Börse 1937
Terminal Tribune

5. September 2026

Dossier · Rüstung & Sicherheit

St. Petersburgs neue Artillerie: Geschosse aus Pixeln

5. September 2026 — — Hagen, Oberstleutnant a.D.

Dreihundert Mann auf acht Etagen. Tagsüber klicken sie wie Buchhalter. Nachts laden sie nach. Keine Granaten, kein Kaliber. Bytes. Das Unternehmen in St. Petersburg beschäftigt hunderte Internet-Trolle, um Putin-Propaganda in Kommentarspalten, sozialen Netzwerken, Nachrichtenströmen zu tragen. Sie haben ein neues Werkzeug bekommen. Es heißt Deepfake.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ich habe zwei Kriege überlebt. In beiden war die Kugel ehrlich. Sie traf, oder sie traf nicht. Was jetzt aus den Lautsprechern und Displays kommt, ist kein Beschuss mehr — es ist Infanterie im Rücken der Öffentlichkeit. Die neue Technologie erlaubt eine politische Medienmanipulation, die schneller, einfacher und überzeugender arbeitet als alles, was ich in Ausbildungseinheiten zur psychologischen Kriegsführung je gesehen habe. Was früher Propagandaabteilungen Wochen kostete, schreibt ein Algorithmus in einer Nacht. Das Vertrauen in gemeinsame Fakten zerbröselt. Demokratische Willensbildung? Wird zum Würfelspiel.

Funktionsweise: Die Trolle mischen authentische Inhalte mit Propaganda. Ein echtes Foto, ein erfundener Kontext. Eine reale Zahl, eine falsche Schlussfolgerung. Das Gift wirkt, weil es im Trinkwasser gelöst wird. Glauben Sie, Sie hätten heute Morgen eine Nachricht gelesen? Fragen Sie sich, wer sie wirklich verfasst hat.

Ein Beispiel aus dem Strom: Iran wirft der Ukraine vor, an militärischen Aktionen gegen Iran beteiligt zu sein. Klingt absurd. Soll es auch. Genau deshalb funktioniert es. Eine absurd klingende Behauptung, in den richtigen Kanal gegossen, sät Zweifel an allem anderen. Die Trolle brauchen nicht, dass Sie es glauben. Sie brauchen, dass Sie aufhören zu unterscheiden.

Parallel dazu setzen russische Artillerieeinheiten ihre Einsätze zur Schaffung einer Sicherheitszone fort — die Schlagkraft moderner Waffen unterstreicht das ganz reale Sterben, das im Hintergrund weitergeht. Während die Granaten einschlagen, wird über Schuldzuweisungen diskutiert. Die Schuldzuweisungen wurden vorher programmiert.

Was ich sehe, nennt sich Journalismus, ist aber Verdachtsjournalismus. Eine private Auseinandersetzung wird zum politischen Skandal hochstilisiert. NGOs und Politiker greifen den Fall auf, jeder für seine Agenda. Selektive Empörung. Nichts ist effizienter. Wer den Vorhang hebt, fragt: Cui bono? Wem nützt es?

Unklar bleibt, wie viele dieser Skandale wirklich Skandale sind und wie viele Manöver. Klar ist: Die neue Artillerie schlägt nicht mehr nur an der Front. Sie schlägt in Ihrem Browser zu. Und sie schießt mit Fälschungen.

Hagen, Terminal Tribune

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