100.000 Mann, zwei Manöver, eine Frage
Sie kennen das. Wenn jemand Stahl bestellt, fragt man nicht wofür. Man fragt wie viel. Hier sind die Zahlen: Mehr als 100.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze. 30.000 davon in Belarus, zum größten Manöver seit dem Zerfall der Sowjetunion. Zehn Tage Übung. Zehn Tage, in denen jeder General in jedem Hauptquartier die Uhr anders liest.
US-Außenminister Antony Blinken sagt, ein Einmarsch sei „jederzeit" möglich. Auch während der Olympischen Spiele. Die Nato sieht keine Anzeichen für einen Truppenabzug. Trotz der Ankündigungen aus Moskau. Das ist der Satz, den man sich merken muss: „Trotz Ankündigungen." In der Aufklärung bedeutet das: Die Ansagen sind für die Kameras. Die Truppenbewegungen sind für die Karten.
In Minsk sagt man, niemand wolle Krieg. Die Manöver seien Reaktion auf NATO-Aktivitäten. Stimmt vielleicht sogar. Aber wer einmal „nur Reaktion" gesehen hat, weiß: Es kommt auf die Feuerpause danach an. US-Generalstabschef Mark Milley telefonierte mit seinem belarussischen Kollegen über Fehleinschätzungen. Das gefährlichste Wort im Militärjargon. Es bedeutet: Jeder glaubt, er habe recht. Einer hat unrecht. Meistens der mit den weniger Panzern.
NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach von einem gefährlichen Moment für die europäische Sicherheit. Die Warnzeiten verkürzen sich. Ab einem bestimmten Punkt rechnen die Stäbe in Stunden, nicht in Tagen. Die russische Marine verstärkt das Schwarze Meer. Die Ukraine antwortet mit eigenen zehntägigen Manövern. Man nennt das Spiegelung. Meistens lesen beide Seiten falsch.
Während man in Hannover noch über Schutzkonzepte, Fingerspitzengefühl und die „Krise als Chance" für „effektivere Strukturen" streitet, während Anne Kura vollständige Aufarbeitung fordert und die CDU den Fall für abgeschlossen erklärt — Mitarbeiter entlassen, Bürgermeisterkandidat freigestellt, Deepfake-Videos in Chatgruppen — zählt man an der Grenze weiter Divisionen.
100.000 Mann. Zwei Manöver. Eine Frage. Und ich hoffe, dass ich falsch liege. Wie 1937. Wie immer.
❖ Ende des Artikels ❖
