Bewohner, sitzt ein Mann, der zweiundzwanzig Jahre lang Timothy E. Wirth Professor für Lerntechnologien an der Harvard University war. Christopher Dede ist heute Senior Research Fellow. Er hat den Thron gewechselt, die Stimme nicht. Was er sagt, klingt wie eine Anklage, und sie richtet sich gegen genau jene Institution, die ihm Brot und Bühne gegeben hat.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Dede sagt: Die Universitäten bereiten den Menschen darauf vor, gegen die künstliche Intelligenz zu verlieren. Sie messen, was die Maschine messen kann. Sie prüfen mit dem GRE, dem SAT, dem LSAT – allesamt Instrumente des Kalküls, der „reckoning", wie der Philosoph Brian Cantwell Smith es nennt. Was die Maschine nicht kann, das Urteil, „judgment", kommt im Curriculum kaum noch vor. So erzieht die Elite den Nachwuchs zur Niederlage. Wer das bezahlt, ist klar. Wer widerspricht, schweigt.

Ich notiere das. Ich notiere auch, von wem diese Stimme kommt. Eine einzelne, wenngleich hochrangige Quelle, deren Lebenswerk untrennbar mit der Maschine verwoben ist, die er nun kritisiert. Wer profitiert, wenn Harvard die Diagnose stellt? Die Maschine nicht. Die Universität auch nicht. Bleibt der Absolvent, der mit einem Diplom auf den Arbeitsmarkt tritt, das ihm nichts mehr nützt.

Dede spitzt zu: Was immer die KI lehren könne, werde sie am Arbeitsplatz auch tun. Es sei leichter, ein Werkzeug zu bauen, das die Fähigkeit einfach ausübt, als ein Lehrmittel, das dem Menschen durch eine Glasglocke über der Blackbox beibringt, wie er es selbst täte. Das ist kein Argument gegen KI. Es ist ein Argument gegen eine Pädagogik, die dem Schüler das beibringt, was die Maschine billiger kann. Was nicht gemessen wird, sagt Dede, ist die Fähigkeit, im Ungefähren zu urteilen. Und genau die wird am Arbeitsplatz der Zukunft gebraucht.

Die Reaktion der Institutionen? Man verbietet. Mehr als die Hälfte der Studierenden, so ergab eine Erhebung von Educause, berichtet, dass ihre Lehrkräfte KI-Nutzung vollständig untersagen. Universitäten, schreibt Harvard Business Impact, senden „gemischte Signale" und kämpfen noch darum, kohärente Politiken zu formulieren. Während man das Verbot formuliert, schreibt die Harvard Business School längst ein Pflichtfach: „Data Science and AI for Leaders". Wer nicht mitmacht, fällt durch. Die Ivy League rüstet auf, während die Breite zögert. Das ist kein Zufall. Es ist ein Markt.

Eine Stimme aus weiter Ferne, K. VijayRaghavan zusammen mit Shivaji Sondhi in einer Op-Ed-Spalte, formuliert es ohne Harvard-Pathos: Eine Zukunft, die wir nicht vorhersagen können, lässt sich nicht durch mehr Stoff im Lehrplan bewältigen. Man müsse das Curriculum ausdünnen und gleichzeitig Räume schaffen, in denen Studierende das Unbekannte üben. Klingt vernünftig. Klingt nach dem, was Dede mit „judgment" meint. Dass diese Stimme aus einem anderen Bildungssystem kommt, das gerade seine eigene Modernisierung verhandelt, macht die Sache schmerzhaft deutlich.

Aber wer trägt die Kosten? Die Universitäten, die jetzt umschwenken, müssen Lehrkräfte umschulen, Curricula neu schreiben, Prüfungsformate abschaffen, die seit Jahrzehnten als Qualitätssiegel galten. Das ist teuer. Das ist politisch unbequem. Das ist der Bruch, vor dem die Verwaltung zurückschreckt. Stattdessen verwaltet man das Verbot, schreibt Policies, die niemand durchsetzt, und hofft, dass die Maschine noch ein Jahr länger braucht. Offene Universitäten, wie der Abgeordnete P.V. Abdul Wahab bei einer Seminareröffnung bemerkte, mögen den Zugang erweitern. Sie können nicht die Trägheit der etablierten Häuser heilen. Wer „flexibles Lernen" fordert, fordert oft nur billigeres Lernen.

Wirtschaftlich rechnet sich das Schweigen. Wer heute noch Studierende auf das Kalkül trimmt, liefert der Industrie billige Arbeitskräfte, die in drei Jahren durch Agenten ersetzt werden. Die Universität bekommt die Studiengebühren. Die Industrie bekommt den Übergang. Der Studierende bekommt die Rechnung. Das ist die Kette, die Dede benennt, ohne sie ganz auszusprechen. Auch die Politik bekommt ihren Anteil: Wähler, die nicht mehr gebraucht werden, lassen sich schwer vertreten.

Dass Harvard Graduate School of Education das Thema inzwischen als „wake-up call" verhandelt, ist spät, aber nicht zu spät. Zu spät wäre es, wenn die Curricula der nächsten fünf Jahre so aussehen wie die der letzten fünf. Eine einzige Stimme aus dem Innersten der Maschine hat gewarnt. Bleibt die Frage, die Harvard sich selbst nicht stellt: Wie viele Vorstandsetagen schweigen, weil sie längst Verträge mit jener Technologie geschlossen haben, vor der ihre eigene Fakultät warnt – und wer zahlt den Preis, wenn die Elite recht behält und die Breite weiter das Kalkül übt?

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