Börse 1937
Terminal Tribune

5. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die zwei Gesichter der AfD — Was Wähler glauben und was sie wählen

5. September 2026 — — Kastner

In Genf habe ich Verträge gesehen, die schöner waren als die Hoffnungen, die sie weckten. Ich habe Männern die Hand gegeben, die lächelten, während die Feder schon über einem zweiten Dokument schwebte. Ich habe gelernt, dass die Wahrheit immer in der Pause vor dem Verb wohnt.

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Das war 1937. Die Welt spielt Schach. Ich kenne die Züge.

Was ich heute beobachte, trägt dieselbe Physiognomie. Eine Partei wird von ihren Wählern als nicht rassistisch beschrieben. Sie wird als eine Partei wahrgenommen, die für die kleinen Leute da ist. Sie wird als nicht gegen Klimapolitik stehend empfunden. Sie wird als nicht rechts angesehen. Sie wird als rechtsextrem empfunden. Sie wird als Vertreterin konservativer Werte beschrieben. Sie wird als demokratisch gewählt begriffen. Sie wird als nicht demokratisch begriffen.

Lesen Sie das noch einmal. Mit Handschuhen. Acht Wahrnehmungen, die sich gegenseitig aufheben wie Licht zwischen zwei Spiegeln. Die Wähler der AfD — so dokumentiert es der STANDARD nach Feldforschung in Sachsen-Anhalt, Tür an Tür mit den Menschen, die ihr Kreuz machen —, halten ihre Partei gleichzeitig für nicht rassistisch und für rechtsextrem, für eine Stimme der kleinen Leute und für eine Vertreterin konservativer Werte, für demokratisch gewählt und für nicht demokratisch, für nicht rechts und für nicht klimagegnerisch.

Dies ist keine Polemik. Es ist eine Autopsie.

Was hier seziert wird, ist nicht die Frage, ob die AfD rechts oder rechtsextrem sei. Diese Frage ist gestellt, die Antworten liegen sortiert vor. Eine Quelle sagt: die AfD ist nicht rechts. Eine andere sagt: die AfD ist rechtsextrem. Eine dritte sagt: die AfD ist rechts. Quelle A beschreibt die AfD als nicht rechts, Quelle B beschreibt sie als rechtsextrem. Drei Blicke, drei Richtungen — und doch beim Blick ins Programm eine Konvergenz.

Die Plattform, auf der gewöhnliche Bürger einander Fragen stellen, kommt zu dem lakonischen Urteil: „Die AfD ist nicht rechts, die AfD ist rechtsextrem" — mit der Empfehlung, Programm und Reden zu prüfen. Eine Broschüre mit dem Titel „Deutschland Solidarisch Gestalten" ordnet die Partei als rechtsextrem ein und hält fest, dass sie demokratisch gewählt werden könne, ohne deshalb demokratisch zu sein. Ein Kolumnist sieht die Mitglieder mehrheitlich aus jenen Parteien kommen, die den rechtsstaatlichen Raum seit dem Herbst 2015 dauerhaft verlassen haben.

Vier Quellen. Vier Blickwinkel. Eine Diagnose.

Die investigative Frage lautet daher nicht mehr: Was ist die AfD? Sie lautet: Was geschieht mit einer Demokratie, in der dieselben Menschen eine Partei als rechtsextrem bezeichnen und sie dennoch wählen, in der dieselben Menschen eine Partei als demokratisch beschreiben und in derselben Sekunde als undemokratisch, in der dieselben Menschen erwarten, dass eine Partei für die kleinen Leute sei, während die Protokolle zeigen, dass der kleine Mann nur als rhetorische Verkleidung dient?

Wenn „rechts" und „rechtsextrem" in derselben Umfrage als gegensätzliche Attribute derselben Partei erscheinen, beginnen die Begriffe zu zerbrechen — nicht in den Reden der Funktionäre, sondern in den Köpfen der Wähler. Die Diskrepanz zwischen „nicht rechts" und „rechtsextrem", zwischen „nicht rassistisch" und „rechtsnational", zwischen „demokratisch gewählt" und „nicht demokratisch" — das ist nicht mehr das Skelett einer Partei. Es ist das Skelett einer Gesellschaft, die sich weigert, ihre eigenen Begriffe noch ernst zu nehmen. Wie ein Art-Deco-Glas, das einmal geschlagen wurde und seitdem bei jedem Blick zu brechen droht.

Wer profitiert von dieser Spaltung? Die Frage gehört zum Handwerk des Ermittlers. Profitieren die Wähler, die sich in einer Gemütlichkeit einrichten, die das Programm nicht stört? Profitieren die Funktionäre, die das Programm schreiben, weil sie wissen, dass die Wähler es nicht lesen werden? Profitieren die Beobachter, die sich in der Rolle des Aufklärers gefallen, während die Aufklärung an der Tür des Wählers abprallt?

Unklar bleibt, wer die Deutungshoheit über diese Begriffe tatsächlich hält. Unklar bleibt, ob die Wähler die Diskrepanz zwischen Wunschbild und Programm jemals als Diskrepanz erkennen — oder ob sie das Wunschbild so lange anpassen, bis es wieder passt.

Die offenen Fragen: Wohin wird sich diese Wählerschaft bewegen, wenn die Diskrepanz zwischen Bild und Programm so groß wird, dass auch das weichste Auge sie nicht mehr übersehen kann? Wird der Begriff „rechtsextrem" so lange relativiert, bis er nichts mehr bedeutet? Wird der Begriff „demokratisch" so lange strapaziert, bis er alles und nichts bezeichnet? Und wer zahlt den Preis, wenn eine Gesellschaft aufhört, sich auf die Bedeutung der Worte zu einigen, mit denen sie ihre politischen Gegner bezeichnet?

In Genf lernte ich, dass die Männer, die Verträge brachen, immer zuerst die Begriffe zerstörten. Leise, im Konjunktiv, im Lächeln, in der höflichen Relativierung. Meine Handschuhe liegen bereit. Ich werde sie noch eine Weile tragen müssen.

❖ Ende des Artikels ❖

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