Heißluft und kühle Server — wer profitiert vom Schweigen
Manche Karten zeichnen Land. Manche zeichnen Macht. Die interaktive Übersicht, die das Projekt Heiße Luft Ende August 2026 veröffentlicht hat, gehört zur zweiten Kategorie.
Was die Bundesregierung nicht tut — nämlich offenlegen, wo sie das Rückgrat der deutschen KI-Strategie in die Erde rammen lässt — haben AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und das Heiße-Luft-Kollektiv getan. Sie haben öffentlich einsehbare Quellen durchforstet: Pressemitteilungen der Betreiber, amtliche Veröffentlichungen, Berichte börsennotierter Unternehmen, die Preisentwicklungen auf dem Immobilienmarkt. Ergänzt durch ein anonymes Kontaktformular, über das Bürgerinnen und Bürger gesammelte Daten korrigieren und ergänzen konnten. Das Ergebnis ist eine Karte, die zeigt, wo Rechenzentren entstehen, wie weit der Bau vorangeschritten ist, wer sie betreibt und wer sie finanziert.
Dass diese Karte überhaupt notwendig ist, sagt alles über die Architektur des Verschweigens, in der wir leben. Die Regierung hat angekündigt, die Rechenkapazitäten bis 2030 zu verdoppeln und die Kapazitäten für KI-Anwendungen zu vervierfachen. Sie hat jedoch weder eine vollständige Übersicht über geplante Rechenzentren — noch, und hier wird es juristisch wie moralisch gleichermaßen interessant, weiß sie offenbar selbst, wie viel Wasser deren Ausbau verbrauchen wird. Man gießt das Fundament einer neuen Ökonomie und kennt nicht einmal den eigenen Wasserverbrauch. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist Strategie.
Denn ein Vorhaben, das man nicht kennt, kann man nicht behindern. Ein Standort, der nicht benannt wird, kann nicht zum Symbol lokaler Gegenwehr werden. Die Physikerin Tiziana von Witzleben, Mitgründerin des Heiße-Luft-Kollektivs, formuliert es mit der Kühle derjenigen, die Physik studiert haben: „Durch ihren enormen Strom- und Wasserverbrauch beeinflusst der massive Ausbau von Rechenzentren viele Menschen in Deutschland direkt. Indirekt trifft er uns alle: Die rasant steigende Zahl von Rechenzentren treibt den Einsatz fossiler Energie nach oben und befeuert damit die Klimakatastrophe." In diesem Sommer, fügt sie hinzu, haben mehrere Landkreise Frischwasser rationiert. Die Karte zeigt deshalb nicht nur Standorte, sondern auch, wo sich Protest regt.
Die Frage, die wir stellen müssen, ist nicht primär, ob Rechenzentren gebaut werden. Sie ist, warum gerade dort — in welcher Konstellation, mit welcher Vorab-Genehmigung, und vor allem: wem nützt der Nebel. Die Verteilung neuer Kapazitäten folgt keiner transparenten Logik. Sie folgt dem, was ich die Geografie des schnellen Geldes nenne: Land, das günstig ist, Auflagen, die weich sind, Gemeinden, die nach Investitionen hungern. Dummerstorf bei Rostock, in den zugänglichen Belegen als Standort eines neuen Milliarden-Rechenzentrums benannt, das langfristig Wärme für die Region liefern soll, ist ein Beispiel für diese Logik — die Cloud nimmt die Peripherie in Beschlag, versorgt wird sie mit Wärme, nicht mit Wasser.
Die Dezentralisierung des Datenstroms, die hier betrieben wird, ist keine technische Notwendigkeit. Sie ist eine politische. Wer seine Server über das Land verteilt, verteilt auch die Erschließung, die Subventionen, die Bürgermeister, die froh sind, dass überhaupt jemand kommt. Und wer die Information über diese Verteilung zentral zurückhält, behält die Definitionsmacht darüber, was als „unabdingbar" zu gelten hat. Welche Akteure hinter den jeweiligen Standortentscheidungen stehen — ob Hyperscaler, ob deutsche Mittelständler, ob intransparente Konsortien — bleibt auf der bisherigen Faktenlage unklar; die Karte liefert Hinweise, sie liefert noch keine Namen und Motive.
Unklar bleibt auch, warum ein demokratischer Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger zur Teilhabe an einer KI-Strategie auffordert, ihnen gleichzeitig die elementarste Information verweigert: die, wo diese Strategie physisch Wurzeln schlägt. Was bleibt, ist ein Schwarzweißstrich auf dunklem Grund — eine Karte, die kein Kabinett so gezeichnet hätte, gezeichnet von Menschen, die mit Handschuhen aus Kunststoff und ohne Mandat einer Regierung arbeiten, die ihres schlicht nicht nutzt. Noir, aber wahr: Die Bundesregierung baut das Rückgrat der künftigen Wirtschaft an der Öffentlichkeit vorbei. Dass diese Öffentlichkeit nun selbst kartografiert, werte ich nicht als Störung der Ordnung. Ich werte es als Beginn einer Korrektur.
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