Acht Pfund, fünfundfünfzig Cent: Wie Currys zum Vorhang der Lüge wurde
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die mit dem Schwur unterzeichnet wurden, man werde sie halten. Ich habe Männern die Hand gereicht, deren Unterschrift bereits trocknete auf Papieren, die das Gegenteil besagten. Man lernt dort etwas über die Grammatik der Täuschung — es kommt nicht auf den Inhalt an, sondern auf die Wahl des Vorhangs, das Timing, die Inszenierung. Diese Woche fiel mein Blick auf zwei Vorhänge. Sie tragen beide das Logo eines Händlers, der mit der Sache nichts zu tun hat. Die Mechanik ist die gleiche. Die Mittel sind es nicht.
Da ist zunächst der Multi-Kocher. Beiträge auf Facebook behaupten, Currys habe einen Räumungsverkauf gestartet, bei dem ein „Display-Modell" des Ninja Foodi für £8.55 zu haben sei, sofern man eine „kurze Umfrage" ausfüllt. Die Faktenprüfer von Full Fact haben das Angebot am 24. August 2026 als falsch eingestuft. Der Händler selbst hat es bestätigt. Die Seite, auf die verlinkt wird, trägt zwar das Currys-Logo, ihre URL aber stimmt nicht mit der echten Domain überein. £8.55 — das ist ein Preis, den niemand zahlen wird, weil er nicht existiert.
Was auf dem Markt existiert, ist das Produkt selbst. YouTube-Videos dokumentieren das Ninja Foodi PossibleCooker PRO 8.5 Quart, Modellnummer MC1001, ein Acht-in-Eins-Gerät zum Druckgaren, Schmoren und Sautieren. Preisvergleichsplattformen wie PriceSpy listen das Gerät im dreistelligen Pfundbereich. Auf Kleinanzeigen werben Privatpersonen ihr Modell als Schnäppchen an. Auf TikTok preist Ninja Kitchen seine Systeme an. Der Markt hat seine Preise, seine Bewertungen, seine ehrlichen Verkäufer. Die £8.55 sind eine Erfindung.
Dann der zweite Vorhang. Ein Video zeigt eine Frau, die einen Ninja SLUSHi auspackt, mit der Bildunterschrift: „Holen Sie sich Ihren Ninja SLUSHi durch das Ausfüllen einer kurzen Umfrage!" Daneben erscheint ein Mann in scheinbarer Currys-Uniform. Auch hier bestätigt Currys: keine echte Offerte. Full Fact stuft es am 24. August 2026 als falsch ein. Das Video, so die Faktenprüfer, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-generiert. Der Text auf dem Ausweis des Mannes ist Buchstabenbrei.
Und hier beginnt die Arbeit des Ermittlers.
Beide Fälle sind nicht zwei Vorfälle. Sie sind zwei Aggregatzustände desselben Mechanismus. Beide nutzen die „kurze Umfrage" als Einlass. Beide versprechen ein Produkt zu einem Preis, der die Vernunft ausschalten soll. Beide missbrauchen das Logo eines seriösen Händlers. Aber die Mittel unterscheiden sich — und genau darin liegt der Fortschritt der Täuschung. Im ersten Fall wird noch mit gefälschten Webseiten gearbeitet, mit statischen Kopien, die das Vertrauen der Marke ausleihen wie ein gebrauchter Mantel. Im zweiten Fall ist die Industrie weitergegangen. Sie hat gelernt, Uniformen zu generieren, Mitarbeiter zu erfinden, Gesichter und Stimmen zu produzieren. Die Lüge ist keine Webseite mehr, sie ist eine Person geworden. Eine Uniform, die niemand trägt. Ein Ausweis, der niemandem gehört. Eine Stimme, die niemand besitzt. Die Signatur des Jahrhunderts zeigt sich an den Rändern — dort, wo die Maschine noch nicht perfekt lügt, zerfällt sie in Buchstabenbrei.
