Der Gesuchte im Penthouse Europas
Die Pfeife qualmt. Interpol hat einen roten Haftbefehl ausgestellt — und Fedlan Kılıçaslan sitzt irgendwo in Europa und sieht aus wie ein Mann, der weiß, wie das System funktioniert. Das System funktioniert so: Man nehme einen Kontinent, der sich Regulierung nennt, und ein Geschäftsfeld, das sich Glücksspiel nennt, und baue daraus eine Architektur, in der Geld seine Herkunft vergisst.
Kılıçaslan, türkischer Online-Wettmagnat, hat nach Recherchen des OCCRP und von VSquare genau diese Architektur über Jahre aufgebaut. Das Stichwort heißt: Złota 44. Warschau, gläserne Fassade, vierundvierzigster Stock. In diesem Turm wechselte ein Penthouse den Besitzer — verkauft von dem polnischen Trader Rafał Zaorski an den türkischen Investor. Was nach Immobiliendeal aussieht, ist nach vorliegenden Berichten Knotenpunkt einer Kette: illegales Glücksspiel, Geldwäsche, nicht lizenzierte Forex-Geschäfte. Die Vorwürfe stehen nicht im Boulevard, sie stehen in den Akten.
Kılıçaslan ist gesucht. Das ist nicht das Gerücht eines Konkurrenten, das ist eine rote Notiz von Interpol. Was er baut, ist über die Grenzen einzelner Länder verteilt. Die Überschrift des OCCRP-Berichts sagt es selbst: Inside the European Gambling Operations of a Wanted Turkish Businessman. Übersetzt: ein gesuchter Mann betreibt weiter Geschäfte, als gäbe es keine Justiz.
Das ist das Skandalöse. Nicht das Glücksspiel an sich — das ist in Europa legal und besteuert und reguliert. Das Skandalöse ist die Lücke. Das ist die Nahtstelle zwischen einer Lizenz in Malta und einer Operation in Zypern, zwischen einem Server in Curacao und einer Auszahlung in Warschau. Hier wird Geld nicht gewaschen, weil es dreckig ist. Es wird dreckig gemacht, damit es gewaschen werden kann. Man verschiebt es, bis niemand mehr weiß, wem es gehört. Dann taucht es auf einem Konto auf, fragt nach einer Quittung, und die Quittung wird ausgestellt.
Griechische Behörden wissen das schon länger. Im September 2012 berichtete Greek Reporter, dass die türkische Doğan Holding Interesse am griechischen Sportwettenanbieter OPAP anmeldete — Teil einer Privatisierungswelle, angetrieben vom griechischen Staat, der dringend Liquidität brauchte. Damals scheiterte das Geschäft. Die Frage ist nicht, ob andere türkische Akteure ähnliche Wege fanden. Die Frage ist, wie oft Brüssel diese Wege passieren ließ, ohne hinzusehen.
Brüssel liebt Regulierung. Brüssel liebt Papiere. Aber zwischen dem Papier und der Realität liegt ein Kontinent von Lizenzbehörden, die ihre eigenen Geschäftsbedingungen nicht lesen, von Aufsichtsbehörden, die erst nach dem Skandal prüfen, von Banken, die fragen, woher das Geld kommt — und sich mit der Antwort zufrieden geben, die der Kunde gibt. Die Compliance-Abteilung nickt. Der Transfer läuft. Die Pfeife glüht.
Kılıçaslan ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Das System ist nicht kaputt — das System arbeitet genau so, wie es gebaut wurde: zugunsten derer, die wissen, welche Tür offen steht, wenn sie geschlossen aussieht. Wer nicht weiß, wo die Tür ist, zahlt die Lizenz, die Miete, die Strafe. Wer es weiß, geht durch.
Was bleibt zu klären? Viel. Welche konkreten Gesellschaften unter welcher Lizenz in welchem EU-Staat operieren — das ist im Detail offenzulegen. Welche Banken die Transaktionen aus dem Złota-44-Deal abgewickelt haben — offenzulegen. Welche Aufsichtsbehörde wann gewarnt wurde und nicht handelte — offenzulegen. Ob die rote Interpol-Notiz in Brüssel, in Warschau, in Athen jemals ankam — oder ob sie irgendwo zwischen den Akten verschwand. Solange diese Fragen offen sind, ist Kılıçaslan nicht ein Gesuchter auf der Flucht. Er ist ein Gesuchter mit Adresse, mit Anwälten, mit einem Turm in Warschau. Und das ist die eigentliche Anklage: nicht gegen ihn — gegen jene, die ihn gewähren ließen.
Die Pfeife ist aus. Der Bericht fängt hier erst an.
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