Erfurts Schläge und die zwei Lesarten
Erfurt, erstes Juliwochenende. Ein Bundesparteitag der AfD, eine Stadt im Ausnahmezustand, und am Rand jener Bühne, auf der die Reden gehalten werden, schlägt eine andere Bühne auf: die des physischen Angriffs auf jene, die gekommen sind, um zu berichten. Reporter von Apollo News und Junge Freiheit werden attackiert — ein Vorgang, der die Thüringer Polizei nunmehr drei identifizierte Tatverdächtige nennen lässt. So weit die offizielle Lesart. So weit das, was in den Akten steht, bevor die Deutungen beginnen.
Denn die Geschichte dieses Juli-Wochenendes beginnt nicht bei den Schlägen. Sie beginnt bei dem, was unmittelbar auf sie folgt. Genauer: bei dem, was ausbleibt. Was ausbleibt, ist die Distanzierung derer, die am lautesten sprechen.
Die AfD zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die Antifa. Das ist das Skript, die eingeübte Choreografie, mit der jede Überschreitung des Sagbaren in eine externe Schuld umgelenkt wird — säuberlich etikettiert, in Plastikfolie verschweißt. Es ist eine Geste, die das eigene Haus nicht zu kennen vorgibt. Oder — und dies ist die Frage, die sich aufdrängt, kaum hat man den Pressetext zur Hand genommen — es ist eine Geste, die das eigene Haus sehr genau kennt und deshalb die Tür zuhält.
Siehe: Die eine Quelle sagt, die Partei habe mit Gewalt gegen politische Gegner kein Problem. Die andere Quelle sagt, sie distanziere sich nicht von jenen in den eigenen Reihen, die zur Faust greifen. Beide Aussagen sind, jede für sich genommen, harmlos. Zusammen gelesen aber ergeben sie ein Bild, das die offizielle Empörung über die Angriffe auf Journalisten in ein eigentümlich flackerndes Licht taucht. Wer sich nie glaubwürdig von Gewalt distanziert hat, kann ihre Verurteilung nicht als moralische Entrüstung inszenieren. Er kann sie nur als taktische Übung betreiben. Und taktische Übungen haben ein Ziel. Das Ziel ist nicht Aufklärung. Das Ziel ist Deutungshoheit.
Drei Verdächtige sind identifiziert. Das klingt nach Fortschritt. Es klingt nach dem Funktionieren eines Rechtsstaats, nach Aktenzeichen, nach Beweismitteln, nach dem ordentlichen Gang der Dinge. Wir indes tun gut daran, nicht allein auf das Wort „identifiziert" zu starren. Identifikation ist ein Prozess, kein Urteil. Die Frage ist nicht allein, ob die Polizei weiß, wen sie sucht. Die Frage ist, ob sie suchen darf, was sie sucht. Ob die Ermittlungen dort enden, wo es die parteipolitische Bequemlichkeit verlangt. Ob die Verdächtigen jene sind, die das Skript vorsieht — oder ob es jene sind, die das Skript nicht vorsieht.
Denn das System hat, in solchen Lagen, immer zwei Sorten von Tätern. Die eine Sorte darf gefunden werden, weil ihre Auffindung der Erzählung dient. Die andere Sorte bleibt im Nebel, weil ihre Auffindung die Erzählung zerstörte. Wir kennen dieses Muster. Wir haben es an Tischen gesehen, an denen Verträge unterschrieben wurden, die niemand einzuhalten gedachte, von Männern, die lächelnd logen und einem die Hand reichten, während die andere bereits nach dem Messer griff. Die Architektur ist dieselbe. Nur die Vorhänge sind andere.
Was bleibt, ist die Ungewissheit. Und sie ist nicht zufällig. Die offiziellen Meldungen sind vage genug, um mehrere Lesarten zuzulassen. Die AfD liest sie als Bestätigung ihrer Antifa-These. Die Gegner der AfD lesen sie als Beweis für die Radikalisierung der eigenen Anhängerschaft. Beide lesen, was sie lesen wollen. Die nüchterne, langweilige, aktenführende Wahrheit — sie bleibt, wie so oft, der größte Verlierer.
Wer profitiert von dieser Unschärfe? Immer die, denen Unklarheit nützt. Immer die, deren Narrative nicht durch Fakten belastet werden dürfen. Immer die, die den Täter benennen, bevor er gefasst ist, und damit den Ermittlern die Richtung vorgeben. Ob diese Richtung stimmt, wird sich zeigen. Ob sie zeigen wird, ist eine andere Frage — die eigentliche.
Erfurt ist nicht das Ende einer Geschichte. Es ist der Beginn einer Akte, deren nächste Seiten noch leer sind. Drei Namen stehen auf der ersten Seite. Was auf den folgenden steht, wird davon abhängen, wer sie füllt — die Ermittler, die Politik oder die Wahrheit. Die Erfahrung lehrt: Es wird die Wahrheit nicht sein. Die Erfahrung lehrt ebenso: Es lohnt sich, sie dennoch zu verlangen.
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