Kalte Luft, heißes Geld
Die Scheichs verkaufen uns das Eis und nennen es Klimapolitik. Ich sitze in einem Raum, der kühler ist als die Straße, und lese Meldungen über künstliche Winter in der Wüste. Am Persischen Golf werden Temperaturen gemessen, bei denen Asphalt weich wird und Arbeiter in der Mittagspause in klimatisierten Bussen verschwinden. Die Antwort der Industrie: mehr Kühlung. Die Antwort meiner Frage: wem gehört das Geschäft?
Die Zahlen, die durch die Agenturen laufen, sind eindrucksvoll und darum verdächtig. In Dubai entstehen überdachte Strände mit Eisbädern, in Saudi-Arabien wird unter dem Schlagwort Green Riyadh eine Hauptstadt neu bepflanzt, während parallel ganze Stadtteile klimatisiert werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate bauen Kühlinfrastruktur, die so dimensioniert ist, dass sie auch dann noch funktioniert, wenn das Thermometer fünfzig Grad überschreitet. WIRED beschreibt das als Blueprint für eine heißere Welt. AGBI nennt es einen Standortvorteil. AccuWeather spricht von einer Krise. Was fehlt in allen drei Lesarten: der Preis.
Eine Kühlung, die ganze Städte umfasst, ist kein Haushaltsgerät. Sie ist eine Infrastruktur, die Strom, Wasser und Kapital verschlingt. Wer zahlt. Wer profitiert. Das sind die zwei Fragen, die kein Investorenmemo beantwortet, das ich je gelesen habe. Die Golfstaaten können investieren, weil sie Erlöse aus Öl und Gas in petrostaatliche Kühlfonds umleiten. Das ist keine Anpassung an den Klimawandel. Das ist eine Subvention der eigenen Industrie mit dem Geld, das den Klimawandel verursacht. Die Buchhalter in den Nadelstreifen nennen das Strategie. Ich nenne es einen Zirkelschluss mit Klimaanlage.
Hier liegt der Haken, und hier beginnt die Ermittlung. Die TIE-Recherche zu diesem Vorgang stützt sich bislang auf eine einzige Quellenlage. Das ist ein Problem. Eine Meldung, ein Bericht, eine Geschichte. Das ist kein Beleg, das ist ein Gerücht mit Format. Wir veröffentlichen trotzdem, weil das Schweigen teurer wäre als das korrigierte Wort. Aber jeder Absatz, der jetzt folgt, ist mit einem Vorbehalt zu lesen. Nicht weil er falsch sein muss, sondern weil er allein steht.
Was ich sehe, wenn ich durch die Meldungen gehe: Der Markt für extreme Kühlung wird genau in dem Moment aufgebaut, in dem die Nachfrage durch den Klimawandel garantiert ist. Das ist kein freier Markt. Das ist ein Markt, dessen größter Kunde das Wetter ist, und das Wetter lässt sich nicht verklagen, wenn die Rechnung nicht stimmt. Die Hersteller von Klimatechnik, die Baukonzerne, die Energieversorger. Sie alle sitzen in einem Boot, das von einer Strömung getragen wird, die niemand stoppen will. Wäre die Kühlung eine einfache Ware, würde der Preis fallen. Er fällt nicht. Er steigt, und zwar in dem Maß, in dem die Sommer schlimmer werden.
Die Wärme verschwindet nicht aus der Stadt. Sie wird aus den Räumen herausgepummt. Sie landet auf den Straßen, in den Abwässern, in der Atmosphäre. Eine Klimaanlage kühlt ein Gebäude, schreibt WIRED, aber sie kühlt keine Stadt. Sie macht die Stadt wärmer. Die Mathematik dahinter ist simpel und wird trotzdem ignoriert. Mehr Kühlung, mehr Abwärme, mehr Bedarf an Kühlung. Es ist eine Spirale, und die Ingenieure, die sie bauen, werden von den Konzernen bezahlt, die daran verdienen.
Unklar bleibt, wer am Ende die Rechnung trägt. Sind es die Arbeiter auf den Baustellen, die bei fünfzig Grad die Rohre verlegen. Sind es die Steuerzahler anderswo, deren Klimagelder in Wüstenstaaten fließen. Sind es die Aktionäre, deren Rendite an einer Branche hängt, die nur wächst, wenn die Katastrophe wächst. Das sind die offenen Fragen, die TIE in dieser Woche nicht beantworten kann. Sie sind nicht verborgen. Sie werden nicht gestellt.
Die Pfeife ist ausgegangen. Ich halte sie noch einen Moment, dann lege ich sie weg. Die Bilanzen, die ich kenne, enden nicht gut. Sie enden nie gut, wenn das Wachstum von einer Katastrophe abhängt, die niemand stoppen will. Man nennt das dann Zukunftsmarkt. Ich nenne es das, was es ist. Ein Geschäft mit dem Frost, bezahlt mit der Hitze der anderen.
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