Im Westbalkan schlägt die Stunde der geliehenen Abhängigkeit
Wer den Westbalkan beherrscht, wird selten gefragt, wenn die Kamera bereits auf die neue Straße gerichtet ist. In Serbien wurde der von China mitfinanzierte und gebaute Lajkovac–Valjevo-Expressway feierlich eröffnet, und während die Bänder fielen, tat die Europäische Union, was sie in unbequemen Lagen am zuverlässigsten tut: Sie sprach von Regeln, Werten und einer gemeinsamen Zukunft. Doch Chinas wachsende Einflussnahme im Westbalkan stellt die bislang dominante Rolle der EU in der Region zunehmend infrage.
Hinter der Bühne ist die Beziehung zwischen Brüssel und Peking so angespannt wie selten zuvor in den fünfzig Jahren diplomatischer Beziehungen. Beide Seiten sind voneinander abhängig, spielen aber nicht mit gleichen Karten. Die EU-Kommission nannte das 2019 „systemische Rivalität“; seither ist dieser Wettstreit auch in den EU-Beitrittskandidaten des Westbalkans sichtbar geworden. Russlands Angriff auf die Ukraine verschärfte die Lage, lähmte die einstige Erweiterungsdynamik und zwang Europa, seine politische und wirtschaftliche Verwundbarkeit neu zu bewerten.
Beim EU-China-Gipfel im Juli 2025 lagen die Zerrissenheiten offen auf dem Tisch. Nur wenige Tage zuvor hatten die 27 Mitgliedstaaten ihr 18. Sanktionspaket gegen Russland beschlossen, das auch chinesische Unternehmen traf, weil sie Russland angeblich direkt oder indirekt unterstützt hatten. Peking drohte mit Gegenmaßnahmen, Chinas Außenminister ließ ausrichten, sein Land habe kein Interesse daran, dass Russland den Krieg in der Ukraine verliere. Der Gipfel, auf dem über Handel und Klimapolitik gesprochen wurde, brachte kaum Ergebnisse.
Der Vorwurf sitzt tiefer, als die protokollarische Höflichkeit erkennen ließ. Chinas Exporte nach Russland, darunter Maschinen, Chips, Dual-Use-Güter und Rohstoffe, haben sich seit 2022 gut verdoppelt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, China ermögliche „de facto Russlands Kriegswirtschaft“; die beharrliche Unterstützung Pekings führe zu mehr Instabilität und Unsicherheit in Europa. Damit meinte sie auch die Lage in so gut wie allen Erweiterungskandidaten des Westbalkans.
China baut seine Macht allerdings nicht nur über Diplomatie und Drohungen aus. Das Land hat sich vom Empfänger ausländischer Direktinvestitionen zum globalen Investor entwickelt, besonders bei Greenfield-Projekten im Ausland: Neue Fabriken, Lagerhallen, Batterieanlagen und Energieprojekte entstehen, wo chinesische Unternehmen gestern noch nicht als Eigentümer auftraten. Im Westbalkan konzentrieren sich die Investitionen auf Elektronik, Batterietechnik, Elektrofahrzeuge, erneuerbare Energien und digitale Infrastruktur – also auf jene Schlüsselbereiche, die den grünen und digitalen Wandel bestimmen.
Auch in Europa verfolgt China eine Strategie des langen Atems. Die Übernahme von Syngenta durch ChemChina und von Kuka durch Midea zeigen das Interesse an fortschrittlichen Technologien und deren Einfluss auf europäische Politik. Chinesische Investitionen in Europa sind stark gestiegen, mit einem deutlichen Fokus auf Forschung, Entwicklung und geistiges Eigentum.
Die EU reagiert – oder besser: Sie reagiert in mehreren Geschwindigkeiten. Interne Differenzen über den Umgang mit China schwächen ihre Politik, während die Sorge vor wirtschaftlicher Abhängigkeit wächst und härtere Handelsmaßnahmen erwogen werden. Unklar bleibt, wer im Westbalkan langfristig den Takt vorgibt. Klar ist nur: Die Einflussnahme Chinas fordert die dominante Rolle der EU heraus, und Europa sollte endlich aufhören, jede gelieferte Straße für eine gemeinsame Zukunft zu halten.
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