Die siebzehn Felder, die niemand besitzen darf
In Houston weiß man, wie man Zahlen zu Geschichten schmiedet. Washington weiß, wie man sie zu Gesetzen macht. Caracas weiß vor allem, daß die Reihenfolge wichtig ist: erst die Entführung eines Präsidenten im Januar, dann eine Übergangsregierung aus den Köpfen desselben Regimes, dann — jetzt — ein Deal über die größten Erdölreserven der Welt. 303 Milliarden Barrel stehen im Boden Venezuelas. Saudi-Arabien hält 268, der Iran 208. Diese Zahl hat noch nie jemanden arm gemacht. Sie ist ein Versprechen. Jetzt soll sie eingelöst werden.
Reuters meldet am Donnerstag, was das Wall Street Journal tags darauf mit Volumina unterlegt: 90 Milliarden Barrel, fast ein Drittel der nationalen Reserven. Siebzehn Felder, zwischen Orinoco-Gürtel und Maracaibo-See aufgeteilt — grüne, unerschlossene, und reife, in denen seit Jahrzehnten gepumpt wird. In einigen dieser reifen Felder sitzt heute eine kleine chinesische Firma, deren Vertrag noch aus der Maduro-Ära stammt. Der Vertrag soll offenbar weg.
Die Quelle, die Reuters zitiert, sagt: "Dies ist real und wird auf höchster Ebene diskutiert." Eine andere Quelle sagt, das juristische Modell sei eine "Lease" — eine Pacht. Bloomberg legt nach: eine Pacht über hundert Jahre. Axios nennt den Deal ein "legacy-defining moment" für Trump. Ein anonymer US-Beamter, wie Axios schreibt: "Groß wäre eine Untertreibung. Es ist massiv."
Man muß diese Sätze langsam lesen. Sie sagen nicht, was sie zu sagen vorgeben. Sie sagen: Wir nehmen es. Und sie sagen es in einem Ton, der das Nicken schon voraussetzt, bevor die Frage gestellt wird. Denn die Frage wird nicht gestellt. Sie ist verfassungsrechtlich tabu. Das aktuelle Kohlenwasserstoff-Gesetz Venezuelas kennt keine Acreage-Leases für Ölgebiete — die Verfassung behält die Kerntätigkeit der Industrie dem Staat vor. Was die jüngst reformierte Gesetzgebung erlaubt, sind Joint Ventures und Production-Sharing-Verträge. Eine Lease über hundert Jahre ist beides nicht. Sie ist eine andere Sprache — die Sprache der texanischen Landnahme, der Homestead-Acts, der Eisenbahnen, die 1865 quer durch das Land gelegt wurden, unter dem Versprechen, das Land gehöre niemandem, also gehöre es dem, der es urbar macht.
Wer hat das venezolanische Öl "urbar" gemacht? Die Bohrtürme stehen seit den zwanziger Jahren. Die mexikanische Ölarbeitergewerkschaft hat 1938 gegen die ausländischen Konzerne gestreikt. Oder ist das Land herrenloses Niemandsland, das auf den weißen Pflug des amerikanischen Kapitals wartet?
Die Übergangsregierung in Caracas sagt keinen Ton. Ölministerin Paula Henao war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. PDVSA, der Staatskonzern, schwieg. Das Weiße Haus verwies an das Energieministerium, das ebenfalls schwieg. Die Stille ist lauter als jede Pressekonferenz. Sie sagt: Wir reden nicht über Verträge, die noch nicht unterschrieben sind. Sie sagt auch: Wir reden nicht über Verträge, die sich nicht verteidigen lassen.
Was sich verteidigen läßt, ist die interimistische Regierung selbst. Präsidentin Delcy Rodríguez war Maduros Vizepräsidentin und Ölministerin. Innenminister Diosdado Cabello trägt ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf seinem Kopf — ausgesetzt von den Vereinigten Staaten wegen angeblichen Drogenhandels. Er sitzt weiter im Amt. María Corina Machado, die mutmaßliche Wahlsiegerin von 2024, ist im Exil. Die echte Opposition schweigt — oder wird gehört, aber nicht gehört.
Die Opposition, die nicht schweigt, spricht eine deutliche Sprache. Ein namentlich nicht genanntes Oppositionsmitglied zum Guardian: "Es ist ein Land-Grab. Ein massiver Land-Grab." Weiter: "Das ist nicht die Vereinigten Staaten, die man erwartet hätte. Das sind räuberische, mafiotische Vereinigte Staaten." Die Vokabeln, die jetzt fallen — prädatorisch, verfassungswidrig — fallen auf beiden Seiten der venezolanischen Innenpolitik. Auch jene, die Maduro treu waren, können nicht übersehen, daß "ihr" Öl gegen einen Handschlag veräußert werden soll, dessen juristisches Kleid noch nicht einmal geschneidert ist.
Caracas erwägt den Austritt aus der OPEC, meldet Bloomberg. Venezuela war 1960 Gründungsmitglied. Es hat seine Quoten seit Jahren nicht erfüllt — wegen Vernachlässigung und Korrosion der staatlichen Industrie. Aber jetzt, da es näher an Washington rückt, will es auch formal aus dem Kartell der Förderländer austreten. Es ist der gleiche Mechanismus wie 1973 in umgekehrter Richtung: Damals nutzte Washington Riad, um Moskau zu ärgern. Heute nutzt Washington Caracas, um Riad zu ärgern.
Die Liste von siebzehn Feldern ist der Hebel. Wer sie kontrolliert, kontrolliert die Weltmarktpreise der nächsten Jahrzehnte. Wer sie kontrolliert, hat ein Druckmittel gegen jeden anderen Schuldnerstaat in Lateinamerika. Wer sie kontrolliert, hat ein Druckmittel gegen Peking — denn die kleine chinesische Firma, die noch in Maracaibo bohrt, ist kein chinesischer Bauer auf eigenem Acker. Sie ist Stellvertreter eines Staates, der gerade aus seiner zweiten Hemisphäre verdrängt wird.
Energieminister Chris Wright will in der kommenden Woche nach Caracas reisen. Wright ist ein Mann der Ölindustrie — ehemaliger Chef von Liberty Oil, einer Fracking-Firma. Sein Lebenslauf ist die Biographie dieser Übernahme: ein Mann, der aus dem Fels das Gas holt und nun beauftragt wird, aus einem Staat das Öl zu holen.
Was bleibt offen? Wer den Vertrag auf amerikanischer Seite unterschreibt — die Regierung oder ein Konsortium. Welche Firmen zum Zuge kommen. Ob die Lease-Klausel vor dem Obersten Gerichtshof Venezuelas Bestand hätte. Ob die Fristen — hundert Jahre — in einer einzigen Legislaturperiode abgesichert werden können. Ob die Einnahmen in Caracas ankommen oder in Houston. Ob der nächste amerikanische Präsident diesen Vertrag kippt, wie Roosevelt in den dreißiger Jahren die Goldklausel.
Soviel ist sicher: 90 Milliarden Barrel verschwinden nicht in einer Pressekonferenz. Sie verschwinden in Prospekten, in Verträgen, in den Tresoren von Kanzleien, die in London, Houston und Dubai ihre Briefkastenfirmen verwalten. Sie verschwinden langsam. Wie der Rauch aus einer Pfeife.
❖ Ende des Artikels ❖
