Börse 1937
Terminal Tribune

7. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Zwei Dollar pro Stunde, ein Super PAC am anderen Ende

7. September 2026 — — Kastner

Man stelle sich einen Raum vor. Vier Wände, ein Tisch, ein Telefon. Am anderen Ende der Leitung ein Wähler, der seine Meinung sagt — und am Ursprung der Stimme ein Mann in orangefarbener Kleidung, dessen Lohnzettel mit dem Wort Beschäftigung überschrieben ist. Zwei Dollar pro Stunde. Das ist keine Erfindung. Das ist Vertrag.

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Am 24. August 2026 veröffentlichte Oklahoma Watch, ein gemeinnütziges Investigativmedium, einen Bericht, der sich wie eine Autopsie liest: In vier staatlichen Haftanstalten Oklahomas — James Crabtree in Helena, Mabel Bassett in McLoud, Lexington Correctional und Joseph Harp, beide in Lexington — betreiben Insassen Callcenter für die Firma HBW Leads, einen in Oregon ansässigen Telemarketing-Anbieter, der nach eigenen Angaben Versicherungs-Leads generiert. Der Dienstleistungsvertrag zwischen dem Oklahoma Department of Corrections und HBW Leads benennt zwei zulässige Tätigkeitsfelder: ausgehende Anrufe zur Marketing-Lead-Generierung sowie die Durchführung oder Unterstützung politischer Meinungsumfragen, vorbehaltlich geltender Gesetze und Vorschriften.

Snopes, das amerikanische Faktenprüfportal, hat die in sozialen Netzwerken zirkulierende Behauptung im September 2026 mit dem Rating "True" versehen. Man darf das zur Kenntnis nehmen, ohne sich bequem zurückzulehnen. "True" ist ein juristischer Status, keine moralische Entlastung.

Die Mechanik, und hier beginnt das, was kein Vertrag offen ausspricht: HBW Leads zahlt dem Department of Corrections zehn Dollar pro geleistete Insassenstunde. Der Gefangene erhält zwei Dollar, zuzüglich möglicher Boni für generierte Leads oder abgeschlossene Umfragen. Die Differenz von acht Dollar fließt als Overhead an Oklahoma Correctional Industries, eine sich selbst tragende Untereinheit der Strafvollzugsbehörde, die laut eigener Website "Straftäter ohne marktgängige Berufsqualifikationen" beschäftigt. Der Vertrag erlaubt dem Department, bis zu achtzig Prozent des Lohnsatzes pro Insassenstunde einzubehalten. Achtzig Prozent. Die Zahl steht im Dokument. Man muss sie nur lesen.

Steve Wilbanks, Insasse im James Crabtree Correctional Center und nach Snopes-Überprüfung seit 2015 in staatlicher Obhut, wurde namentlich als Quelle benannt. Oklahoma Watch zitiert weitere drei anonyme Insassen. Ihre Identitäten sind geschützt, ihre Stimmen am Telefon sind es nicht — sie sprechen mit Wählern, die nicht wissen, wer am anderen Ende sitzt.

Was hier vor sich geht, ist kein Skandal im klassischen Sinn. Skandale setzen voraus, dass jemand ertappt wird, der sich versteckt hat. Hier hat sich niemand versteckt. Der Vertrag liegt vor. Die Aufgaben sind benannt. Die Stunde wird bezahlt, der Rest wird einbehalten. Das ist Architektur.

Bemerkenswert ist die Verbindung zu einem konservativen Super PAC, der über HBW Leads politische Meinungsforschung betreiben ließ. Welcher Super PAC konkret beauftragte, bleibt in der veröffentlichten Berichterstattung offen. Oklahoma Watch, Snopes und die nachfolgende Korroboration durch Oklahoma Voice, Hoodline und Law Commentary formulieren die Verknüpfung als bestätigt, benennen jedoch keine Einzelperson, keinen Direktor, keinen Scheck. Diese Lücke ist nicht kosmetisch — sie ist der Knoten, an dem zu ziehen wäre.

Ebenso unbeantwortet blieb zum Zeitpunkt der Verifikation eine Anfrage von Snopes an das Oklahoma Department of Corrections zur konkreten Begründung der Lohnstruktur und zur Frage, warum Telemarketing nicht auf der offiziellen Liste der Dienstleistungen von Oklahoma Correctional Industries erscheint. Ein Schweigen, das lauter spricht als jede Stellungnahme. Wenn eine Behörde Aufgaben beschreibt, die sie erledigt, und diese Aufgaben später in einem Vertrag auftauchen, den sie selbst unterzeichnet hat, dann ist die Liste entweder unvollständig oder die Beschreibung ist es.

Die Stunde kostet zwei Dollar. Der Staat kassiert zehn. Acht Dollar verschwinden in einer Struktur, die sich Industrie nennt und deren Geschäftsmodell darauf beruht, dass die Ware Mensch billiger ist als jede andere. Der Insasse telefoniert für eine Sache, die er weder wählt noch kontrolliert. Der Wähler am anderen Ende hört eine Stimme und weiß nicht, woher sie kommt. Das ist kein Zufall. Das ist ein Geschäftsmodell, ehrlich aufgesetzt und höflig verbucht.

Die offenen Fragen stehen, und sie bleiben nach der Lektüre aller verfügbaren Quellen genau das — offen: Wer genau hat den Auftrag auf Seiten des konservativen Super PAC erteilt? Welche Kampagne wurde mit welchen Daten gefüttert, wie viele Anrufe, wie viele Profile sind in dieser Zeit entstanden? Und welche Behörde — in welchem Staat — hält es für angemessen, dass politische Willensbildung durch Gefängnisarbeit zu zwei Dollar die Stunde vergütet wird?

Die Antworten werden nicht aus Oklahoma kommen. Sie werden aus der Frage entstehen, ob jemand sie zu stellen wagt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Oklahoma inmates worked for political call centers

    „A rumor circulated in early September 2026 that incarcerated people in the state of Oklahoma were contracted to work for a call center company that handled telemarketing for a conservative super PAC.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL $2 An Stunde

    „Prisoners employed at the call centers earn $2 per hour“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 2 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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