Börse 1937
Terminal Tribune

25. August 2026

Dossier · Politik & Macht

**387 Jahre, eine Zeitung — und das Monopol auf das Gedächtnis einer Stadt**

25. August 2026 — — Kastner

Man nehme eine Archivwand, 5.800 laufende Körper, einen Schullehrerminister mit Schülern, und das Versprechen, dass eine Stadt sich selbst feiere. Das ist die Choreografie von *Made of Chennai* — und wer die Musik bestellt hat, sollte man genau betrachten, bevor man den Sekt erhebt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

*The Hindu*, das Haus auf der Anna Salai, ruft im August zum monatelangen Fest. Chennai wird 387 Jahre alt, *Made of Chennai* feiert mit — Heritage, Küche, Musik, Sport. Eine vierte Ausgabe in Folge, verlässlich wie der Monsun, mit derselben Masche: die Zeitung als Hebamme der städtischen Seele, als Spenderin des Selbstbilds. Wer den Rahmen kontrolliert, kontrolliert das Bild im Rahmen — und 20 Lakh Fotografien im Archiv sind eine Waffe der Auswahl. Was an die Wand kommt, ist Geste; was im Schatten bleibt, ist Politik.

Denn die Ausstellung *Madras on Stage* zeigt, so erfahren wir, eine Aufnahme von 1958: Sivaji Ganesan am Mikrofon, protestierend gegen die Kürzung beim Rohfilimport. Wir sehen MGR, Rajendran, Gemini Ganesan. Wir sehen die Filmschaffenden, die sich hinstellten. Schön. Bequem. *Historisierbar.* Doch das Archiv der Zeitung enthält auch Bilder vom 15. August 2001 — Journalisten, die vor dem State Guest House hungern, während Jayalalithaa an der Fort St. George die Fahne hisst. Sie hungern, weil die Polizei sie drei Tage zuvor am DGP-Büro auf der Radhakrishnan Salai verprügelt hat, mitten in der Ausübung ihres Berufs. Das Archiv hat es. Das Archiv zeigt es. *Die Zeitung, die das Foto besitzt, ist dieselbe Zeitung, die heute das Fest ausrichtet.* Man darf sich fragen, ob das Aufklärung ist oder Alibi — ob die Erinnerung an den Schlag die Gegenwart vom Schlag entlastet. *Heritage* als Anästhesie.

Derweil schreitet der Minister für Schulbildung, Tamil-Entwicklung und Informationswesen durch die Räume, beugt sich zu den Schülern und sagt: Fotografie sei tief mit Geschichte verbunden. Ermuntert sie zur Straßenfotografie. Es ist die sanfteste Form staatlicher Segnung — kein Auftritt mit Mikrofon, keine Banderole, nur ein Minister, der durch ein Medienprodukt flaniert und damit das Produkt autorisiert. *Die Zeitung leiht dem Staat Sichtbarkeit; der Staat leiht der Zeitung Legitimität.* Eine alte Transaktion, elegant, beidseitig gewinnbringend.

Und dann: 5.800 Menschen, die laufen. *Made of Chennai Run*, ein Strom aus Körpern, eine Zahl, die in keiner Pressemitteilung fehlen darf. 5.800 — klingt nach Stadt, klingt nach Volk, klingt nach demokratischer Bewegung. Was es auch ist: ein gebrandeter Korridor. Die Teilnehmer bezahlen Startgeld, tragen Trikots, produzieren Bilder für Sponsorenseiten. *Human Infrastructure für ein Medienprodukt.* Man läuft nicht für die Stadt; man läuft für die Marke, die behauptet, die Stadt zu sein.

Was fehlt in der sorgfältig komponierten Bildwelt? Die aktuellen Debatten, die unbequem sind. Die Frage, wessen Anna Salai in zehn Jahren noch steht. Die Frage, was die Art-Deco-Fassade des Verlagshauses selbst ist — Denkmal oder Denkmal mit unschöner Eigentümerkonzentration. Die Frage, warum eine einzelne Zeitung die Deutungshoheit über 387 Jahre einer kosmopolitischen Stadt beanspruchen darf, ohne dass ihr jemand diese Hoheit streitig macht. *Wer schreibt das Gedächtnis? Immer dieselbe Hand.*

Man kann ein Fest feiern und zugleich untersuchen, wer es bezahlt — nicht in Geld allein, sondern in Aufmerksamkeit, in Definitionsmacht, in der Lizenz zu bestimmen, was *Chennai* sei und was nicht. *Made of Chennai* ist, bei aller Schönheit der Photographien aus vier Jahrzehnten, auch dies: ein PR-Instrument der Besitzenden, getarnt als Hommage an die Besitzlosen. Die Stadt als Bühne. Die Zeitung als Regisseurin. Der Applaus — 5.800fach, plus Minister, plus Schüler, plus Archiv.

Wir erheben den Sekt nicht. Wir notieren, wer am Tisch sitzt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL The Hindu’s Made of Chennai feiert 387 Jahre Madras

    „The Hindu’s Made of Chennai celebrates 387 years of Madras“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Die Feierlichkeiten dauern einen Monat

    „The exhibition marks the beginning of month-long celebrations for Chennai’s 387th year.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL Über 5.800 Personen nehmen am The Hindu Made of Chennai Run teil

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. DATUM Der letzte Anmeldeschluss für den Made of Chennai Run ist der 19. August

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. ZAHL Chennai Journalisten führten vor 25 Jahren einen Fastenakt durch

    „Journalists from various organisations observing a fast in front of the State guest house in Chennai on August 15, 2001,“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 3 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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