Börse 1937
Terminal Tribune

29. August 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

DIE 31 SCHATZAMTEN UND DER MANN, DER SIE ABSCHAFFEN WILL

29. August 2026 — — E. Wolff

Im August 2026 saß ich in der Bundesbank, Pfeife kalt, und hörte einem Mann zu, der eine Revolution versprach. Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, sprach von einer kopernikanischen Wende. Token, programmierbare Datenpakete, 24-Stunden-Finance, weniger Zwischenhändler. Eine schöne Architektur, durchgezeichnet wie ein Art-Deco-Foyer.

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Dann nannte er die Zahlen. Und da wurde es interessant.

Die EU hat 31 Wertpapierzentralverwahrer, 14 zentrale Gegenparteien, 323 Handelsplätze. Im Jahr 2023 wurden mehr als 95 Prozent aller Transaktionen — nach Volumen und Wert — zwischen Parteien abgewickelt, die im selben CSD saßen. Selbst innerhalb derselben Verwahrergruppe bewegen sich die Papiere kaum über Grenzen. Das ist keine Fragmentierung. Das ist ein Mauerwerk. Ein sehr gepflegtes, sehr europäisches Mauerwerk, mit Briefkasten in jedem Land.

Cipollone weiß das. Er hat es selbst aufgeschrieben. Und seine Antwort lautet: Pontes und Appia. Zwei Projekte der EZB, die diese Mauern einreißen sollen. Pontes verbindet CSDs über eine gemeinsame DLT-Plattform. Appia legt das Zentralbankgeld darüber — als Anker, als Schiedsrichter, als letzte Instanz.

Klingt elegant. Ist es auch. Nur: Wer soll hier eigentlich liefern?

Nehmen wir die Zahl 31. Einunddreißig CSDs. Jeder dieser Verwahrer ist ein kleines Königreich. Eigene Aufsicht, eigene Gebührenordnung, eigene IT, eigene Belegschaft, eigene Lobbyisten in Brüssel, eigene nationale Notenbank, die schützend die Hand darüberhält. Diese Kronen werden nicht freiwillig abgelegt, nur weil ein Direktoriumsmitglied in Frankfurt eine Keynote hält. Wer soll diese 31 Throne zusammenlegen — und vor allem: wer soll es bezahlen?

Dann die 14 CCPs. Das sind die Clearinghäuser, die zwischen Käufer und Verkäufer treten, damit niemand dem anderen trauen muss. Sie sind das eigentliche Machtzentrum — nicht die Handelsplätze, nicht die Verwahrer. Ihre Margening-Modelle, ihre Default-Waterfalls, ihre Zulassungsregime sind das, was den Markt tatsächlich am Laufen hält. Eine tokenisierte Welt, die ohne sie funktioniert, ist eine Sonntagsrede. Eine tokenisierte Welt, die mit ihnen funktioniert, konserviert deren Macht — nur mit neuem Datenformat und schönerem Logo.

Und dann 323 Handelsplätze. Dreihundertdreiundzwanzig. Da wird die Zahl zur Karikatur. Was soll Integration in einer Landschaft, die schon bei den Börsen keine Karte mehr hat?

Cipollone spricht von einer kopernikanischen Wende. Kopernikus hat die Erde aus dem Zentrum geschoben — und hatte ein Modell, das rechnete. Was Cipollone vorlegt, ist eine Absichtserklärung mit Roadmap. Die Roadmap heißt: Zentralbankgeld im Kern, programmierbare Assets drumherum, Interoperabilität als Pflicht. Wer diese Pflicht nicht erfüllt, fällt raus. So steht es implizit in jeder Zeile.

Die Frage, die niemand stellt: Wer definiert, was interoperabel ist? Wer schreibt die Standards? Wer kontrolliert die Gateways, durch die das Geld fließt?

In der Sprache der Banken heißt das Governance. In der Sprache der Straße: Wer zieht die Drähte?

In Cipollones Vision sind die großen Player — er nennt sie nicht beim Namen, aber jeder im Saal wusste, welche Wertpapierfirmen, welche Banken, welche CSD-Gruppen gemeint sind — gleichzeitig Risiko und Notwendigkeit. Ohne sie läuft nichts. Mit ihnen läuft vielleicht alles in eine Richtung, die in der Keynote nicht vorkommt.

Denn die Profitverteilung in dieser neuen Architektur ist das, was offen bleibt. Die Rede sagt: Integration, Effizienz, weniger Friktion. Die Rede sagt nicht: Wer kassiert die Margen, wenn die Token durch die Pipelines fließen? Wer hält die Schlüssel zu den Smart Contracts? Wer besitzt die Knoten?

Tokenisierung ist nicht neutral. Sie ist ein Datenformat mit Eigentumsrechten. Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert die Liquidität. Wer die Liquidität kontrolliert, kontrolliert den Preis. Wer den Preis kontrolliert, kontrolliert, was wir Markt nennen.

Ich habe 1929 gewusst, was kommt. Die Bilanzen waren falsch. Heute sind sie nicht falsch. Heute sind sie unvollständig. Es gibt keinen Eintrag dafür, wer profitiert, wenn das Netzwerk steht. Unklar bleibt, wer die Standards setzt. Unklar bleibt, welche der heutigen 31 Verwahrer in fünf Jahren noch existieren — und welche dann den Ton angeben. Unklar bleibt vor allem, ob die Gewinne dieser neuen Architektur bei jenen landen, die sie bezahlen, oder bei jenen, die sie bauen.

Die EZB legt die Schienen. Pontes ist eine Brücke zwischen Verwahrern. Appia ist eine Geldschicht oben drauf. Beides sind Infrastrukturprojekte. Sie beantworten die Frage des Wie. Sie beantworten nicht die Frage des Wem.

Was bleibt, ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. 31 CSDs, die nicht sterben werden. 14 CCPs, die nicht hören werden. 323 Handelsplätze, die niemand zählt, weil das Zählen wehtut. Ein Direktorium, das eine Revolution entwirft. Und eine Industrie, die sehr genau weiß, dass Revolutionen in Sonntagsreden beginnen und in Aufsichtsräten enden.

Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Draußen vor der Bundesbank summt der Verkehr. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne Token. Die Frage ist nur, wer in dieser neuen Welt das Sagen hat — und wer das Zahlen.

❖ Ende des Artikels ❖

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