Neue Unabhängigkeit, altes Kapital
Sie nennen sie SmashCos. Der Name klingt nach Bruch, nach Rebellion, nach einem frischen Atemzug in einer Branche, die seit Jahrzehnten nach Petroleum und Politik riecht. Die Wahrheit ist nüchtern. Die neuen „unabhängigen" Öl- und Gasproduzenten sind Joint Ventures europäischer Energie-Majors. Die Väter sitzen in Den Haag, in Stavanger, in London. Die Kinder tragen aus, was die Väter planen.
Shell und Equinor haben den Anfang gemacht. Im Dezember 2024 kündigten sie eine 50/50-Joint-Venture an, die ihre britischen Öl- und Gasassets verschmilzt — „the largest independent oil and gas producer in the U.K.", wie das Bulletin sich rühmt. Unabhängig. Das Wort steht gedruckt, mit Punkt. Wer die Bilanzen liest, sieht zwei Stränge, die in dieselbe Richtung ziehen, kontrolliert von denselben Aktionären, gesteuert von denselben Vorständen — nur verteilt auf zwei juristische Häuser. Das ist keine Unabhängigkeit. Das ist Architektur.
Die Architektur folgt einem simplen Kalkül. Eine „unabhängige" Firma verwässert nicht die Konzernkennzahlen der Mutter. Sie taucht nicht in deren Bilanz auf, kann separat finanziert werden, mit eigenem Debt, eigenen Krediten, eigenen Risiken. Fällt der Ölpreis, zittert die SmashCo. Läuft ein Bohrloch leer, trägt sie die Abschreibung. Die Mutter kassiert weiter — über ihren Anteil am Gewinn der neuen Firma und über den Marktzugang, den die SmashCo ihr öffnet. Die Majors externalisieren das Risiko. Sie behalten die Kontrolle. Der Trick ist so alt wie die Treuhand.
Die Zahlen, die diesen Trick einrahmen, stammen aus einem Jahr ohnegleichen. 2022 erreichte die globale Öl- und Gasindustrie einen Nettogewinn von vier Billionen US-Dollar — ein Rekord, angetrieben von den Folgen der russischen Invasion in der Ukraine, von höheren Treibstoffpreisen, gesunkenen Schuldenständen und Milliardenabschreibungen für aufgegebene Russlandprojekte. Vier Billionen. Vier Millionen Millionen. Soviel existiert für die meisten Menschen nicht einmal als Vorstellung.
ExxonMobil ist, gemessen an der Marktkapitalisierung, der größte mehrheitlich investorengeführte Öl- und Gaskonzern der Welt. Die Krone des Kapitals, in Dollars gerechnet. Wer auf diesem Thron sitzt, diktiert die Spielregeln — auch denen, die gerade so tun, als seien sie ausgestiegen. Wenn die SmashCos die „neuen Unabhängigen" sind, dann ist ExxonMobil der Maßstab, an dem sie gemessen werden. Sie werden kleiner sein, kapitalschwächer, abhängiger — von genau den Häusern, die sie angeblich verlassen haben.
Wer profitiert? Die Aktionäre der Majors. Sie erhalten ein Vehikel, das wie ein Marktteilnehmer wirkt, aber eines ist, das das Risiko schluckt, das sonst die Konzernbilanz belastet hätte. Wer verliert? Das bleibt die offene Frage — die Belegschaften, deren Tarifverträge sich in Holdingstrukturen erfahrungsgemäß rascher aushöhlen lassen; die Förderregionen, deren Steuereinnahmen jetzt durch eine Konstruktion fließen, die politisch leichter zu beeinflussen ist; die kleinen Wettbewerber, die weiterhin den vollen Risikoaufschlag zahlen, den die SmashCos elegant verteilen.
Die Library of Congress führt eine Datenbank, die Startups, Investoren und Inkubatoren katalogisiert — und sie schließt ausdrücklich „major and supermajor companies" ein. Die Ironie dieser Liste: Die Majors sind keine Startups. Sie sind Sauriere. Aber sie reden in der Sprache der Startups, weil diese Sprache Aufmerksamkeit erzeugt, Kapital anzieht, regulatorisches Wohlwollen erschleicht. SmashCo ist kein Unternehmen. SmashCo ist ein Stilmittel.
Die europäischen Energie-Majors verschieben den Schwerpunkt zurück zu Öl und Gas. Das ist keine Laune der Konjunktur. Das ist Strategie. Die SmashCos sind das Vehikel: scheinbare Unabhängigkeit, volle Konzernkontrolle, sauberes Risikoprofil für die Mütter.
Und so stehen die offenen Fragen im Raum. Wenn die SmashCos rechtlich selbständig sind, wirtschaftlich aber vollständig von ihren Müttern abhängen — wer kontrolliert dann am Ende die Bohrlöcher, wer die Pipelines, wer die politischen Beziehungen in Westminster und Brüssel? Und wer trägt die Kosten, wenn die nächste Krise kommt? Die Konzernzentrale, so viel lässt sich aus der Struktur ablesen. Sie steht nur weiter weg, hinter einer Fassade, die niemand durchschauen soll. Unabhängigkeit ist eine Holding-Struktur. Die Majors haben das Rad nicht neu erfunden. Sie haben es poliert und unter neuem Namen verkauft.
Vier Billionen Dollar Gewinn in einem einzigen Jahr. Ein Joint Venture hier, eine neue Holding dort. ExxonMobil als Krone. Die Struktur folgt dem Geld, nicht der Moral. Wer das vergisst, hat den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen — oder will ihn nicht sehen.
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