Die Schlupflöcher, durch die Kindheit verraten wird
Manche Versprechen sind gemacht, um gebrochen zu werden. Ich habe das in Genf gelernt, in Räumen mit schweren Vorhängen und leichteren Händen, wenn die Tinte noch feucht auf dem Papier war. Nun, da ich nicht mehr an Tischen sitze, an denen Geschichte verhandelt wird, sitze ich an diesem Schreibtisch und beobachte, wie Geschichte sich wiederholt — nur diesmal trägt sie den Namen einer anderen Macht, und die Verträge werden in Code geschrieben.
Kalifornien, der Staat, der sich selbst für die Zukunft hält, hat im Jahr 2014 ein Gesetz verabschiedet, das wie ein Schutzschild aussehen sollte. Es untersagte Technologieunternehmen, die Daten von Schülern zu verkaufen, sie in Werbung ins Visier zu nehmen oder ihre persönlichen Informationen preiszugeben. Vier Jahre später, 2018, kam ein weiteres Gesetz hinzu, das allen kalifornischen Nutzern bestimmte Datenschutzrechte einräumte — darunter das Recht, der Datenerhebung zu widersprechen und bestimmte Informationen löschen zu lassen. Man nannte es damals kühn. Man nannte es wegweisend.
Die Wahrheit, wie sie immer ist, liegt nicht in dem, was geschrieben steht, sondern in dem, was nicht geschrieben steht. Diese Gesetze, so berichtet es das Rechercheportal The Markup, inzwischen Teil von CalMatters, in einem Originalbericht vom 21. Februar 2026, enthalten Ausnahmen. Ausnahmen, durch die jene Unternehmen, denen die Gesetze etwas anhaben sollten, ihre Geschäfte fortsetzen können — das Verpacken und Verkaufen persönlicher Informationen von Minderjährigen, als wäre Kindheit eine Ware wie jede andere. Eine Schule verwaltet Noten, eine andere App verwaltet Sport, eine dritte die Gesundheitsakten, eine vierte beaufsichtigt Prüfungen. Für jeden Aspekt des Schülerlebens gibt es ein Unternehmen, das ihn digitalisieren möchte. Und fast jedes dieser Unternehmen findet einen Spalt im Paragraphen.
Wer profitiert? Die Frage stellt sich beinahe von selbst. Auf der einen Seite die California Labor Federation, die einen neuen Gesetzentwurf unterstützt; auf der anderen die California Chamber of Commerce, die ihn bekämpft. Dazwischen liegt eine Summe von beinahe acht Millionen Dollar, die diese beiden Gruppen im Jahr 2024 an kalifornische Gesetzgeber und in politische Aktivitäten flossen, dokumentiert in der CalMatters-Datenbank Digital Democracy. Acht Millionen Dollar. So viel wiegt in Sacramento ein Argument.
Der Gesetzentwurf trägt die nüchterne Nummer AB 1159. Er wird getragen von der Abgeordneten Dawn Addis, Demokratin aus San Luis Obispo. Er soll jene Schlupflöcher schließen, die das Gesetz von 2014 offen ließ, neue Schutzmaßnahmen für College-Studenten schaffen und einschränken, wie KI-Unternehmen Schülerdaten verwenden. Er kämpft, und Experten sagen bereits, dass er möglicherweise nicht ausreicht, um den Verkauf von Schülerdaten zuverlässig zu verhindern. Man schreibt Gesetze gegen Windmühlen, und die Windmühlen heißen diesmal TechNet — ein Handelsverband, der die mächtigsten Technologieunternehmen vertritt und den Entwurf ablehnt.
Die Mechanik ist bestechend in ihrer Kälte. Die Unternehmen müssen die Gesetze nicht offen brechen; sie müssen nur die Ausnahmen lesen, sie weit genug dehnen, bis das Verbot zur Empfehlung wird. Jen King, Stipendiatin für Datenschutz und Datenpolitik am Stanford-Institut für KI, erforscht genau diese Tricks — die sogenannten „Dark Patterns", mit denen Unternehmen Daten ihrer Nutzer sammeln und sie daran hindern, sich gegen die Erhebung zu entscheiden. Sie kennt das Handwerk aus der Nähe. Sie weiß, was es bedeutet, wenn Bequemlichkeit als Architektur verkleidet wird.
Währenddessen, und dies ist die zweite Schicht des Verrats, versucht die Trump-Administration, Daten über den Einwanderungsstatus, die Geschlechtsidentität und die Nutzung bestimmter öffentlicher Leistungen kalifornischer Einwohner zu sammeln. Die Schülerinnen und Schüler, deren Daten in den Ausnahmen der Gesetze treiben, sind dieselben Schülerinnen und Schüler, deren Profile für andere Hände interessant werden. Es ist, als würde man ein Inventar anlegen und gleichzeitig die Schlüssel zu seinem Lager verteilen.
Ich trage Handschuhe, auch wenn ich schreibe. Es ist eine Gewohnheit aus den Räumen, in denen Handschuhe mehr waren als ein Accessoire — ein Schutz gegen das, was auf dem Papier bleibt, wenn man es anfasst. Kaliforniens Datenschutzgesetze sind dieses Papier. Man fasst sie an und sieht die Abdrücke der Hände, die sie umgingen.
Dieser Bericht stützt sich auf eine einzige Quelle — den Originalbericht von The Markup vom 21. Februar 2026. Wo er Fakten liefert, folge ich ihm; wo er Fragen offenlässt, schreibe ich sie als offene Fragen auf. Denn das Wenige, das wir wissen, reicht bereits aus, um das Muster zu erkennen. Es gibt ein Gesetz, es gibt eine Ausnahme, es gibt einen Markt. Es gibt jene, die das Gesetz schärfen wollen, und jene, die für das Gegenteil bezahlen.
Die offene Frage, die am Ende bleibt, ist nicht, ob weitere Schlupflöcher gefunden werden — das ist gewiss. Die offene Frage ist, wer das nächste Kind ist, dessen Daten zwischen den Zeilen eines Gesetzes hindurchrutschen, während die Gesetzgeber in Sacramento noch die Reden halten. Die offene Frage ist, wessen Profil als Nächstes in einer Datenbank landet, die niemand kontrolliert. Und die Frage, die niemand zu stellen wagt, lautet: Wie lange noch tragen wir Handschuhe, wenn das, was wir schützen wollten, längst verkauft ist?
❖ Ende des Artikels ❖
