Wo das Licht der City endet, beginnt der Schatten der Fonds
Hundert Milliarden Dollar – das ist die Größenordnung, mit der Londoner Unternehmen in diesem Jahr von den Kurszetteln gestrichen wurden. Bloomberg zählt bis Ende August fast 110 Milliarden. Die Handelskammer rechnet noch nach. Ich rechne nicht mehr mit. Ich habe einmal gewarnt, dasselbe Muster, ein anderes Jahrzehnt. Es hat nichts genutzt. Also schreibe ich weiter.
Bodycote, FTSE 250, seit 1972 an der Londoner Börse, ansässig in Macclesfield, der weltweit größte Dienstleister für Wärmebehandlung von Metallen – jetzt 1,84 Milliarden Pfund an Veritas Capital, eine US-amerikanische Private-Equity-Gruppe. 940 Pence pro Aktie, 932,8 Pence in bar, dazu eine Zwischendividende von 7,2 Pence. Das sind 34,5 Prozent Aufschlag auf den Kurs, bevor im Mai überhaupt die Bieter die Türen öffneten. CVC, der Amsterdamer Rivale, hat das Nachsehen. Veritas sagt, was Veritas immer sagt: Die Zukunft des Unternehmens werde im Privatbesitz besser bedient. "Erhöhte Flexibilität", "langfristige Perspektive", "gezieltes organisches und anorganisches Wachstum". Wer den Jargon der Übernahmefonds übersetzt, liest: Niemand soll mehr nachsehen.
Gamma Communications, der Telekommunikationsanbieter, wechselt für 1,08 Milliarden Pfund an Epiris, einen britischen Aufkäufer. 1120 Pence je Aktie, ein Aufschlag von 53 Prozent auf den Kurs, als das Interesse seit Monaten durch die Zeitungen geisterte. Waterland aus den Niederlanden war im Rennen. Providence und Oakley Capital schauten zu. Man munkelt, Waterland habe Gamma übernehmen und einen Brocken an Giacom weiterreichen wollen – einen Telekommunikationsanbieter mit Matthew Riley als Vorsitzendem, finanziert von Inflexion, einem weiteren Private-Equity-Haus. Stattdessen übernahm Epiris das ganze Stück. Die Begründung: "private company environment", "zusätzliche Flexibilität". Das Wort "privat" bedeutet hier: Eure Bücher gehören uns.
Capricorn Energy, Schottland, achtunddreißig Jahre im FTSE All-Share, geht für 396 Millionen Dollar an DNO, den norwegischen Rivalen. Capricorn hatte Genel Energy empfohlen. Dann kam DNO mit mehr Geld. Empfehlung gewechselt. So schnell wechselt Empfehlung, wenn der Preis stimmt.
Drei Firmen, drei Preisschilder, dieselbe Handschrift. Die Handschrift derer, die kaufen, was nicht mehr wegläuft.
Wer bedient hier wen? Die Frage wird in London jeden Morgen lauter gestellt und jeden Tag leiser beantwortet. Die gelisteten Firmen – das sind die Verlierer, von denen die Schlagzeilen nicht sprechen. Sie verschwinden nicht einfach. Sie werden aus dem Licht gezogen, in dem Aktionäre, Aufsicht, Presse und Konkurrenz sie sehen konnten. Sie treten über in jene Grauzone, in der Quartalsberichte nicht mehr öffentlich werden müssen, in der Schuldenlasten in Bilanzen verschwinden, die niemand mehr prüft, in der Geschäftsführer von Fondsmanagern bestimmt werden, die niemand wählt.
Die City verliert ihre Substanz. Nicht an einem Tag, nicht in einer Krise – sondern in einer Kette ruhiger, juristisch einwandfreier Transaktionen, die zusammen eine Richtung ergeben: weg vom öffentlichen Blick, hinein in den privaten Schatten.
Warum jetzt? Die Antwort liegt nicht in London. Sie liegt in Washington, in den Fondsstrukturen amerikanischer Private-Equity-Häuser, in der Logik eines Kapitals, das längst nicht mehr auf den offenen Markt angewiesen ist, um zu wachsen. Veritas Capital verwaltet Milliarden. Es braucht keinen Börsengang. Es braucht keine Analysten. Es braucht keine Stimmrechtsbekanntmachungen. Es braucht nur eines: ein Unternehmen, das operativ funktioniert und dessen Schulden es später verbriefen, strukturieren, weiterverkaufen kann.
Die Schwäche des britischen Marktes ist nicht neu. Sie ist ein Erbe: zu viel Listing-Stolz, zu wenig Schutz, zu lange geglaubt, dass der Status als börsennotiertes Unternehmen ein Wert an sich sei. Heute ist er ein Preisschild. Wer ein britisches Unternehmen kaufen will, weiß: Die Aufsicht ist nachsichtig, die Prämien müssen nicht üppig sein, um die Boards zu überzeugen, und der Marktdruck nach enttäuschenden Quartalen liefert die Begründung gleich mit.
Bodycote ist ein FTSE-250-Unternehmen. Es ist nicht irgendein Randspiel der Börse. Es ist die industrielle Mitte Englands. Wenn die industrielle Mitte zum Akquisitionsobjekt wird, ist die City nicht mehr Markt – dann ist sie Ramsch.
CVC, der Amsterdamer Rivale, hat angedeutet, man "prüfe seine Position". Das ist das höfliche Geräusch eines Fonds, der die Schlacht verloren hat und nach dem nächsten Opfer Ausschau hält. Die nächste Akte wird nicht lange auf sich warten lassen.
Hundert Milliarden Dollar, und das in neun Monaten. Die Zahlen sind diesmal keine Waffe der Märkte. Sie sind das Eingeständnis eines Marktes, der sich selbst nicht mehr verteidigt. Wer noch an der Seitenlinie steht und zusieht, sollte wissen: Es klopft nicht mehr an der Tür. Es klopft am Fundament.
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