10,7 Milliarden unter Verdacht: Kashagans Schattenrechnung
Eine Quelle, viele Behauptungen, kein Urteil. Was bisher vorliegt, ist das Echo einer vertraulichen Schiedsverfahrensklage — und wer hier wen nennt, bleibt so lange Verdacht, bis es etwas anderes ist. Das muss man wissen, bevor man weiterliest. ICIJ stützt sich auf anonyme Quellen; konkrete Namen, Verträge und Summen sind bislang nicht öffentlich belegt. Wer hier beschuldigt wird, ist in diesem Stadium Beschuldigter, nicht Verurteilter.
Kasachstan wirft den internationalen Ölkonzernen vor, dass 10,7 Milliarden Dollar an Verträgen für das Kashagan-Feld von Selbstbedienung, ungerechtfertigten Kostensteigerungen oder Bestechung durchzogen gewesen seien. So berichten es mehrere Quellen gegenüber dem International Consortium of Investigative Journalists. Hinter dem Vorwurf steht ein Dutzend Verträge, die das Kashagan-Konsortium in den 2000er Jahren an eine Handvoll internationaler Bau- und Ingenieursfirmen vergab — Firmen, die das Herzstück des kasachischen Mega-Feldes buchstäblich zusammenschweißen sollten. Pumpen, Pipelines, Plattformen. Die Hardware einer Volkswirtschaft, vergeben im Schatten hoher Gewinnerwartungen.
Die Konstellation liest sich wie das Who's who der Branche: Shell, ExxonMobil, Eni, TotalEnergies, die China National Petroleum Company und Japans Inpex sitzen im North Caspian Operating Consortium, kurz NCOC, das Kashagan betreibt. Sechs Namen, sechs Hauptquartiere, sechs verschiedene Arten, sich gegenseitig nicht in die Karten schauen zu lassen — wenn man es denn so will. Das ist kein Zufall. Das ist Architektur.
Kasachstan geht weiter. Die Klage ist Teil eines Schiedsverfahrens über 160 Milliarden Dollar, angemeldet beim Ständigen Schiedsgerichtshof in Den Haag. Entgangene Gewinne, Umweltschäden — und jetzt, als wäre das nicht genug, der Korruptionsvorwurf. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, warum diese Behauptungen ausgerechnet jetzt auftauchen und nicht 2008, als das Feld eigentlich hätte fließen sollen. Die Uhr ist ein stiller Zeuge.
Kashagan selbst: ein Offshore-Feld im Kaspischen Meer, geologisch so launisch, dass allein die Schwefelanteile und der Eisgang im Winter jedem Projektleiter den Schlaf rauben. Tief, Hochdruck, giftig, vereist. Nach dem Fund galt es als das größte Ölvorkommen seit Prudhoe Bay in Alaska — ein Satz, den Männer in Nadelstreifen gern bei Empfängen sagen. Produktionsstart in den frühen 2000ern geplant, tatsächlich: 2016. Zehn Jahre zu spät. Kasachstan sagt: mitverschuldet durch genau jene Verträge, deren Inhalt nun in Den Haag unter Verschluss liegt.
Das Konsortium antwortet per E-Mail. Man habe, so teilt NCOC mit, im Einklang mit den relevanten Verträgen, kasachischem Recht und den anwendbaren Standards und bewährten Verfahren gehandelt. Wegen der Vertraulichkeit des Verfahrens könne man nichts weiter sagen. Das ist die diplomatischste Form, in der ein Milliardenkonzern sagen kann: Wir haben verstanden, wir antworten trotzdem nicht. Wer so spricht, hat entweder nichts zu verbergen oder alles — eines von beiden.
Die Frage, die bleibt, ist nicht nur, ob hier geschmiert wurde. Sondern wer. Das Schiedsgericht hat bislang keine Entscheidung getroffen. ICIJ schreibt ausdrücklich, dass die Quellen anonym bleiben — und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit. Welche Dutzend Verträge genau? Welche Baufirmen? Welche Namen tauchen in den Akten auf, die zwischen Den Haag, Astana, Houston, Paris und Peking wandern? Das ist der Stoff, aus dem später entweder Skandale werden — oder eben nichts. Vorher lässt sich das nicht sagen.
Doch die Struktur ist erkennbar. Entwicklungskosten von rund 60 Milliarden Dollar sollen bereits von den Ölfirmen eingespielt worden sein, während die profitträchtige Phase, in der Kasachstan mitverdient, noch gar nicht richtig begonnen hat. Das Geld ist also bei den Konzernen, das Öl fließt zu spät, und der Vorwurf kommt ausgerechnet aus dem Land, das an jeder Pumpe mitverdienen wollte. Das ist kein zufälliges Bild. Das ist ein Mechanismus, der genau so funktioniert, wie man es sich vorstellt, wenn man zu viel über Ausschreibungen weiß.
Unklar bleibt, welche konkreten Transaktionen gemeint sind, wer welche Summen erhielt, und welche Entscheidungen in welchen Vorständen zwischen 2000 und 2010 fielen. Genau das wäre der nächste Schritt: Akten, E-Mails, Vergabeprotokolle, Rechnungen, die durch drei Buchhaltungen wandern. Wer hier den Mund aufmacht, sollte sich auf kalten Kaffee und heiße Anwälte einstellen.
Zehn Komma sieben Milliarden Dollar. Eine Zahl, die in keiner Boulevardzeitung dieser Welt einen Schrecken verbreitet, weil sie so groß ist, dass sie abstrakt wirkt. Aber hinter jeder einzelnen Stelle steckt ein Auftrag, der zu teuer vergeben wurde. Eine Pipeline, die später kam. Ein Staat, der seine Einnahmen verpasste. Und Männer in Nadelstreifen, die anderen erklären, warum der Gürtel enger muss. Bei sich selbst halten sie Maß — bei den Ausgaben der anderen.
Kashagan bleibt vorerst ein Feld, das seine Versprechen später einlöst als geplant. Was es darüber hinaus ist, entscheidet sich in Den Haag. Nur — und das ist der Kern — wir sitzen im Zuschauerraum, während die Akten unter Verschluss liegen. Das ist kein Komfort. Das ist ein Auftrag.
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