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Terminal Tribune

6. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Sachsen-Anhalt und die Karten, die niemand legen will

6. September 2026 — — Kastner

Sachsen-Anhalt atmet schwer an diesem Wochenende. Die Alternative für Deutschland steht in den Umfragen bei 44,5 Prozent — eine Zahl, die so nüchtern klingt, wie der Hammerschlag eines Auktionators nüchtern klingt, wenn er ein Gebäude versteigert, in dem noch Menschen wohnen. Eine Quelle spricht von 44 Prozent, eine andere, und niemand legt die Karten offen auf den Tisch, weil das Spiel nicht gewonnen werden soll, sondern nur gespielt. Wer bei dieser Runde verliert, weiß es ohnehin, und wer gewinnt, wird es nie sagen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Man muss die Quellen ansehen wie ein Arzt die Symptome. Ayşegül Çolak schreibt in der Daily Sabah aus der Perspektive der türkischen Diaspora, und sie nennt die Dinge beim Namen: eine Partei des äußersten rechten Rands, deren Programm unter dem Wort Remigration genau das umreißt, was es umreißt — die Sortierung von Millionen deutscher Bürger mit Migrationsgeschichte in eine Kategorie, die man früher Heimat nannte und heute Zwischenstation. Sie schreibt aus einer Position der Betroffenheit, und gerade deshalb klingt ihre Stimme wie eine Aussage vor Gericht. Sie erwähnt Remigration, weil Remigration erwähnt werden muss, wenn man ehrlich bleibt.

Die Berichterstattung der BBC von Jessica Parker liest sich anders. Auch dort fällt das Prädikat far-right, auch dort ist die Rede von einem Erdbeben in der postkriegsdeutschen Geschichte — aber der Text rahmt Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten, als charismatischen Hoffnungsträger, der auf seinem Simson-Moped durch die Stadt rollt und in seinen sozialen Medien von jenen umarmt wird, die er zu vertreten behauptet. Die Überschrift des Spiegels, Deutschlands gefährlichster Mann, wird erwähnt wie ein Gerücht, das man höflich weitergibt, ohne es zu kommentieren. Hier, in der zweiten Quelle, wird die Partei nicht geleugnet, aber eingeebnet; ihre Pläne werden als kontrovers beschrieben, nicht als das, was sie sind: ein Manifest der Ausgrenzung mit pädagogischem Vorzeichen.

Diese Differenz ist der Fall, den ich untersuche. Nicht was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Die eine Quelle spricht als Zeugin; die andere spricht als Chronist, der zu spät kam, um das Feuer zu löschen, und sich damit tröstet, die Flammen genau zu beschreiben. Wenn eine Quelle Remigration benennt und die andere es im Ungefären lässt, dann ist das keine redaktionelle Nachlässigkeit. Dann ist das ein Muster, in dem jene, die aus der Betroffenheit sprechen, präziser benennen müssen, damit jene, die aus der Distanz berichten, sich den Luxus der Mehrdeutigkeit leisten können.

Die Pläne liegen offen. Kindern aus Flüchtlingsfamilien soll in separaten Klassen beigebracht werden, dass ihr Aufenthalt in Deutschland nur vorläufig sei — The refugee children should be given the message that their stay in Germany is only temporary, so der Text, und die Botschaft ist nicht Integration, sondern die höfliche Aufforderung zur Abreise. Regenbogenflaggen sollen von Schulen verschwinden. Sexual deviations and non-reproductive lifestyles seien aggressiv gefördert worden über die normale Familie, heißt es im Manifest, und der Nationalsozialismus solle weniger Raum erhalten, während positive Aspekte deutscher Geschichte hervorgehoben werden sollen — ein Satz, der in seiner Banalität so viel Schrecken enthält wie ein Museum, das Auschwitz als Kapitel über Effizienz führt. Es ist die Sprache einer Partei, die nicht mehr leugnet, was sie ist, sondern nur noch höflicher formuliert, was sie meint.

Und dazwischen, in keiner Sonntagsumfrage auftauchend: die türkische Diaspora, die Çolak nicht als statisches Kollektiv beschreibt, sondern als ein Geflecht von Stimmen, das seit Jahrzehnten in deutschen Städten verwurzelt ist und nun zum ersten Mal hört, dass eine Partei, die in Sachsen-Anhalt an der Macht sein könnte, diese Existenz in eine Verhandlungsfrage verwandelt. Wenn 44,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler eine Partei tragen, deren Manifest die Grundlagen dieses Geflechts berührt, dann ist das kein rein ostdeutsches Thema. Dann ist es eine Frage an die Republik, gestellt in einem Landtagswahlkreis und gemeint als Adresse an alle, die hier wohnen.

Wer profitiert, das erkennt man auch ohne Mikroskop. Die AfD antwortete auf die Rede des amerikanischen Präsidenten über zivilisatorische Auslöschung mit einem Aufruf zum nationalistischen Erwachen — auch dies berichtet, und es klingt wie eine Übersetzung, die in mehreren europäischen Hauptstädten längst im Druck ist. Wer schweigt? Die Kanzlerkanzlei, deren Chef Friedrich Merz bei öffentlichen Auftritten ausgebuht wird und dessen Versprechen, den Aufstieg der extremen Rechten zu stoppen, inzwischen wie ein verfallener Wechsel klingt. Siegmund lächelt auf seinem Moped, die Welt schaut zu, die Handschuhe sind angezogen.

Was bleibt offen? Es bleibt offen, welche Zahl am Sonntagabend tatsächlich auf der Anzeigetafel stehen wird, 44,5 oder 44 oder etwas anderes, und ob die Differenz zwischen den Quellen ein Messfehler ist oder ein Hinweis. Es bleibt offen, welche Rolle die türkische Diaspora in den Reden der etablierten Parteien spielt — als Wählerpotential, als Beobachtungsfeld oder als Verhandlungsmasse, denn in den Programmen sucht man sie meist vergebens. Und es bleibt offen, ob Sachsen-Anhalt am Ende das ist, was die Umfragen versprechen, oder ob es nur das wird, was alle sich wünschen, ohne es auszusprechen.

Die Welt spielt Schach, und ich kenne die Züge. Aber in Sachsen-Anhalt sind die Figuren keine Diplomaten mehr. Es sind Menschen, die erfahren werden, was es heißt, wenn 44,5 Prozent keine Mehrheit sind, sondern ein Versprechen. Und Versprechen sind, das habe ich in Genf gelernt, die höflichste Form der Lüge.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL AfD ist voraussichtlich mit 44.5% der Stimmen in Sachsen-Anhalt zu gewinnen

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL AfD ist voraussichtlich mit 44% der Stimmen bei den Wahlkreisebenen zu gewinnen

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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