Der Köder heißt Kooperation — Indien fischt im Schatten der BRICS
Die Bühne ist mit Samt ausgeschlagen, die Kameras laufen, und Premierminister Narendra Modi spricht das Wort aus, das in jeder Pressemitteilung dieser Welt vorkommt: Kooperation. „Stärkere globale Tech-Zusammenarbeit", ruft er beim BRICS-Gipfel, und sein Motto für 2026 klingt wie eine Bilanz, die man dem Pförtner vorlegt — Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability. Vier Silben, vier Versprechen, keine einzige Beweislast.
Schauen wir genauer hin. Indien sitzt in einem Club von zehn: Brasilien, China, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran, Russland, Südafrika, die Vereinigten Arabischen Emirate — und eben Indien selbst. Das sind die Architekten einer „neuen Weltordnung", von der in jedem zweiten Leitartikel die Rede ist. Was diese Architekten tatsächlich bauen, sagt uns kein Leitartikel. Aber Zahlen tun es.
Bevor Modi „Kooperation" sagt, bietet er Südostasien etwas an, das in den Akten als „US-China-Alternative" firmiert. Auf der Indusfood-Messe in Greater Noida wirbt ein philippinischer Exporteur für getrocknete Moringa und Taro-Blätter — und Corinne Anne Cordero von Dry Tech Manufacturing erklärt freimütig, warum: Indien hat mehr Vegetarier als jedes andere Land der Erde, mehr Menschen als China, also ein Markt, der „offener" sein könnte. Beobachten Sie das Wort: „offener". Es bedeutet in der Sprache der Exporteure: weniger reguliert. Weniger kontrolliert. Weniger Blicke von Zöllnern.
Im selben Atemzug wird der Nathu-La-Pass wieder geöffnet — 4.310 Meter über dem Meer, sechs Jahre geschlossen nach den Galwan-Kämpfen von 2020. Reis, Mehl, Tee, Tabak und Kupfer fließen wieder über die Grenze zwischen Sikkim und Tibet. Rund 600 registrierte Händler atmen auf. Der Händler, der seine Lebensgrundlage zurückbekommt, fragt nicht nach Geopolitik. Er fragt nach dem nächsten Yak.
Doch der EU-ASEAN Business Council hat im Juli 2026 genau diese Frage gestellt — und zwar in einem Bericht, der „stärkeres Vorgehen gegen den illegalen Handel" verlangt. Illicit trade, so das Papier, bedrohe die wirtschaftliche Expansion, die Steuereinnahmen, den Verbraucherschutz und die Stabilität regionaler Lieferketten. Indien wird in diesem Bericht nicht als Randnotiz erwähnt. Indien wird als „strategische Rolle" hervorgehoben. Das ist die Sprache der Bilanzen. Das ist die Sprache, die Männer in Nadelstreifen benutzen, wenn sie meinen: Hier sitzt jemand am Tisch, den man besser nicht übersieht.
Was also wird konkret verlangt? Erstens: verstärkte regionale Koordinierung unter der Ägide der Philippinen. Zweitens: Maßnahmen gegen Schmuggel, Fälschungen und nicht versteuerte Warenströme — exakt die Ströme, die durch Passagen wie Nathu La fließen, sobald sie wieder offen sind. Drittens: technologische Aufrüstung der Zollbehörden. Viertens: ein gemeinsames Meldesystem, das den Akteuren, die heute im Schatten handeln, das Licht der Buchprüfung bringt.
Und hier beginnt der Köder wirklich zu glänzen. Modi ruft Startups auf, den Weltraum zu erobern — „make India a go-to destination for global talent and investors". Er ermuntert dieselben Startups, in Landwirtschaft, Viehzucht und Milchwirtschaft zu arbeiten. Die Rechnung ist einfach: Wer die Daten kontrolliert, kontrolliert den Markt. Wer die Startups kontrolliert, kontrolliert die Lieferketten. Wer die Lieferketten kontrolliert, kann die Schattenwirtschaft entweder schließen — oder neu sortieren.
Die offene Frage bleibt: Welche Seite sortiert Indien? Die Akten sagen: Indien will beides. Indien will die „Kooperation" mit BRICS und gleichzeitig die „Alternative" zu China und den USA. Indien will die Wiedereröffnung des Himalaya-Handels UND die Rolle als regionaler Waffenlieferant. Indien will als „go-to destination" für Investoren auftreten, während der EU-ASEAN-Bericht die strategische Rolle Indiens im illegalen Handel unterstreicht. Unklar bleibt, wer in Neu-Delhi entscheidet, wann der Vorhang fällt — und wer dann im Rampenlicht steht.
Bittere Präzision: Es gibt keine Übereinstimmung zwischen dem, was Indien sagt, und dem, was Indien tut. Es gibt eine Übereinstimmung zwischen dem, was Indien verlangt — mehr Kooperation, mehr Daten, mehr Standards — und dem, was Indien braucht: einen Vorhang, hinter dem die alten Geschäfte weiterlaufen können.
Die Männer in Nadelstreifen werden Ihnen erklären, warum der Gürtel enger muss. Sie werden Ihnen erklären, dass „Resilience" bedeutet, sich von ausländischen Lieferketten abzukoppeln. Sie werden Ihnen nicht erklären, dass dieselben Lieferketten über den Nathu La, über Indusfood, über BRICS-Treffen längst neu geknüpft werden — nur mit anderen Vorzeichen.
Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.
❖ Ende des Artikels ❖
