300 Millionen für den Abgang: Whitehalls goldene Guillotine
Dreihundert Millionen Pfund. In Goldbarren wäre das ein Witz. In Pfund Sterling ist es ein Skandal. Ein Audit hat aufgedeckt, was jeder wusste, der in den Korridoren von Whitehall zwischen den Empfangstheken und den Sicherheitsschleusen hindurchblickte: Die sogenannten Golden Goodbyes – diese üppigen Abfindungspakete für Beamte und Mitarbeiter öffentlich finanzierter Einrichtungen – haben sich binnen eines Jahrzehnts verdoppelt. Über dreihundert Millionen Pfund. Jährlich. Eine Verdopplung, versteht sich. Nicht eine Steigerung, nicht ein Aufwuchs – eine Verdopplung. Während draußen, auf den Straßen jenseits der geputzten Mauern, die Realeinkommen schrumpfen.
Man muss das übersetzen. Nicht in die Sprache der Buchhalter mit ihren weichen lateinischen Vokabeln für das gleiche Wort in Grün und in Rot. Sondern in die Sprache der Frau, die in Sunderland an der Bushaltestelle steht und überlegt, ob sie die Heizung anstellt oder den Kindern neue Schuhe kauft. Dreihundert Millionen Pfund. Das sind nicht Zahlen. Das sind Schulen, die nicht gebaut werden. Gerichte, die nicht besetzt werden. Wartezimmer, in denen eine Schwester für vierzig Patienten zuständig ist und am Ende ihres Dienstes nicht einmal eine Tasse Tee bekommt, geschweige denn eine Abfindung.
Und nun der zweite Akt im Drama jener Klasse, die sich selbst als öffentliche Diener bezeichnet, während sie nach zwanzig Jahren den Dienst verlässt wie ein Bankier nach einer fetten Fusion: Die Kopfzahlen in Whitehall sind um ein Drittel gestiegen. Ein Drittel. Nicht um ein Fünftel, wie im Rest des öffentlichen Dienstes – nein, dreimal so schnell. Eine Expansion, die in der freien Wirtschaft als ungezügelter Heißhunger auf Fördertöpfe bezeichnet würde. Hier nennt man es schlicht Modernisierung. Klingt nach Aufbruch. Riecht nach Apparat.
Die Kausalität ist so simpel wie ein Schulbeispiel: Wer mehr Leute einstellt, muss mehr Leute bezahlen. Wer mehr Leute bezahlt, muss mehr Leute verabschieden. Wer mehr Leute verabschiedet, muss mehr zahlen, damit sie still gehen. Es ist die Mathematik des Wohlwollens. Eine Pyramide, die nur eine Richtung kennt – nach oben, in die Taschen jener, die ohnehin schon gut gepolstert sind. Wer bezahlt? Der Mann aus Leeds, der im März seine Lohnabrechnung öffnet und dort vier Komma fünf Prozent Inflation liest, während oben jemand eine sechsstellige Summe erhält – weil sein Vertrag es so vorsah, weil sein Anwalt es so aushandelte, weil sein Vorgesetzter es so genehmigte. Es ist ein dreifaches Versagen, eingewickelt in eine einzige Gehaltsabrechnung.
Man stelle sich die Sitzung vor. Der Tisch aus Walnuss. Die Flasche Wasser mit dem eingravierten Wappen. Der Direktor sagt: Wir müssen die Personalkosten senken. Der Personalleiter nickt und versteht, dass dies nicht für ihn gilt. Der Direktor versteht, dass es niemals für ihn galt. Der externe Berater, dessen Honorar in einer Geheimnisklausel verschwindet, versteht, dass er genau dafür bezahlt wird, dieses Verständnis zu ermöglichen. Man einigt sich auf Einsparungen. Im Erdgeschoss.
Die Verabschiedung ist der letzte Akt. Der Beamte tritt ab mit einer Summe, für die ein Pfleger fünf Jahre arbeiten müsste. Manchmal länger. Das Goldene daran ist nicht das Geld. Es ist das Schweigen. Denn wer bezahlt ist, schweigt. Wer schweigt, klagt nicht an. Wer nicht klagt, hinterlässt keine Spuren. Und wer keine Spuren hinterlässt, kann morgen wieder anfangen – in einer Beratung, an einer Universität, in einem anderen öffentlich finanzierten Organ, das seine eigenen goldenen Türen vergoldet. Es ist ein Kreislauf. Ein geschlossenes System. Bezahlt von jenen, die nie gefragt werden.
Was das Audit benennt, aber nicht öffentlich zerlegt, gehört zu den unbequemen Resten: Welche spezifischen Körperschaften den größten Anteil dieser Summen schlucken. Welche Verhandlungschargen genau diese Pakete zusammenstellen. Ob die Summen an Leistung gekoppelt sind oder schlicht an die Dauer der Anwesenheit. Unklar bleibt, wer die Aufsicht führt, die diese Aufsicht führen sollte. Es ist eine offene Wunde, die niemand verbinden will, weil jeder, der verbindet, mit der Hand in der Wunde erwischt werden könnte.
Die Pfeife glüht. Der Aschenbecher ist voll. Draußen fährt der Nachtbus. Whitehall ist kein Gebäude. Whitehall ist ein Zustand. Der Zustand jener, die glauben, der öffentliche Dienst sei ein Selbstbedienungsladen, in dem die Zeche der Kunde zahlt. Der Kunde zahlt. Immer. Mit Zinsen.
❖ Ende des Artikels ❖