Was mich beunruhigt, ist nicht die Täuschung selbst. Es ist die Tatsache, dass die Täuschung systematisch betrieben wird. Wenn Full Fact schreibt, man habe regelmäßig gefälschte Angebote geprüft, die angeblich von Currys und anderen Händlern stammen, dann lese ich darin keine isolierte kriminelle Energie. Ich lese eine Industrie. Die Nennung von Currys ist beliebig. Es hätte Tesco sein können, Argos, John Lewis. Der Name des Händlers ist das Kostüm, nicht der Täter. Was bleibt, ist die Struktur.
Die Struktur sieht so aus: Ein gefälschter Vorhang — Logo, Uniform, Mitarbeitergesicht — lenkt ab von dem, was am Ende der Kette geschieht. Was dort geschieht, ist nicht der Verkauf eines Multi-Kochers für £8.55, denn dieser Verkauf findet nie statt. Was dort geschieht, ist die Umfrage selbst. Sie ist das Einlasstor. Was genau sie einsammelt und an wen, bleibt in den dokumentierten Fällen offen. Was wir sehen, ist die Eingangstür. Was dahinter liegt, ist der Gewinn.
Und hier erscheinen die Opfer. Ich nenne sie „Casualties", wie es im Jargon derjenigen heißt, die den Krieg nicht führen, aber seine Kosten tragen. Sie heißen Vertrauen, Aufmerksamkeit, Geld. Sie heißen der ältere Mensch, der auf das Currys-Logo hereinfällt, weil er Currys kennt und Currys vertraut. Sie heißen die alleinerziehende Mutter, die auf £8.55 hereinfällt, weil £8.55 ihr Monatsbudget nicht sprengen würde. Sie heißen der Jugendliche, der auf das Gesicht eines vermeintlichen Currys-Mitarbeiters hereinfällt, weil sein Ausweis echt aussieht, wenn man nicht genau hinschaut. Sie hinterlassen keine Schlagzeile, nur einen Abdruck im Misstrauen.
Die Spirale ist teuflisch in ihrer Einfachheit. Je mehr gefälschte Angebote im Namen seriöser Händler kursieren, desto mehr schwindet das Vertrauen in die seriösen Händler selbst. Je mehr das Vertrauen schwindet, desto größer wird der Raum für die Schattenwirtschaft. Currys, der hier als Vorhang dienen muss, hat ein doppeltes Opfer zu tragen: Er verliert Kunden an die Fälscher, und er verliert Reputation an die Fälschungen, die seinen Namen tragen.
Was also bleibt? Eine warnende Geste, mehr nicht. Full Fact hat seine Arbeit getan. Die Sprecher von Currys haben ihre Arbeit getan. Was fehlt, ist die politische Dimension. Denn wenn ein Markenname beliebig ausgetauscht werden kann, ist die Liste der Marken nicht das Problem. Das Problem ist die Plattform, die diese Täuschung trägt — die sozialen Medien, in denen die Lüge ohne Reibung zirkuliert, ohne dass eine Instanz sie aufhält, bevor sie den Verbraucher erreicht. Es fehlt das Protokoll, das die Architektur der Täuschung selbst adressiert, nicht nur ihre einzelnen Manifestationen. Es fehlt das Eingreifen in jene Grauzone, in der eine KI ein Currys-Mitarbeitergesicht erzeugen kann, ohne dass eine Aufsicht dies als das benennt, was es ist: eine Fälschung im Dienst des Betrugs.
Ich notiere zum Schluss, was ich notieren kann, und was nicht. Ich kann notieren, dass £8.55 kein Currys-Preis ist. Ich kann notieren, dass der Mann im Video wahrscheinlich keine Uniform trägt, sondern eine Fälschung aus einem neuronalen Netz. Ich kann nicht notieren, wer die Fäden zieht. Aber ich kann den Hinweis hinterlassen, dass es diese Fäden gibt, und dass sie dort verlaufen, wo die Aufsicht endet. In Genf habe ich gelernt, dass die gefährlichsten Verträge diejenigen sind, die niemand unterschrieben hat — und an die sich trotzdem alle halten müssen. Die Currys-Lüge ist ein solcher Vertrag. Er wurde nie unterzeichnet. Er wird täglich vollstreckt. Die Opfer zahlen nicht in Pfund. Sie zahlen in Vertrauen.
❖ Ende des Artikels ❖
