Glyphosat: Die Grenze wird hundertfach verschoben
Das Bundesamt für Umwelt will die Obergrenze für Glyphosat auf 10 Mikrogramm pro Liter Wasser anheben. Heute gelten 0,1 Mikrogramm. Das ist das Hundertfache. Aus Vorsorge wird Duldung. Der leere Teller beginnt auf dem Feld, nicht im Supermarkt.
Der Bund begründet die neuen Werte wissenschaftlich und mit internationalen Standards. Künftig soll jeder Wirkstoff einen eigenen Grenzwert erhalten; kurzfristige und langfristige Gewässerbelastungen werden getrennt betrachtet. GLP, SP, Umweltschützer und der Bauernverband kritisieren die Änderung. Der Bauernverband nennt saubere Gewässer eine Errungenschaft, zu der auch die Bauern beitragen müssten.
Auf bürgerlicher Seite gibt es Zustimmung. FDP und SVP sehen bei sauberer wissenschaftlicher Abklärung kein Problem. SVP-Nationalrat Werner Salzmann hält Hilfsstoffe für richtig, die Qualität und Quantität der Produkte erhöhen. Die Zahl ist nüchtern, die Folgen sind es nicht. Wer von der Erhöhung profitiert, bleibt unklar.
Die EU-Kommission verlängerte die Zulassung von Glyphosat bis Ende 2023, obwohl negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt bekannt sind. Das Totalherbizid tötet Pflanzen und treibt resistente „Super-Unkräuter“ hervor. Deutschland setzt im EU-Vergleich besonders viele Herbizide ein. Der hohe Einsatz hat dort zu dramatischem Insektenschwund geführt: Schwebfliegen liegen bei zehn Prozent ihres Bestands von Anfang der 1980er-Jahre; das Rebhuhn ist lokal ausgestorben, die Feldlerche stark bedroht.
Unklar bleibt, wie ein solcher Wert Schutz sein soll. Druck lastet auf der Landwirtschaftsministerin: Sie soll eine Initiative zum Schutz der Bienen unterstützen. Das Umweltministerium plant den Ausstieg aus Glyphosat bis Ende 2023, mit Verboten in sensiblen Gebieten und der Schaffung pestizidfreier Lebensräume. Zwei Wege liegen da: erhöhen oder aussteigen. Was bleibt, ist das Wasser, das keinen Papierkrieg kennt.
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