1,5 Gigawatt für Selangor — wem gehört der Schalter?
Es beginnt mit einer Zahl. 1,5 Gigawatt. Das ist keine Energie, das ist ein Versprechen. Und Versprechen, meine Damen, liest man am besten im Kleingedruckten.
DayOne Data Centers Limited, eine Plattform mit Sitz in Singapur, und TNB Power Generation Sdn. Bhd., die hundertprozentige Tochter des malaysischen Staatskonzerns Tenaga Nasional Berhad, haben Anfang September 2026 bekannt gegeben, dass sie eine dedizierte On-Site-Stromerzeugung von bis zu 1,5 Gigawatt für ein neues Rechenzentrum in Selangor, Greater Kuala Lumpur, prüfen. Ein Memorandum of Understanding wurde unterzeichnet. Mehr nicht. Aber „mehr nicht" ist in diesem Geschäft oft mehr als genug.
1,5 Gigawatt. Wer die Sprache der Kraftwerke nicht spricht, dem sage ich: Das ist die Leistung eines mittelgroßen Kernkraftwerks — eines Kernkraftwerks, wohlgemerkt — nur dass hier kein Uran, sondern künstliche Intelligenz brennt. Genauer: die KI, die uns morgen erklären wird, wie wir zu leben haben. Die Frage ist nicht, ob genug Strom da sein wird. Die Frage ist, wer ihn einschaltet. Und wer ihn abschaltet.
DayOne kommt aus Singapur. Das ist keine Nebensache, das ist der springende Punkt. Wenn ein ausländisches, privatwirtschaftliches Unternehmen über eine digitale Infrastruktur verfügt, die in einem Nachbarstaat bald so viel Strom zieht wie eine Großstadt — dann sprechen wir nicht mehr von einer Energiepartnerschaft. Dann sprechen wir von Kontrolle über kritische Infrastruktur. DayOne spricht von „Resilienz". Ein schönes Wort. Es klingt nach Widerstandsfähigkeit, nach Sicherheit, nach einem starken Rückgrat. In der Sprache der Konzerne bedeutet „Resilienz" immer dasselbe: dass man unabhängig ist. Unabhängig vom nationalen Netz, unabhängig von politischen Schwankungen, unabhängig von dem Land, in dem man die Server hinstellt.
Und TNB? TNB GenCo liefert. Genau das ist die Aufgabe, die der malaysische Staatskonzern übernimmt: er baut, mit eigenen Ingenieuren, eigenen Anlagen, und — davon darf man ausgehen — zu nicht unerheblichen Teilen mit eigenen Mitteln, ein Kraftwerk für einen einzigen Kunden. Einen Kunden, der in Singapur registriert ist. Die formale Souveränität über den Schalter bleibt in Kuala Lumpur. Die Souveränität über die Daten, die durch diesen Strom fließen, liegt anderswo. Genau dort, wo die Quartalsberichte der Plattform erscheinen.
Man nehme das Wort „Digital Economy" aus der Pressemitteilung. Es steht dort zweimal. Es steht dort, weil in Kuala Lumpur derzeit niemand einem Projekt widerspricht, das sich „Digital Economy" auf die Fahnen schreibt. Wer wäre der Spielverderber? Wer würde dem Premierminister ins Gesicht sagen, dass die hochwertigen digitalen Investitionen, die Malaysia angeblich anzieht, in Wahrheit hochwertige Abhängigkeiten sind? Niemand. Und deshalb stehen sie da, gedruckt, offiziell, unbestreitbar.
Die Vereinbarung umfasst auch ein Batterie-Energiespeichersystem, ein BESS. On-site. Direkt neben dem Rechenzentrum. Das bedeutet: Die Anlage kann bei Bedarf vom öffentlichen Netz getrennt werden. Sie kann als eigene Strominsel laufen. Im Krisenfall — und Malaysia kennt politische Krisen — wäre DayOne weiter betriebsfähig, während das Land im Dunkeln sitzt. Das ist „Resilienz". Das ist exakt das, was dieses Wort in den Mappen der Unternehmensberater bedeutet: nicht Stärke des Gemeinwesens, sondern Stärke gegen das Gemeinwesen.
Hinzu kommt ein Detail, das in der Pressemitteilung beiläufig steht und deshalb die wichtigste Zeile des gesamten Dokuments ist: „The final capacity, configuration and implementation model remain subject to feasibility assessments, definitive agreements and applicable regulatory approvals." Mit anderen Worten: Nichts ist entschieden, aber alles ist bereits in der Welt. Das MoU ist kein Vertrag, aber es ist ein Signal. Es sagt den Investoren: Hier wird gebaut. Es sagt der Bevölkerung: Hier wird Strom verbraucht. Es sagt den Wettbewerbern: Wir waren zuerst da.
DayOne betreibt bereits Standorte in Johor. Nun kommt Selangor, Greater Kuala Lumpur. Die geographische Expansion folgt der politischen Logik: Wer den Süden hat, will den Mittelpunkt. Wer den Mittelpunkt hat, kontrolliert das Nervensystem. TNB GenCo erklärt feierlich, die Partnerschaft stärke „national grid security and reliability". Starke Worte. Ich habe in zwanzig Jahren Geschäftsberichten viele starke Worte gelesen. Die wenigsten davon waren Rechnungen.
Jamie Khoo, CEO von DayOne, spricht von einem „integrierten Ansatz", der On-Site-Stromerzeugung und Batteriespeicher direkt mit der Rechenzentrumsinfrastruktur verbinde. Das ist Ingenieurssprache. Dahinter steht eine einfache Wahrheit: Wir wollen nicht Teil des malaysischen Netzes sein. Wir wollen eine eigene Maschine. Wir wollen unsere eigene Stromwelt.
Und Malaysia? Malaysia bekommt ein Rechenzentrum, ein paar Hundert Arbeitsplätze während der Bauphase, ein paar Dutzend danach, und eine Stromrechnung, die irgendjemand bezahlen muss. Die NETR, die National Energy Transition Roadmap, wird bemüht. „Sustainable". „Responsible". „Renewable and lower-carbon energy solutions". Alles schön formuliert. Alles unter Vorbehalt. Alles auf Pump.
Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Sie waren es nie. 1,5 Gigawatt sind genug, um eine Stadt zu versorgen — oder ein Rechenzentrum, das einer Stadt erklärt, wie sie zu funktionieren hat. Wer hier gewinnt, liegt auf der Hand. Wer hier zahlt, wird man später fragen müssen. Unklar bleibt allein, ob dann noch jemand zuhört.
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