Das Spiel hinter dem Vorhang: Was Blumes Sparkurs wirklich bedeutet
Es gibt Sätze, die klingen wie Verträge, und es gibt Sätze, die sind Verträge. Wenn Oliver Blume vor die Belegschaft tritt — am Dienstag in Wolfsburg, dann weiter durch die Werke, die er nicht schließen will und vielleicht doch schließen muss —, dann spricht ein Mann, der weiß, dass jedes Wort, das er jetzt sagt, in den kommenden Monaten gegen ihn verwendet werden wird. Er weiß das. Er spricht trotzdem.
Man muss sich das Bild merken: ein Vorstandschef, der seinen Leuten „düstere Zeiten" ankündigt, während er selbst die Hände in den Taschen seiner Maßanzüge vergräbt. Es ist das alte Theater der Macht. Auf der Bühne steht der Kapitän und versichert, das Schiff sei noch zu retten. Hinter dem Vorhang werden bereits die Rettungsboote verteilt — an die, die sie sich leisten können.
Die Fakten sind nüchtern und kalt: Volkswagen plant massive Kostensenkungen, prüft Werksschließungen, will ein Viertel seiner Managementstellen abbauen, zehn Prozent der Gehälter kürzen, die gesamte Kostenstruktur um ein Fünftel nach unten pressen. Das ist nicht mehr Sparkurs, das ist Aderlass. Und doch — und hier beginnt die eigentliche Geschichte — erzählt man uns diesen Aderlass als „Sanierung". Als ob Blutvergießen Heilung wäre.
Dass der Konzern in Schwierigkeiten steckt, ist keine Neuigkeit. Dass die chinesische Konkurrenz den europäischen Markt flutet, dass die Elektrowende verschlafen wurde, dass der Aktienkurs so tief liegt wie seit zehn Jahren nicht — all das ist bekannt, dokumentiert, besprochen. Interessant wird es erst dort, wo die offiziellen Erzählungen aufhören und die Mechanik der Macht beginnt.
Denn was Blume ankündigt, ist kein Kostensparprogramm. Es ist ein Machtspiel im Verborgenen, ein Verhandlungsangebot an die Adresse derer, die wirklich mitentscheiden: die Landesregierung in Hannover. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hat sich bereits positioniert. „Werksschließungen sind keine Zukunftsstrategie für Volkswagen", teilte er nach der Aufsichtsratssitzung mit. Man muss diesen Satz lesen, wie man Verträge liest, die nie eingehalten werden — mit dem Blick für das, was zwischen den Zeilen verhandelt wird. Lies sagt nicht: Es wird keine Schließungen geben. Er sagt: Sie sind keine Strategie. Das ist der Unterschied zwischen einem Versprechen und einer Verhandlungsposition.
Und hier liegt das Paradox, das in keiner Pressekonferenz zur Sprache kommen wird: Blume kündigt einen massiven Stellenabbau in Deutschland an, während die Landesregierung, die das Land mittragen muss, sich entgegenkommend querstellt. Radikale Forderungen provozieren politische Widerstände — das ist nicht überraschend, das ist die Grammatik der deutschen Industriepolitik. Überraschend ist nur, dass alle so tun, als hätten sie das nicht kommen sehen.
Was bleibt, ist das Schweigen über die Werke. Emden. Zwickau. Hannover. Neckarsulm. Diese Namen stehen in keiner Blume-Rede, sie stehen in keiner offiziellen Mitteilung. Sie stehen im Wartezustand. Die Beschäftigten dort wissen: Sie sind die Variable in einer Gleichung, die andere aufgestellt haben. Die Belegschaft — das sind nicht Zahlen in einer Bilanz, das sind Menschen, die jeden Morgen zur Schicht gehen und nicht wissen, ob ihr Werk morgen noch existiert. Der Betriebsrat spricht von einer „Vertrauenskrise". Das ist das Wort, das Männer benutzen, wenn sie nicht sagen wollen, dass sie belogen werden.
Blume wird sich dieser Tage der Belegschaft stellen. In Wolfsburg. In Hannover. In Emden. In Zwickau. Er wird sprechen, wie Vorstandschefs sprechen — in Sätzen, die sich wie Netze zusammenziehen. Er wird sagen, dass die Lage „mehr als kritisch" sei. Er wird sagen, dass Opfer notwendig seien. Er wird nicht sagen, wer die Opfer sein werden. Nicht sagen, welches Werk. Nicht sagen, welcher Mitarbeiter. Nicht sagen, welcher Zulieferer in welcher Kleinstadt pleitegehen wird, wenn der große Bruder in Wolfsburg niemanden mehr beliefert.
Während die deutsche Industrie in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten steht, während zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, während ganze Regionen um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, beschäftigt sich die Bundespolitik mit der Frage, ob alkoholfreie Biergetränke mit der Zuckersteuer belegt werden sollen. Lars Klingbeil, der Vizekanzler, hat genau diesen Vorschlag gemacht. Man muss sich das vorstellen: nicht die Rettung der Schlüsselindustrie, nicht die Zukunft der Elektromobilität, nicht die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands — nein, die Besteuerung von Malzbier. Das ist nicht Politik. Das ist Ablenkung. Das ist das Programm, das läuft, während das eigentliche Programm hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.
In diese Stimmung hinein platzte eine andere Nachricht, die kaum einer beachtete: Der Interimschef von Gerresheimer verlässt das Unternehmen. Ein weiterer Capitano, der das sinkende Schiff rechtzeitig verlässt. Es ist das Muster unserer Zeit: Die, die Verantwortung tragen, gehen. Die, die bleiben, zahlen.
Die Opfer, liebe Leser, sind nicht die Zahlen in den Bilanzen. Die Opfer sind die Belegschaft. Die Arbeiter in Emden, die noch nie in ihrem Leben so viel über Strategievorlagen und Quartalsberichte nachgedacht haben wie in diesen Wochen. Die Ingenieure in Zwickau, die wissen, dass ihre Zukunft von einem Aufsichtsrat abhängt, den sie nicht gewählt haben. Die Mechaniker in Hannover, die jeden Tag aufs Neue beweisen müssen, dass ihr Werk es wert ist, erhalten zu werden — nicht durch Qualität, sondern durch das Wohlwollen von Menschen, die sie nie getroffen haben.
Wenn Blume an diesem Dienstag in Wolfsburg vor seine Leute tritt, wird er nicht nur sprechen. Er wird ein Versprechen geben. Und ich sage Ihnen: Es wird ein Versprechen sein, das so klingt, als wäre es eines. Mehr nicht.
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