Die Zeche des Versagens
Man nennt es Krise, man nennt es Korrektur, man nennt es — und hier wird es interessant — eine Frage des „government funding". So formuliert es jenes Blatt, das einst das Mantelbild des Neoliberalismus trug wie andere das Konfekt zum Tee. Heute, da die Mauern dieses Gebäudes Risse zeigen, schreibt die Financial Times, der Patient leide an einer Erkältung, nicht an der Krankheit, die ihn seit Jahrzehnten befällt. Die wahre Ursache, notiert ein Beobachter auf Tax Research UK im September 2026, sei nicht ein budgetärer Engpass, sondern ein systemisches Scheitern. Es ist, als würde man den Leichnam obduzieren und als Todesursache mitteilen: schlechte Luft im Krankenzimmer.
Die Ironie ist delikat. Jenes Blatt, das regelmäßig eine Kolumne namens „Rich People's Problems" druckt, das eine glänzende Beilage „How to Spend It" nennt und in dem Männer zitiert werden, die ihr Vermögen in Umschlägen ohne ihren Namen verschicken, hat den Neoliberalismus, sein eigenes Lebenselixier, angeblich aufgegeben. Man verzeihe das Wortspiel: die Zeitung hat sich selbst überlebt. Sie weiß es nur noch nicht — oder sie weiß es und schreibt trotzdem weiter, als wäre nichts geschehen.
Was aber geschieht in dem Moment, in dem die Ideologie ihrer Träger ermüdet? Die Antwort kennen wir aus jedem guten Drama und aus jeder schlechten Bilanz: die Kosten wandern nach unten. Die Banken, die mit Fremdkapital Türme bauten, die niemand mehr öffnen kann, werden — wir wissen es, weil die Geschichte sich nicht müdet zu wiederholen — bald an die Türen klopfen. Bailouts werden gefordert, in der Sprache der Macht „Liquiditätshilfen" genannt, in der Sprache der Bilanz „Rekapitalisierung", in der Sprache derer, die sie bezahlen: Steuererhöhung, Kürzung, Entzug. Die Vulnerablen — ein Wort, das wie Latein klingt und doch nur die Übersetzung von „die, die nichts haben" ist — werden herangezogen, nicht weil sie schuldig wären, sondern weil sie die einzigen sind, die man erreichen kann.
Hier liegt der Mechanismus offen, und hier muss der Ermittler innehalten. Welcher Preiskalkül des Scheiterns wird den Vulnerablen auferlegt? Die Frage ist nicht rhetorisch; sie ist ökonomisch, und sie ist, soweit die vorliegenden Belege reichen, unbeantwortet. Es gibt keinen präzise benannten Reformmechanismus, der jene, die vom Versagen profitierten, in die Pflicht nimmt. Es gibt einen IWF, der im Mai 2016 — so die Financial Times in einer Selbstkritik, die mehr verrät als sie verschweigt — eine „misplaced mea culpa" für den Neoliberalismus abgab. Ein misplaced mea culpa. Das Wort wiegt schwer. Es bedeutet: wir bedauern, aber wir haben es nicht so gemeint. Es bedeutet auch: wir haben es sehr wohl so gemeint, und die Folgen tragen andere.
Gary Gerstles Geschichte des neoliberalen Ordens, in derselben Zeitung im April 2022 als „instant classic" gefeiert, ist in Wahrheit das Eingeständnis einer ganzen Klasse, dass das Gebäude, in dem sie wohnte, baufällig geworden ist. Man nennt das eine „reckoning with capitalism" — man erkennt, was man angerichtet hat, und zieht die Vorhänge auf, damit das Licht gnädig fällt. Was im Schatten bleibt, ist die Frage, wer die Rechnung bezahlt.
Und hier versagt die investigative Neugier an ihrer eigenen Quelle. Die FT, einst Hüterin der Orthodoxie, mag ihre Meinung geändert haben — oder, präziser: sie mag erkannt haben, dass die Orthodoxie nicht mehr trägt. Doch ein Meinungswechsel ist keine Reform. Eine Zeitung, die aufgibt, was sie jahrzehntelang predigte, ist noch kein Mechanismus, der jene zur Kasse bittet, die von dem Predigen profitierten. Was fehlt, ist die Architektur der Haftung. Es fehlt — und das ist die offene Frage, die jeder Ermittler notieren muss, bevor er das Dossier schließt — die institutionelle Verbindung zwischen Gewinn und Verlust. Wer hat profitiert? Wer hat verschwiegen? Welche Struktur trägt das Schweigen?
Die Antwort, soweit sie aus den vorliegenden Belegen hervorgeht, ist beunruhigend. Die Financial Times, so Tax Research UK im April 2020, habe den Neoliberalismus „abandoniert" — verlassen, aufgegeben. Man solle ihr das nie vergessen. Aber „nie vergessen" ist kein juristischer Titel. Es ist ein Stoßseufzer, ein moralisches Register, das in keiner Bilanz erscheint. Die Vulnerablen bezahlen nicht in moralischen Registern. Sie bezahlen in Zinsen, die sie nicht gewählt haben, in Kürzungen, die sie nicht beschlossen haben, in einer Krise, deren Namen sie nicht einmal kennen.
Wer profitiert also? In den Belegen werden die Banken genannt — jene, die, so das Zitat, „bald an die Türen klopfen" werden, bittend um Rettung, die sie selbst verschuldeten. Wer verschweigt? Die Zeitung, die ihren Lesern jahrelang erzählte, der Markt werde es richten, und die heute, da er es nicht richtet, eine neue Geschichte erzählt, ohne die alte zu widerrufen. Welche Struktur trägt es? Der Neoliberalismus selbst — eine Ordnung, die Profite privatisierte und Verluste sozialisierte, so oft beschrieben, dass die Wiederholung fast schon ein Eingeständnis der Vergeblichkeit ist.
Was bleibt, ist die Frage nach dem Mechanismus der Gerechtigkeit. Es gibt, soweit die Aktenlage reicht, keinen. Es gibt eine Zeitung, die ihre Meinung ändert. Es gibt einen IWF, der sein Bedauern „misplaced" nennt. Es gibt ein Buch, das als Klassiker gefeiert wird, weil es beschreibt, was alle längst wissen. Was es nicht gibt — und hier endet jede Ermittlung, bevor sie begonnen hat — ist ein verbindlicher Reformmechanismus, der die Profiteure des Scheiterns finanziell in die Pflicht nimmt. Die Vulnerablen warten. Die Rechnung wächst. Und jene, die unterschreiben sollten, schreiben Kolumnen.
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